. Psychische Erkrankungen

Großstädter leiden stärker unter Stress

Schon länger ist bekannt, dass psychische Erkrankungen in Städten häufiger vorkommen als auf dem Land. Offenbar geraten Menschen, die in einer Großstadt aufgewachsen sind, schneller in Stress als andere. Forscher konnten dies nun durch Experimente bestätigen.
Großstädter leiden oft unter Stress

Das Leben in einer Großstadt kann die Anfälligkeit für Stress erhöhen

Mehrere Studien haben in der Vergangenheit ein gehäuftes Auftreten von Depressionen und Angststörungen bei Menschen in Großstädten festgestellt, die Schizophrenierate ist dort sogar doppelt so hoch. Das Stadtleben scheint also eine erhöhte Anfälligkeit gegenüber Stress zu verursachen, doch die genauen Zusammenhänge sind noch nicht erforscht. Professor Florian Lederbogen vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim hat auf dem diesjährigen DGPPN-Kongress in Berlin Experimente vorgestellt, die bestätigen, dass Großstädter insbesondere unter Belastung schneller gestresst sind als Menschen, die auf dem Land leben.

An der Studie nahmen 32 gesunde Probanden teil, die in unterschiedlich großen Städten und Gemeinden lebten und aufgewachsen waren. Die Testpersonen mussten im MRT unter Zeitdruck Rechenaufgaben lösen, die ihnen auf einem Bildschirm eingeblendet wurden. Zugleich sahen sie auch ein „Expertenpanel“, das ihre Leistung kommentierte. Diese „Experten“ erhöhten den Druck auf die Probanden zusätzlich, indem sie ihnen mitteilten, dass sie im Vergleich zu anderen Testpersonen viel schlechter seien. Sie drohten sogar, das Experiment unter diesen Umständen abbrechen zu müssen. „Es sollte eine Situation entstehen wie in der Schule an der Tafel. Alle schauen zu und der Lehrer gibt bissige Kommentare“, so Lederbogen. Die Gefahr, vor den Augen anderer zu scheitern, verursache besonders starken psychosozialen Stress.

Sozialer Stress setzt Großstädtern stärker zu

Wie sich zeigte, bewirkte diese Situation bei den Großstädtern den höchsten Stress: Die rechte Amygdala zeigte bei ihnen signifikant stärkere Aktivitäten als bei den Landbewohnern. Dieser Zusammenhang zeigte sich besonders stark, wenn die Personen nicht nur aktuell in einer großen Stadt lebten, sondern dort auch aufgewachsen waren. Bei Personen, die ihre Kindheit und Jugend in einer Großstadt verbrachten, fanden die Forscher unter Stress zudem eine erhöhte Aktivität im perigenualen anterioren cingulären Kortex (pACC), dagegen war das Volumen im dorsolateralen präfrontalen Kortex (DLPFC) signifikant reduziert - weitgehend unabhängig davon, wo sie jetzt lebten. Zur Erläuterung: Die Amygdala gilt unter anderem als das Angstzentrum im Gehirn, der pACC bildet mit der Hypothalamus-Hypophysen-Achse ein Stress-Reaktions-Netzwerk, und der präfrontale Kortex sollte dies kognitiv kontrollieren. Genau diese Kontrolle scheint bei den Großstädtern nicht so gut zu funktionieren; sie können der stressigen Situation am wenigsten entgegensetzen.

 

Rentner können vom Großstadtleben profitieren

Die Experten vermuten, dass Lärm, Hektik, eine unnatürliche Umgebung und Abgase eine größere psychische Vulnerabilität verursachen. Und offenbar ist das Gehirn von Kindern und Jugendlichen besonders anfällig: Das Großstadtleben hinterlässt hier einen lebenslang prägenden Abdruck, der sich in einer reduzierten Stresstoleranz bemerkbar macht. Andererseits gibt es Untersuchungen, wonach das Risiko für psychische Erkrankungen wieder zurückgeht, wenn Menschen von der Stadt aufs Land ziehen.

Interessanterweise scheint sich das Gehirn von älteren Menschen an den Großstadtstress zu gewöhnen. Ein Vergleich der Großstadt Chicago mit dem idyllischen Portland ergab bei Jugendlichen in Chicago ein dreifach erhöhtes Risiko für Ängste und Sorgen, ältere Bewohner in Chicago waren hingegen deutlich weniger besorgt und depressiv als diejenigen in der Kleinstadt. Im höheren Alter scheinen Menschen also besser mit dem Großstadtleben zurechtzukommen und können vielleicht die Vorteile besser genießen. Welche Zusammenhänge hier jedoch genau wirken, ist noch unbekannt, und eins sollte auch nicht vergessen werden: Jeder reagiert anders.

Foto: © Blend Images - Fotolia.com

Autor: red
Hauptkategorie: Medizin
 

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