. MEDEA-Studie

Frauen nehmen Herzinfarkt-Anzeichen nicht ernst genug

Bei Herzinfarkt heißt es, so schnell wie möglich in die Notaufnahme. Ältere Frauen kommen aber später als alle anderen Patientengruppen ins Krankenhaus. Wissenschaftler haben nun die Gründe enträtselt.
Generation „wird schon wieder“: Ältere Frauen spielen die Anzeichen eines Herzinfarkts zu lange runter

Generation „wird schon wieder“: Ältere Frauen spielen die Anzeichen eines Herzinfarkts zu lange runter

Schon lange ist bekannt, dass Frauen einen Herzinfarkt seltener überleben als Männer. Allgemein wird angenommen, dass bei ihnen das typische Symptom Brustschmerz fehlt und sie daher später die notwendige Behandlung erhalten. Nun kommt eine Studie zu einem überraschend anderen Ergebnis. Gendermedizinern könnte die Antwort gefallen.

Wissenschaftler vom Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) haben in der MEDEA-Studie untersucht, wie viel Zeit zwischen den ersten Symptomen und der Einlieferung ins Krankenhaus vergeht. Dabei wurden die Patienten nach Alter und Geschlecht differenziert. Am schnellsten schaffen es demnach jüngere Frauen (unter 65) ins Krankenhaus, nämlich innerhalb von zweieinhalb Stunden. Männer dieser Altersgruppe benötigen drei Stunden, Männer über 65 dreieinhalb Stunden. Mit Abstand am längsten dauert die Einlieferung bei älteren Frauen über 65: Viereinhalb Stunden vergehen im Schnitt, bis sie Hilfe erhalten.

Kombination aus Alter und Geschlecht macht den Unterschied

„Anders als bisher angenommen, ist es also weder allein das Alter noch das Geschlecht sondern die Kombination aus Alter und weiblichem Geschlecht, die zu langen Entscheidungszeiten zwischen Auftreten der ersten Herzinfarkt-Symptome und der Versorgung in einer Notaufnahme führt“, fasst DZHK-Wissenschaftler Professor Karl-Heinz Ladwig ein wichtiges Ergebnis der Studie zusammen.

Dass Frauen über 65 tatsächlich seltener Brustschmerzen bei einem Herzinfarkt haben, konnte die Studie bestätigen. Jedoch fanden die Forscher heraus, dass dieses atypische Phänomen ebenso auf gleichaltrige Männer zutrifft. „Je älter desto weniger Brustschmerz“, so Herzforscher Ladwig. Auch soll die Abwesenheit von Brustschmerz nur einen geringen Effekt auf die Entscheidungszeit der älteren Patientinnen gehabt haben und die beobachteten exzessiven zeitlichen Unterschiede nicht erklären können. Denn auch bei Übelkeit und Erbrechen gab es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern. „Das hatten wir ganz anders erwartet, da atypische Beschwerden bislang immer eher Frauen zugeordnet wurden“, so Ladwig.

 

Psychologische Ursachen gefunden

Wenn fehlende oder untypische Beschwerden also nicht die Ursache sind, dass ältere Frauen so spät in die Notaufnahme kommen, was ist es dann? Ladwig und seine Kollegen sehen die Gründe für die langen Entscheidungszeiten im psychologischen Bereich, unter anderem in einer falschen Bescheidenheit: „Das wird schon wieder besser, da muss ich doch jetzt nicht den Notarzt rufen. Was sollen die Nachbarn denken, wenn der Krankenwagen vorfährt und dann doch nichts war?“ „Solche Gedanken sind wohl gerade bei älteren Frauen häufig und führen zu den gefährlichen Verzögerungen“, meint Ladwig, der auch Professor für psychosomatische Medizin an der TU München ist. Die Wissenschaftler wollen diese Faktoren nun in einer weiteren Studie näher untersuchen.

Männer rauchen, Frauen sind öfter arbeitslos

In der MEDEA-Studie (Munich Examination of Delay in Patients Experiencing Acute Myocardial Infarction) wurden 619 Patienten mit einem ST-Hebungsinfarkt befragt. Zertifizierte Interviewerinnen führten mit den Patienten innerhalb von 24 Stunden nach dem Verlassen der Intensivstation Gespräche durch. Außerdem füllten die Studienteilnehmer einen  Fragebogen aus, und aus den Krankenakten und den Angaben des medizinischen Personals wurden ihre körperlichen Risikofaktoren ermittelt. Die klinischen Eigenschaften zwischen Männern und Frauen unterschieden sich nur geringfügig, männliche Studienteilnehmer waren lediglich etwas häufiger Raucher als weibliche. Bei der Betrachtung der soziodemographischen Faktoren zeigte sich, dass die weiblichen Studienteilnehmer häufiger alleine lebten sowie älter und öfters arbeitslos waren.

Foto: © juefraphoto - Fotolia.com

Autor: ham
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