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16.05.2020

Folgen des Lockdowns: Kinder sind massiver Gewalt ausgesetzt

Erste Zahlen bestätigen, was Experten befürchtet haben: Durch den Lockdown während der Corona-Pandemie hat die Gewalt gegen Kinder stark zugenommen. Auch der allmähliche Exit wird daran zunächst wenig ändern. Die Folgen dieser Entwicklung werden uns noch jahrzehntelang begleiten.
Gewalt, Kinder, Corona

Kinder haben unter der Coronakrise besonders zu leiden: Viele von ihnen werden nun verstärkt Opfer von Gewalt.

Bei der Kinderschutzhotline des Bundesfamilienministeriums nimmt die Zahl der Anrufe in der Coronavirus-Krise stark zu. Allein in den ersten beiden Mai-Wochen nutzte medizinisches Personal in mehr als 50 Verdachtsfällen das Hilfsangebot – fast so häufig wie im gesamten April. Das erklärte Teamleiter und Kinderarzt Oliver Berthold im Gespräch mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ). „Wir werden teilweise wegen Verletzungen kontaktiert, die sonst nur bei Zusammenstößen mit Autos auftreten“, beschreibt Berthold die Situation. Betroffen seien besonders Kleinstkinder, die noch nicht selbst laufen können.

Experte: „Einsperren der Kinder führt zu innerfamiliären Konflikten“

Auch Kinderärztepräsident Thomas Fischbach warnt vor einer Verschärfung der Situation für bedrohte Kinder. Er betonte gegenüber der NOZ: „Der rein virologische Blick auf die Lage ist nicht ausreichend.“ Gerade für Kinder sei der soziale Kontext von existenzieller Bedeutung. „Das dauerhafte Einsperren der Kinder führt zu innerfamiliären Konflikten“, so Fischbach. Die Gefahr ist auch deshalb höher, weil Bereiche wie Schulen, Kitas oder Sportvereine, in denen sonst innerfamiliäre Gewalt bemerkt werden könnte, wegfallen.

Auch die nun schrittweise Öffnung der Schulen ist für den Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung Johannes-Wilhelm Rörig kein Grund für Entwarnung in Sachen familiärer Gewalt. Das Thema habe auch schon vor Corona zur gesellschaftlichen Realität gehört, so Rörig. Die aktuelle Krise wirke lediglich „wie ein Brennglas“.

Der Missbrauchsbeauftragte ruft deshalb dazu auf, gerade jetzt auf Kinder zu achten, die in den vergangenen sechs Wochen aufgrund der Ausgangsbeschränkungen wenig sicht­bar waren: „Ich appelliere an alle Lehrerinnen und Lehrer gerade jetzt bei ihren Schüle­rinnen und Schülern auf Verhaltensänderungen zu achten.“

 

Hilfsportal ermöglicht Kindern Kontakt nach außen

Als Reaktion auf die Zunahme von Gewalt gegen Kinder wurde bereits im April ein neues Hilfsportal für Kinder eröffnet. Auf der Website www.kein-kind-alleine-lassen.de finden Kinder und Jugendliche direkten Kontakt zu Beratungsstellen und auch Erwachsene bekommen Informationen, was sie bei sexueller und anderer familiärer Gewalt in der Corona-Krise tun können. Für den Notfall, dass ein Täter oder eine Täterin in das Zimmer kommt, während ein Kind auf der Seite Hilfe sucht, gibt es einen Exit-Knopf, der die Website sofort verschwinden lässt.

Wie wichtig solche Maßnahmen sind, zeigt sich auch darin, dass das Hilfsportal schon nach kurzer Zeit zehntausende Klicks verzeichnen konnte. Allerdings ist auch zu bedenken, dass längst nicht alle Kinder Zugang zu Internet und Computer haben. Zudem ist dieser Weg für die besonders gefährdeten Kleinstkinder generell versperrt.

Im Verdachtsfall Kinder ansprechen und Hilfe suchen

Besonders wichtig ist daher die Mitwirkung von Menschen aus der Umgebung wie Nachbarn, Freunden, Verwandten oder Lehrern. Wer einen Verdacht hat, sollte sich an den Deutschen Kinderschutzbund oder andere Fachverbände wenden. Ist der Verdacht konkret, ist die Polizei oder das örtliche Jugendamt zu informieren.

Etwas ältere Kinder sollten zudem, soweit es möglich ist, direkt angesprochen werden. Das betont auch der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung. „Zahlreiche Expertinnen und Experten aus Fachberatungsstellen weisen auch angesichts der aktuellen Situation eindringlich darauf hin, wie wichtig es ist, Kinder und Jugendliche direkt anzusprechen und ihnen zu vermitteln: Es gibt Hilfe!“, erklärt Rörig. „Dazu gehört auch, dass wir ihnen sagen: Wenn du es nicht mehr aushältst, lauf aus dem Haus, bitte jemanden um Hilfe oder geh zur Polizei. Kinder müssen wissen: Das ist auch in der Corona-Krise erlaubt.“

Schon vor der Corona-Pandemie verzeichnete die Polizei mehr Opfer von sexueller Gewalt unter Kindern. So wurden laut Polizeilicher Kriminalstatistik im Jahr 2019 15.936 Fälle registriert, das sind über 1000 Fälle mehr als im Vorjahr; die Dunkelziffer liegt jedoch weit höher. Nach Annahmen des BKA könnte die Coronakrise zu einer weiteren Zunahme führen.

Folgen werden lange zu spüren sein

Auch UN-Generalsekretär António Guterres hatte im Rahmen der Corona-Pandemie vor einer „schrecklichen Zunahme" familiärer Gewalt gewarnt. Und die Kinderhilfsorganisation World Vision rechnet damit, dass die Gewalt gegen Kinder infolge der Coronavirus-Krise weltweit um mindestens 20 Prozent ansteigt.

Auch wenn die rein körperlichen Verletzungen verheilen mögen, die seelischen Verletzungen durch körperlichen, sexuellen oder emotionalen Missbrauch begleiten Kinder ein Leben lang. Zudem ist bekannt, dass sich Gewalt häufig fortsetzt und die selbst leidvoll erfahrene Gewalt im Erwachsenenalter oft imitiert und somit weitergegeben wird. In jedem Fall – darin sind sich Experten einig – werden die emotionalen und sozialen Folgen der derzeitigen Krise für die Betroffenen noch jahrzehntelang zu spüren sein.

Foto: Adobe.stock / dmitrimaruta

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Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Corona
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