. Influenza-Konferenz ESWI

Grippe bei älteren Menschen immer noch unterschätzt

Weltweit gibt es jedes Jahr bis zu einer halben Million Grippetote. Fast alle sind älter als 65. Wie ältere Menschen besser vor Grippe geschützt werden können, war eines der Top- Themen auf der Influenza-Konferenz ESWI in Riga.
Hunderttausende schwere und tödliche Verläufe bei Grippe: Ältere Menschen sind einen Hochrisikogruppe

Hunderttausende schwere und tödliche Verläufe bei Grippe: Ältere Menschen sind eine Hochrisikogruppe

Grippe ist eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung. Weltweit treten jedes Jahr drei bis fünf Millionen schwerste, komplikationsreiche Grippefälle auf und bis zu einer halben Million Menschen sterben daran. Menschen ab 65 sind besonders gefährdet. Daten aus Europa zeigen: 70 Prozent aller Grippefälle, 92 Prozent der damit verbundenen Krankenhauseinweisungen und 97 Prozent aller Grippetodesfälle betreffen diese Altersgruppe.

„Die Grippe wird immer noch unterschätzt“, sagte der britische Allgemeinmediziner Dr. George Kassanios am Dienstag auf der 6. ESWI Influenza-Konferenz in Riga. Angesichts der schweren und oft tödlichen Krankheitsverläufe bei älteren Menschen rief er seine Kollegen auf: „Impft Eure Patienten“! Menschen über 65 seien schon wegen ihrer zahlreichen Ko-Morbiditäten eine Hochrisikogruppe. Die Gefahr einer Lungenentzündung oder einer anderen Komplikation sei „enorm.“

Impfraten zu niedrig, insbesondere in Deutschland

Obwohl in allen europäischen Ländern die Grippeimpfung für höhere Altersgruppen empfohlen wird, sind die Impfraten höchst unterschiedlich, aber überall zu niedrig. Nur Großbritannien und die Niederlande erreichen annähernd das von der WHO empfohlene Ziel, 75 Prozent aller 65-jährigen und älter gegen Grippe zu impfen. Deutschland nimmt mit 36,7 Prozent (RKI Grippesaison 2014/2015) einen Platz im unteren Mittelfeld ein. „Ein vereintes Europa braucht einheitliche Impfraten“, mahnte Influenzaexperte George Kassanios.

Doch unzureichende Impfquoten sind nur ein Teil des Problems. Weil das Immunsystem mit dem Alter schwächer wird, sprechen ältere Menschen auch nicht mehr so gut auf die Grippeimpfung an. Diese so genannte Immunoseneszenz nimmt mit steigendem Alter zu und ist das, was Forschern am meisten Kopfzerbrechen macht.

Studiendaten sprechen für Impfstoff + Wirkverstärker

Nach den auf dem ESWI präsentierten Studiendaten lässt sich die reduzierte Immunantwort derzeit am besten mit adjuvierten Grippeimpfstoffen überwinden. Das sind Vakzine, denen ein Wirkverstärker zugesetzt ist so dass das Immunsystem besser „anspringt“ und mehr Antikörpertiter und andere Immunzellen gebildet werden. Wissenschaftler nennen das "Immunogenität." Dadurch werden Geimpfte auch besser vor abdriftenden Viren verschiedener Grippestämme geschützt. Das heißt, selbst wenn der Wirkstoff nicht hundertprozentig auf die saisonalen Grippeviren passt - wie es immer wieder vorkommt - ist das Immunsystem besser gegen die Grippe gewappnet. 

Nach Auffassung von Paul van Buynder, Professor für Public Health an der Griffith-University in Australien, sind daher Impfstoffe mit Adjuvantien das Mittel der Wahl bei älteren Menschen. „Wir sehen eine größere Immunogenität, ein breiteres Wirkspektrums und eine länger andauernde Wirksamkeit“, sagte er. Unterm Strich, so der Wissenschaftler, könnten Impfstoffe mit Wirkverstärker zahlreiche Komplikationen, Krankenhauseinweisungen und Todesfälle verhindern. Buynder stützt sich dabei auf Studien aus Italien, Kanada und den USA mit mehreren Hunderttausend Patienten.

Neue Ansätze aus den USA 

Es gibt noch andere Wege, die Immunantwort zu verbessern. Hochdosierte Grippeimpfstoffe haben einen ähnlich verstärkenden Effekt wie Adjuvantien. Und neue zellbasierte Grippeimpfstoffe, wie sie die WHO gerade fördert, versprechen ebenfalls ein großes Potenzial, das Immunsystem zu "boosten" und den Körper besser vor einer heterogenen Virenvielfalt zu schützen. Für beide Ansätze gibt es viele gute Argumente, wie von Influenzaforschern in Riga zu hören war. Verfügbar sind sie derzeit aber nur in den USA und Kanada. 

Foto: © sebra - Fotolia.com

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