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Gehirn vergisst unbewusste Erlebnisse nicht

Bisher ging die Forschung davon aus, dass nur bewusst erlebte Dinge länger im Gedächtnis abgespeichert werden und das Verhalten von Menschen damit beeinflussen. Eine Studie der Universität Bern hat jetzt diese Lehrbuchmeinung widerlegt. Für den Alltag kann das bedeuten: Demenzkranke darf man nicht unterschätzen, denn auch sie können weiter lernen und Dinge im unbewussten Gedächtnis abspeichern.
Gehirn- Hippocampus - das Lern- und Gedächtniszentrum.

Das Lern- und Gedächtniszentrum des Menschen im Gehirn ähnelt in seiner Form der Gestalt des Seepferdchens im Meer und trägt deshalb in der Medizin auch dessen lateinischen Namen „Hippocampus“.

Forscher der Universität Bern haben erstmals nachweisen können, dass nicht nur bewusste, sondern auch unbewusste alltägliche Erlebnisse von unserem Gedächtnis abgespeichert werden. Bemerkenswert daran: Unbewusste Erlebnisse werden – anders als die bewussten – vom Gehirn offenbar nicht so schnell wieder gelöscht.

So speichern wir Erlebnisse im Gedächtnis ab

Unsere alltäglichen Erlebnisse speichern wir automatisch in unserem sogenannten Episodischen Gedächtnis ab: Das ist ein Gedächtnissystem, das auf der zentralen Hirnstruktur Hippocampus beruht. Dieses seepferdchen-förmige Teilorgan (lat. Hippocampus = Seepferdchen) ist das Lern- und Gedächtniszentrum des Menschen. Bisher ging die Wissenschaft davon aus, dass nur bewusst Erlebtes hier gespeichert wird und dann später das Verhalten beeinflusst. Eine jetzt von Psychologen der Universität Bern vorgelegte Studie zeigt jedoch, dass auch unbewusst Erlebtes im Episodischen Gedächtnis gespeichert und verhaltenswirksam werden kann. Zudem entdeckten die Forschenden, dass unbewusst gelerntes Episodenwissen – anders als das bewusste – offenbar keinem Vergessensprozess unterliegt.

 

Nicht bewusst gesehen – und trotzdem gedächtniswirksam

Für den Test wandten die Schweizer Forscher einen Trick an. Den 320 Studienteilnehmern führten sie Filme mit komplexen Szenen vor, in denen Einzelbilder zwar gezeigt wurden; aber sie wurden nur 17 Millisekunden lang „eingeblitzt" – zu schnell, um vom Bewusstsein verarbeitet werden zu können. Diese Bilder waren damit gewissermaßen im Film versteckt; filmische Handlungen konnten im Test daher nur unbewusst registriert werden. Dass die Filme dennoch im Detail langzeitgespeichert wurden, erkannten die Forscher an den in der Testsituation gemessenen Reaktionen der Probanden.

Unbewusst Erfahrenes kann Verhalten beeinflussen

„Das Testverhalten zeigt, dass die unbewusst aufgenommenen filmischen Handlungen unser Verhalten unbemerkt beeinflussen können“, sagt Katharina Henke, Hauptautorin der Studie und Forschungsgruppen-Leiterin am Institut für Psychologie der Universität Bern. Was die Forscher aus dem Verhalten der Testpersonen herauslesen, ist: Offenbar können Menschen viele komplexe Sachverhalte unbewusst im Episodischen Gedächtnis langzeitspeichern, ohne etwas zu vergessen. „Das ist beim bewussten Lernen im Episodischen Gedächtnis noch nie beobachtet worden“, sagt Henke. „Was man bewusst gelernt hat, vergisst man zumindest teilweise wieder."

Gedächtnisspeicher: Bruch mit der Lehrbuchmeinung

Welche Bedeutung kann man den psychologischen und neurowissenschaftlichen Ergebnissen der Studie beimessen? Nach Ansicht der Studienautoren sind es vor allem diese beiden:

  1. Einerseits widerlegen die Ergebnisse die Lehrbuchmeinung, wonach nur bewusst Registriertes im Episodischen Gedächtnis abgespeichert wird.
  2. Selbst eine große Menge von komplexen Ereignissen kann unbewusst registriert und im Episodischen Gedächtnis langzeitgespeichert – und damit verhaltenswirksam werden. Und unbewusst Gespeichertes geht nicht (oder nicht so schnell) wieder verloren.

Demenz: Das unbewusste Gedächtnis arbeitet weiter

Die Bedeutung für den medizinischen Alltag liegt vor allem im Umgang mit Patienten, die an Amnesie- oder Demenz-Erkrankungen leiden (Amnesie = Gedächtnislücke, umgangssprachlich: „Filmriss“, beispielsweise nach einem Unfall). Bei diesen Patientengruppen funktioniert das Episodische Gedächtnis nicht (mehr) richtig, sie haben Gedächtnisdefizite. Die Berner Studie kommt zu dem Schluss, dass sie – besonders schwere Fälle ausgenommen – noch immer unbewusst lernen und erinnern können. „Deswegen darf man diese Patientinnen und Patienten nicht unterschätzen“, sagt Studien-Autorin Katharina Henke. „Man sollte sie stattdessen ermutigen, auf ihr Bauchgefühl zu hören, weil so Informationen aus dem unbewussten Episodischen Gedächtnis abgerufen werden und auf das Verhalten einwirken können.“

Foto: AdobeStock/SciePro

Autor: zdr
Hauptkategorie: Medizin
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