. Interview

"Gesundheit ist ein Menschenrecht"

Auf dem zweiten World Health Summit im Oktober haben sich vier Tage lang mehr als 1.200 Menschen aus über 80 Nationen in Berlin versammelt. Gesundheitsstadt Berlin sprach mit dem Initiator und Präsidenten des Kongresses, Prof. Dr. Detlev Ganten, über die akuten globalen Gesundheitsthemen, die Ziele des Gipfels und die soziale Verantwortung der Wissenschaft.
Prof. Dr. Detlev Ganten

Prof. Dr. Detlev Ganten

InterviewHerr Professor Ganten, Sie haben den World Health Summit vor einem Jahr ins Leben gerufen. Was ist eigentlich das Ziel des globalen Gesundheitsgipfels?

Ganten: Im Kern geht es darum, Gesundheit weltweit auf die Liste der Top-Themen zu setzen. Als Wissenschaftler haben wir die Verpflichtung zur sozialen Verantwortung. Deshalb möchte der Weltgesundheitsgipfel auf all die Probleme aufmerksam machen, die Einfluss auf unsere Gesundheit haben. Gemeinsam mit der Politik, mit der Industrie und mit gesellschaftlichen Interessenvertretern wollen wir Wege finden, wie der rasante wissenschaftliche Fortschritt in gesundheitsrelevante, politische Entscheidungen umgesetzt werden kann. Gesundheit ist ein Menschenrecht, und um das steht es nicht gut auf dieser Welt.

Das klingt nach einer Herkulesaufgabe. Um welche Probleme geht es denn vorrangig?

Ganten: Ja, das ist eine Riesenaufgabe. Alleine schafft das keiner. Ein Problem ist etwa unsere moderne Lebensweise. 80 Prozent aller chronischen Erkrankungen wie Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck oder Herz-Kreislauferkrankungen gehen darauf zurück, dass wir uns zu wenig bewegen und uns falsch ernähren: zu viel, zu süss, zu fett. Hinzukommen Faktoren wie Stress und Einsamkeit. Suizide aufgrund von Depressionen gehören mittlerweile zu den führenden Todesursachen auch in den jüngeren Altersgruppen. Kurz gesagt: Weil wir nicht mehr so leben, wie unsere Biologie es evolutionär vorgesehen hat, werden wir zunehmend krank.

Sind das nicht "hausgemachte" Probleme der Industrienationen?

Ganten: Natürlich sind diese Probleme vorwiegend in den Industrieländern entstanden. Aber wir exportieren unsere Lebensweise gerade auch in die armen Länder. Die Megacities mit 20 oder 30 Millionen Einwohnern befinden sich nicht in Europa, sondern in Asien und Südamerika. Es gibt Berechnungen, dass im Jahr 2050 etwa 75 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben wird. Es gibt aber keine Pläne, wie das bewältigt werden soll.

Die entfremdete Lebensweise in einer schnelllebigen Welt ist aber nur eine von vielen ungelösten Fragen...

Ganten: Natürlich geht es um weit mehr, wenn wir von globalen Gesundheitsthemen sprechen. Der Einfluss des Klimawandels auf die Gesundheit, die Korrelation zwischen Bildung und Gesundheit, die Entwicklung und Finanzierung der Gesundheitssysteme, die Ausbreitung von Infektionskrankheiten wie AIDS, Malaria, Tuberkulose, die Kindersterblichkeit in den Entwicklungsländern - all das sind Themen des Weltgesundheitsgipfels.

Was kann der Weltgesundheitsgipfel leisten, um diesen gigantischen Herausforderungen Herr zu werden?

Ganten: Der Weltgesundheitsgipfel hat diese Themen auf die politische Agenda gebracht. Damit haben wir einen Prozess angestossen, der weltweit auf breite Resonanz gestossen ist und dem schon heute konkrete Taten folgen. Die M8 Allianz hat sich bereits beim ersten Weltgesundheitsgipfel im letzten Jahr formiert. Das Netzwerk weltweit führender akademischer Einrichtungen ist inzwischen zu einer festen Grösse bei der Ausarbeitung neuer Strategien für globale Gesundheitsfragen geworden. Die Nationalakademien sind einbezogen und sind ja wichtige Berater für die Politik in allen Ländern. Nicht zuletzt die Schirmherrschaft von Nikolas Sarkozy und Angela Merkel haben gezeigt, dass der Weltgesundheitsgipfel als Ratgeber für die Politik ernst genommen wird.

Wie sieht der Rat an die Politik aus?

Ganten: Unser Rat an die Politik ist, auf guten Rat zu hören: Rudolf Virchow hat gesagt: "Medizin ist eine soziale Wissenschaft und Politik sollte Medizin im Grossen sein." Der Fortschritt in der Medizin ist rasant. Die Politik folgt zu langsam. Wir wissen, dass die biologischen Funktionen evolutionär entstanden sind. Daraus ist ein Konzept der "evolutionären Medizin" entstanden. Unser Körper arbeitet mit alten Patenten, die so alt sind, wie die Entstehung des Lebens selber. Wir leben aber in einer modernen urbanisierten schnelllebigen Zivilisation. Die Kluft zwischen unserer alten Biologie und der Art, wie wir leben, führt z.B. zu Zivilisationskrankheiten.

Was lehrt uns denn die Evolutionäre Medizin? Ein Beispiel bitte...

Ganten: Nehmen Sie den Bluthochdruck. Das Renin-Angiotensin-System (RAS) hatte evolutionär die Aufgabe, Salz und Wasser in der Niere zu halten, weil beides durch Hitze und körperliche Arbeit verlorengingen. Bei der heutigen Lebensweise treibt das aktive RAS den Blutdruck aber in die Höhe. Dieses evolutionäre Erbe führt bei der Hälfte der erwachsenen Bevölkerung zu Bluthochdruck und wir sterben an Hirnschlag oder Herz-Nierenversagen - wenn wir nicht pharmakologisch intervenieren. Dieses Beispiel zeigt besonders eindrucksvoll, dass wir aus den Erkenntnissen der evolutionären Medizin Lehren ziehen müssen. Medikamente gegen Bluthochdruck sind wichtig, aber Vorbeugung muss eine hohe Priorität haben.

Sie meinen, die Medizin sollte weg vom Reparaturbetrieb. Welchen Weg schlagen Sie vor?

Ganten: Die Prävention von Krankheiten muss ein zentraler Fokus der Medizin und der Politik werden. Hierzu sind gemeinsame Strategien von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft notwendig. Unser wesentliches Anliegen ist es, nachhaltige Strukturen zu schaffen, die es ermöglichen, die Erkenntnisse der Wissenschaft in neue präventive und therapeutische Ansätze zu überführen und die Krankenversorgung von heute in eine wirksame, präventionsorientierte Gesundheitsversorgung umzuwandeln.

Deshalb haben Sie als Leitmotiv Translation, Transition, Transformation gewählt?

Ganten: Richtig. Heute besteht noch eine erhebliche Kluft zwischen dem Fortschritt der Wissenschaft und dem, was tatsächlich bei den Menschen ankommt. Gesundheit ist ein Menschenrecht und wir wollen, dass alle Menschen auf diesem Globus dieses Recht verwirklichen können.

Und am Ende des Tages sollen sich die Punkte auf Ihrer Agenda in eine bessere Medizin und Gesundheitsversorgung verwandeln, zu der alle Menschen Zugang haben?

Ganten: Dafür setzen wir uns ein, wohl wissend, dass wir nicht für alles eine Lösung in der Tasche haben. Aber genau wie ich als Wissenschaftler eine Pflicht zu gesellschaftlicher Verantwortung habe, habe ich auch eine Pflicht zum Optimismus. Ich bin überzeugt, dass Verbesserungen von Gesundheit und Wohlergehen für die Menschen auf diesem Planeten prinzipiell notwendig und möglich sind.

Nach dem grossen Erfolg der ersten beiden Weltgesundheitsgipfel werden weitere folgen. Wird Berlin Gastgeber bleiben?

Ganten: Inspiriert von Rudolf Virchow, der in Berlin für eine Medizin als soziale Wissenschaft gekämpft hat, wurde die Idee zum World Health Summit in der Hauptstadt geboren. Ich halte Berlin mit seiner einmaligen Wissenschaftslandschaft und seiner grossartigen medizinischen Tradition für den idealen Ort, um eine solche Veranstaltung auszutragen. Diese Einschätzung teilen übrigens auch viele unserer prominenten Mitstreiter in aller Welt. In jedem Fall kann ich Ihnen versichern, dass der 3. World Health Summit im nächsten Jahr wieder in Berlin stattfinden wird: vom 23. bis zum 26. Oktober 2011 im Langenbeck-Virchow Haus in der Luisenstrasse. 

Hauptkategorie: Gesundheitspolitik

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