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Glioblastom: Rätsel um Langzeitüberlebende wird neu aufgerollt

Einige wenige Glioblastom-Patienten leben nach ihrer Diagnose fünf Jahre oder länger. Ärzte können sich das Phänomen des Langzeitüberlebens bis heute nicht erklären. Jetzt versucht ein mit amerikanischen Spendengeldern unterstütztes Forschungskonsortium das Rätsel zu lösen.
Glioblastom: Rätsel um Langzeitüberlebende wird neu aufgerollt

Was haben langzeitüberlebende Glioblastom-Patienten, was andere nicht haben? Ein internationales Konsortium will die Zwei-Millionen-Dollar-Frage jetzt lösen

Wer drei Jahre nach der Diagnose Glioblastom noch lebt, gilt bereits als Langzeitüberlebender. Dank besserer Therapien erreichen heute immerhin gut 20 Prozent der Betroffenen diese magische Grenze, aber kaum jemand erlebt die nächsten fünf Jahre. Ausnahmefälle hat es unterdessen schon immer gegeben: Patienten, die fünf Jahre, zehn Jahre oder sogar länger ihr Glioblastom überleben. Für Wissenschaftler sind diese Fälle äußerst interessant. Denn bekäme man die Ursache für das Langzeitüberleben heraus, hätte man möglicherweise das Rezept für eine neue Waffe gegen den bösartigsten aller Hirntumore in der Hand.

Doch bislang tappt die Wissenschaft hier mehr oder weniger im Dunklen. „Wir wissen bis heute nicht, was genau den Unterschied macht“, sagte Professor Michael Weller vom Hirntumorzentrum der Uniklinik Zürich am Samstag auf dem 35. Hirntumorinformationstag in Berlin. Dabei könnte die Ursache des Langzeitüberlebens der Schlüssel zu neuen Therapieansätzen sein, von denen dann auch andere Patienten profitieren können, meinte der Experte.

Die neue Registerstudie schließt rund 300 Glioblastom-Patienten aus 24 Zentren ein

Nun will ein internationales Forschungskonsortium das Rätsel ums Langzeitüberleben beim Glioblastom neu aufrollen. Mehr als 20 Hirntumorzentren aus den USA, Europa und Australien haben sich unter der Federführung des Unispitals Zürich und der EORTC (European Organisation for Research and Treatment of Cancer) zusammengeschlossen, um in den kommenden zwei Jahren rund 300 Fünf-Jahres-Überlebende auf Herz und Nieren zu prüfen. In der Registerstudie soll retrospektiv und prospektiv alles erfasst werden, was gemessen, analysiert und bewertet werden kann: Tumorproben werden gensequenziert, MRT-Bilder ausgewertet, Immunzellen und Antikörper aufgespürt, Therapien dokumentiert. Außerdem werden die Patienten nach ihren Lebensgewohnheiten sowie Vor- und Begleiterkrankungen befragt. „Das ist ein sehr aufwändiges Projekt, aber wir sind zuversichtlich, dass wir die Gründe für das Langzeitüberleben von Glioblastom-Patienten herausfinden werden“, so Neurologe Weller über das Forschungsvorhaben, das von der amerikanischen Brain Tumor Funders Collaborative (BTFC) zwei Millionen Dollar Spendengelder erhält.

 

Bisherige Forschung ließ viele Fragen offen

Etliche Wissenschaftler haben sich an dem Phänomen Langzeitüberleben beim Glioblastom schon die Zähne ausgebissen. Vergeblich hatte etwa die Uni Tübingen im Jahr 2004 nach des Rätsels Lösung gesucht. Unter 1.000 Glioblastom-Patienten fanden sich schließlich zehn, die ihre Diagnose mehr als fünf Jahre überlebten. Aber so sehr die Wissenschaftler auch suchten und die Patienten befragten, sie fanden schlicht keinen Unterscheidungsmerkmale zwischen den Langzeit- und den Kurzzeitüberlebenden heraus.

Im Jahr 2008 hat das Deutsche Gliomnetzwerk (GGN) dann eine weitere Studie mit vergleichbarer Fragestellung aufgelegt. Im Unterschied zur Tübinger Studie wurde hier das Langzeitüberleben mit nur 36 Monaten definiert, aber es kam ein neuer viel versprechenden Ansatz hinzu. Mit Hilfe der Gensequenzierung wurden molekulargenetische Profile erstellt, was 2004 noch gar nicht so möglich gewesen war. Die GGN-Studie zeigte drei klar erkennbare Tendenzen auf: Patienten mit einer MGMT-Methylierung oder einer IDH-Mutation haben eine höhere Lebenserwartung als Patienten ohne diese Merkmale, während der Krebsmarker EGFR eher eine schlechte Prognose bedeutet.

Langzeitüberleben bei Glioblastom: Immunantwort unter Verdacht 

Dieser Fund ist zwar inzwischen allgemein anerkannt. Doch das Phänomen des Langzeitüberlebens lässt sich auch damit noch nicht hinreichend erklären. Nahmen die Forscher nämlich den 2008 entdeckten, prognostisch günstigen Krebsmarker IDH aus ihrer Computer-Analyse heraus, ergab sich ein geradezu chaotisches Bild: Der Computer war nicht mehr in der Lage, den Langzeitüberlebenden irgendein Merkmal zuzuordnen – und umgekehrt. „Das Langzeitüberleben beim Glioblastom lässt sich keinesfalls allein durch das Genexpressionsprofil erklären“, kommentierte Michael Weller auf dem Berliner Hirntumorinformationstag das Studienergebnis. „Und ich persönlich glaube auch nicht, dass es an den Therapien liegt.“ Wenn also all das nicht in Frage kommt, bleibt im Grunde nur noch der Patient. „Ich hoffe, es hat etwas mit Immunologie zu tun“, sagte Weller. „Das wäre aus meiner Sicht auch die schlüssigste Erklärung.“

Foto: © storm - Fotolia.com

Hauptkategorien: Berlin , Medizin
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