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Fluorchinolone erhöhen Risiko für Aortenaneurysma

Antibiotika aus der Gruppe der Fluorchinolone wie Ciprofloxacin oder Levofloxacin können zu gefährlichen Nebenwirkungen führen und unter anderem das Risiko für ein Aortenaneurysma erhöhen. Die EMA rät daher, die Medikamente nur unter besonderen Vorsichtsmaßnahmen zu verschreiben.
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Fluorchinolone stehen in der Kritik

Fluorchinolone stehen schon länger in der Kritik. Sie können – wenn auch nur in seltenen Fällen – zu lang anhaltenden und die Lebensqualität einschränkenden Nebenwirkungen führen. Meist betreffen diese die Muskeln, Sehnen, Knochen oder das Nervensystem. Auch können die Antibiotika zu Angstzuständen, Depressionen oder Leberschäden führen. Selbst nach dem Absetzen der Medikamente können diese unerwünschten Wirkungen noch monatelang anhalten. Die Fluorchinolone gehören zu den Breitbandantibiotika und werden gegen verschiedene bakterielle, teils auch lebensbedrohliche Infektionen eingesetzt. Zu den in Deutschland zugelassenen Wirkstoffen gehören Ciprofloxacin, Levofloxacin Moxifloxacin, Norfloxacin und Ofloxacin.

Neue Studien: Aortenaneurysmen unter Fluorchinolonen häufiger

Neben den bereits bekannten Nebenwirkungen haben neuere Studien noch auf ein weiteres Risiko hingewiesen: Systemisch und inhalativ angewendete Fluorchinolone können die Wahrscheinlichkeit für Aortenaneurysmen und -dissektionen erhöhen, vor allem bei älteren Personen. Darauf weist ein aktueller Rote-Hand-Brief der Hersteller in Abstimmung mit dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) hin.

Bei einem Aortenaneurysma kommt es zu einer Erweiterung der Hauptschlagader (Aorta). Reißt die dadurch geschwächte Gefäßwand ein, kann der Betroffene innerhalb kürzester Zeit innerlich verbluten. In einigen Fällen können Fluorchinolone die Gefäßwand so verändern, dass eine Gefäßaussackung entsteht und im schlimmsten Fall einreißt. Epidemiologischen Studien zufolge haben Patienten, die systemisch mit Fluorchinolonen behandelt werden, ein etwa zweifach erhöhtes Risiko für Aortenaneurysmen und -dissektionen im Vergleich zu Patienten, die gar keine Antibiotika oder solche mit anderen Wirkstoffen (z.B. Amoxicillin) einnehmen. Wie Dr. Stephan Kurz vom Deutschen Herzzentrum in Berlin erklärt, ist das Risiko für ein Aneurysma bereits 48 Stunden nach der Einnahme bis zu mehreren Monaten erhöht.

 

Neue Empfehlungen für betroffene Antibiotika

Der Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA), der für die Neubewertung der Risiken von Fluorchinolonen und Chinolonen beauftragt wurde, hat empfohlen, den Gebrauch von Antibiotika, welche diese Wirkstoffe enthalten und über den Mund eingenommen, injiziert oder inhaliert werden, einzuschränken. Fluorchinolone sollten demnach nicht mehr angewendet werden:

  • bei relativ harmlosen Infektionen wie beispielsweise Atemwegserkrankungen
  • zur Verhinderung von Reisedurchfall oder wiederkehrenden Blasenentzündungen
  • zur Behandlung von Patienten, die zuvor unter schweren Nebenwirkungen unter einem Fluorchinolon litten
  • zur Behandlung von leichten oder mittelschweren Infektionen, für die auch andere antibakterielle Arzneimittel in Frage kommen.

Besondere Vorsicht bei Risikopatienten

Der PRAC empfiehlt außerdem, die Behandlung mit einem Fluorchinolon-Antibiotikum bei ersten Anzeichen einer Nebenwirkung wie beispielsweise entzündeten oder gerissenen Sehnen, Muskelschmerzen oder -schwäche sowie Gelenkschmerzen oder -schwellungen zu beenden. Gleiches gilt für Nebenwirkungen, die das Nervensystem betreffen wie Müdigkeit, Depression, Verwirrung, Selbstmordgedanken, Schlafstörungen, Seh- und Hörprobleme, veränderter Geschmack und Geruch.

Bei plötzlich auftretenden schweren Bauch-, Brustkorb- oder Rückenschmerzen, die auf ein Aortenaneurysma hindeuten können, muss unverzüglich in der Notaufnahme ärztliche Hilfe in Anspruch zu genommen werden. Generell ist die bei der Verordnung besondere Vorsicht bei älteren Patienten sowie bei Menschen mit erhöhtem Risiko für ein Aortenaneurysma geboten.

Warten auf EU-Beschluss

Wie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) mitteilt, werden die Empfehlungen des PRAC nun dem Ausschuss für Humanarzneimittel zugeleitet, der für Fragen im Zusammenhang mit Arzneimittel für den menschlichen Gebrauch zuständig ist und der das Gutachten der EMA verabschieden wird. Das letzte Stadium des Neubewertungsverfahrens ist die Annahme eines für alle EU-Mitgliedsstaaten rechtsverbindlichen Beschlusses durch die Europäische Kommission.

In dem jetzt angestoßenen Risikobewertungsverfahren werden wegen ihres gleichen Wirkmechanismus auch die Chinolone in den Blick genommen. Chinolonhaltige Antibiotika sind in Deutschland nicht mehr zugelassen, in anderen europäischen Ländern jedoch noch verfügbar. Die neuen Einschränkungen bei der Anwendung der Fluorchinolone und Chinolone werden erst dann wirksam werden, wenn der Beschluss der Kommission veröffentlicht worden ist.

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