. Adipositas

Geringer Sozialstatus legt Kindern Übergewicht in die Wiege

Dicke Kinder hat es schon immer gegeben. Doch noch nie war der sozioökonomische Status so ausschlaggebend für krankhaftes Übergewicht wie heute. Kinderärzte sehen dringenden Handlungsbedarf.
Übergewicht, sozialer Status

Dicke Kinder stammen häufig aus bildungsfernen Familien.

Schätzungen des Robert Koch-Instituts zufolge sind mindestens 15 Prozent der Kinder im Alter zwischen 3 und 17 Jahren übergewichtig, und etwa sechs Prozent sind adipös, also krankhaft fettleibig.. Diese Zahlenaus Deutschland sind seit Jahren mehr oder weniger konstant. Schaut man sich aber das familiäre Umfeld der Kinder an, fällt eine gravierende Veränderung auf: Die soziale Ungleichheit für das Auftreten von krankhaftem Übergewicht hat im letzten Jahrzehnt sehr stark zugenommen.

Bildung und Einkommen der Eltern entscheiden über die Gesundheit von Kindern

Die nationale Kinder- und Jugendgesundheitsuntersuchung (KIGGS) stellt bei Kindern aus sozioökonomisch benachteiligten Familien eine 4,1-fach höhere Adipositas-Häufigkeit für Jungen fest. Für Mädchen ist das Risiko sogar 4,4-fach höher als in Familien mit hohem Bildungsgrad und Einkommen. Vor zehn Jahren betrug dieser Unterschied „nur“ das 3-fache. Dass ein fehlender Bildungsabschluss der Eltern das Adipositas-Risiko ihrer Kinder erhöht, bestätigt auch der aktuelle Kinder- und Jugendreport der DAK Gesundheit.

 

Einmal dick, ein Leben lang  krank

Das ist schlimm. Adipositas gilt seit kurzem als eigenständige Krankheit. Und sie zieht weitere Folgeerkrankungen nach sich: Studien zeigen, dass adipöse Kinder später öfter an schweren Krankheiten leiden als normalgewichtige Kinder. Dazu zählen etwa Zuckerkrankheit, Herzinfarkt, Schlaganfall und einige Krebsarten sowie eine deutlich kürzere Lebenserwartung.

Die dramatische Zunahme der deutlich schlechteren Gesundheits- und Lebenschancen für Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommens- oder Bildungsstand sei nicht akzeptabel, sagte Dr. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) bei einer gemeinsamen Pressekonferenz am 18. September in Berlin. „Wir dürfen diese Kinder keinesfalls zurücklassen, sondern müssen stärkere Anstrengungen unternehmen, um allen Kindern einen guten Start in ihre Zukunft zu ermöglichen“, so der Mediziner.

Gut gemeinte Kampagnen erreichen die Zielgruppen nicht

Kampagnen mit gut gemeinten Broschüren und Projekten seien dabei nicht zielführend. Familien aus Risikogruppen würden damit nicht erreicht, monierten die Kinder- und Jugendärzte. Ihre Vorschläge, um das gewichtige Problem in den Griff zu bekommen, setzen bei der Verpflegung in Kindergärten und Schulen an. „Ein gesundes Essen in KiTa und Schule hat nicht nur unmittelbar einen großen Nutzen für die kindliche Gesundheit und Leistungsfähigkeit, sondern prägt langfristig ein gesünderes Essverhalten“, meinte Prof. Dr. Ingeborg Krägeloh-Mann, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ). Außerdem sollte in Kitas und Schulen die Abgabe von zuckerhaltigen Getränken verboten werden. „Kinder sollen lernen, Wasser zu trinken, um ihre Gesundheit zu schützen.“

Kinderärzte fordern Zuckersteuer und Werbeverbote

Weiter sollten aus Sicht der Kinder-und Jugendärzte Lebensmittel mit einem Nutriscore gekennzeichnet werden und eine Zuckersteuer eingeführt werden. Zudem fordern sie in striktes Verbot von Werbung für ungesunde Lebensmittel, die sich gezielt an Kinder richtet. Kinder, die der Lebensmittelwerbung ausgesetzt seien, verzehrten mehr ungesunde Speisen und Getränke, und seien häufiger von Übergewicht, Adipositas und den damit verbundenen Krankheiten betroffen, meinte Krägeloh-Mann. „Die wissenschaftliche Datenlage hierzu ist eindeutig.“

Die Lasten von kindlichem Übergewicht hat letztlich die Gesellschaft zu tragen: Allein die Gesundheitskosten für die heute in Deutschland übergewichtigen Kinder und Jugendlichen belaufen sich auf 1,8 Milliarden Euro.

Foto: wellphoto/fotolia.com

Autor: ham
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