. Studie des Max-Planck-Instituts

Geringere Luftverschmutzung: 800.000 Tote weniger dank Corona-Lockdown

Die drastischen Maßnahmen gegen das Coronavirus vermindern nicht nur Krankheits- und Todesfälle durch COVID-19. Weil auch die Schadstoffemissionen von Verkehr und Industrie abgestürzt sind, hat sich die Luftqualität vor allem in Städten massiv verbessert. Laut Max-Planck-Institut könnten bis Ende 2020 dreimal soviel Todesfälle vermieden werden, wie das Coronavirus bisher gefordert hat.
Leere Stadtautobahn in Berlin - Blaues Schild: München, Tempelhof

Die Luft ist rein: Forscher sehen die Coronakrise auch als Chance, um die Nach-Corona-Gesellschaft gesünder zu gestalten – Beispiel Luftverschmutzung. In der Krise werde sichtbar, was politisch ginge, wenn man nur wollte.

In der Krise liegt die Chance: Plötzlich erreicht Deutschland unverhofft doch noch seine längst aufgegebenen Klimaziele für 2020. Einen vergleichbar markanten Effekt erwarten Forscher des Max-Planck-Instituts bei den jährlich durch schlechte Luft verursachten Krankheits- und Todesfällen. Der beispiellose Rückgang des Wirtschaftslebens und damit auch im Verkehr, bei der Stromerzeugung oder in der Industrie wirke sich positiv auf die globale Luftqualität und damit die menschliche Gesundheit aus, so das Resümee einer aktuellen Studie.

„Wir schätzen, dass schon in den ersten zwei Wochen der Lockdowns weltweit etwa 7400 vorzeitige Todesfälle und 6600 Fälle von Asthma bei Kindern vermieden wurden“, sagt Jos Lelieveld, Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz und Mit-Autor einer gemeinsamen Studie deutscher und norwegischer Wissenschaftler. Nach einer Hochrechnung des internationalen Forscherteams könnten im laufenden Jahr weltweit 780.000 vorzeitige Todesfälle unter Erwachsenen und 1,6 Millionen Asthmafälle bei Kindern vermieden werden – unter der Voraussetzung, dass die Schadstoffkonzentrationen in der Luft bis zum Ende des Jahres weiterhin niedrig bleiben.

Luftverschmutzung: 20 Prozent geringer in nur zwei Wochen

Die Auswirkungen der erzwungenen Lockdowns ermittelten die Forscher, indem sie Daten von Satelliten und von über 10.000 Messstationen in 27 Ländern auswerteten, darunter verschiedene europäische Länder wie Deutschland und Spanien, aber auch aus China und Chile. Den Daten zufolge hat sich die Luftverschmutzung jeweils in den ersten beiden Wochen der Lockdowns im Mittel um etwa 20 Prozent verringert. Dabei stellte das Team in einigen Ländern einen deutlichen Rückgang der Stickstoffdioxid-, Ozon- und Feinstaubmengen in Bodennähe fest.

 

Weniger Feinstaub – weniger Tote

In den ersten zwei Wochen des Lockdowns wurden nach Einschätzung der Wissenschaftler allein in China und Indien etwa 1.400 beziehungsweise 5.300 vorzeitige Todesfälle vermieden. Die Forscher begründen das vor allem mit den geringeren Feinstaubwerten in der Luft. Durch Feinstaub belastete Luft gilt als wichtige Ursache für Atemwegs- und Herzkreislauferkrankungen und beeinflusst dadurch die Zahl vorzeitiger Todesfälle. Da die beiden genannten wirtschaftlich aufstrebenden Länder sowohl die höchsten Verschmutzungswerte als auch die höchste Bevölkerungsdichte haben, profitieren sie am deutlichsten von der geringeren Luftverschmutzung.

Auch Stickoxide und Ozon schlecht für die Gesundheit

Um die Daten der Luftqualität mit den vorzeitigen Todesfällen in Verbindung zu bringen, bestimmten die Wissenschaftler zunächst die Belastung mit Stickstoffdioxid, Ozon und Feinstaub  in den jeweiligen Ländern. Anschließend berechneten sie mithilfe von epidemiologischen Methoden die tägliche Gesundheitsbelastung bezogen auf die Bevölkerungsdichte pro Land. Die Zahl der bis zum Jahresende vermeidbaren Todesfälle und neuen Asthmaerkrankungen ergibt sich aus einer Prognose darüber, wie sich die Konzentrationen von Stickoxiden, Ozon und Feinstaub bis Ende des Jahres ändern würden, falls die Einschränkungen weiterhin bestünden. Im April hatte bereits eine Studie der Universität Halle-Wittenberg auf einen Zusammenhang zwischen Stickoxiden in der Luft und schwereren Verläufen bei der COVID-19-Krankheit hingewiesen. Das wirtschaftsstarke Norditalien ist einer der Brennpunkte der Coronakrise.

Forscher: Coronakrise als Chance für gesündere Gesellschaft

Vor allem dauerhafte Luftverschmutzung richtet laut der Studie Schäden im Organismus des Menschen an. Oder positiv gesagt: Eine längerfristige Verminderung der Luftschadstoffe wirkt sich noch ungleich positiver auf die Gesundheit aus als eine vorübergehende. Deshalb appellieren die Wissenschaftler an die Verantwortlichen, die positiven Begleitzustände der Corona-Krise als Erkenntnisgewinn zu nutzen, um die Gesellschaft nach Corona gesünder zu organisieren.

„Globale Luftverschmutzungskrise nicht mehr übersehen"

Laut den Wissenschaftlern veranschaulichen diese Ergebnisse die potenziellen gesundheitlichen Vorteile, die sich aus einer verminderten Luftverschmutzung ergeben. „Wir wollen keinesfalls sagen, dass die aktuellen Einschränkungen für die Wirtschaft wünschenswert oder nachhaltig sind. Die aktuelle Situation zeigt aber die Bedeutung der oft übersehenen globalen Luftverschmutzungskrise“, sagt Zander Venter vom norwegischen Institut für Naturforschung in Oslo. Sein Kollege Lelieveld vom Mainzer Max-Planck-Institut ergänzt: „Um die Luftverschmutzung auch nach der Coronakrise langfristig zu reduzieren, sollten wir den Ausstieg aus der Verbrennung fossiler Energieträger anstreben. Das würde nicht nur die Gesundheit von Menschen weltweit verbessern, sondern mittelfristig auch das Klima schützen.“

Foto: AdobeStock/Fontano

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Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Corona
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