. Trauma-Expertin der Charité

„Flüchtlinge haben schreckliche Dinge erlebt“

Trauma, Flucht, überfüllte Flüchtlingsunterkünfte: Die Psychiaterin Dr. Meryam Schouler-Ocak von der Charité erklärt, was Flüchtlinge jetzt am dringendsten brauchen.
PD Dr. med. Meryam Schouler-Ocak, Charité

Frau Dr. Schouler-Ocak, was geht in einem Menschen vor, der aus einem Krisengebiet wie Syrien geflohen ist?

Schouler-Ocak: Die Menschen haben schreckliche Dinge erlebt. Je nachdem, aus welchem Land sie kommen, mussten sie mit ansehen, wie ihre Familie erschossen wurde, Bomben explodiert sind oder wie die eigene Tochter verkauft wurde. Hinzukommt die strapaziöse Flucht über Tage und Wochen. Manche mussten Angehörige zurücklassen oder haben ihre Kinder unterwegs verloren. Es ist furchtbar.

Wie gerecht wird man dieser seelischen Not, wenn die Flüchtlinge in Deutschland angekommen sind?

Schouler-Ocak: In den Erstaufnahmelagern geht es erst einmal um die Sicherung von Grundbedürfnissen: ein Dach über dem Kopf, Essen, Trinken, medizinische Erstversorgung. Dass dabei ein schwer traumatisierter Mensch herausgefischt wird, ist die Ausnahme.

De facto müssen die Menschen mit der seelischen Not alleine fertig werden?

Schouler-Ocak: Es ist traurig, aber es ist so. Obwohl die aktuelle EU-Aufnahmerichtlinie verlangt, dass die besondere Schutzbedürftigkeit von antragsstellenden Flüchtlingen zu erkennen ist, erfolgt dies nicht. Diese Richtlinie gibt auch vor, dass insbesondere der Zugang zu einer adäquaten medizinischen und psychologischen Behandlung für Folteropfer und traumatisierte Flüchtlinge und Asylbewerber sichergestellt werden soll – auch diese Vorgabe wird nicht umgesetzt. Und schauen sie sich die Flüchtlingsunterkünfte an: Es handelt sich um überfüllte Sammelunterkünfte ohne jede Rückzugsmöglichkeit. Zwischen wildfremden Menschen, die sogar eine andere Sprache sprechen, kann kein Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens aufkommen. Die Menschen brauchen nach der Sicherung der Grundbedürfnisse einen Raum, um ihre Erlebnisse verarbeiten zu können. Sie brauchen soziale Unterstützung, Integration in die Sozial- und Arbeitswelt. All dies erfolgt bislang nicht.

Einige wenige schaffen es zu Ihnen an die Charité oder in eine andere psychiatrische Ambulanz wie etwa die Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer oder das Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer.

Schouler-Ocak: Sie werden in der Regel über Sozialdienste, Hilfsorganisationen, Mundpropaganda oder Anwälte zu uns vermittelt. Die Mehrheit findet diesen Zugang leider nicht. Es ist allerdings auch nicht so, dass jeder Flüchtling eine Therapie bräuchte. Wichtig ist vor allem die soziale Unterstützung, Wärme und das Gefühl willkommen zu sein.

Viele Bürger engagieren sich dieser Tage. Hilft das den Menschen nicht?

Schouler-Ocak: Klar hilft es, aber fremdenfeindliche Parolen und brennende Flüchtlingsheime reißen die Wunden ganz schnell wieder auf. Außerdem sind die Menschen unter den geschilderten Umständen zum Nichtstun verdonnert. Die Asylverfahren dauern viel zu lange. Da sitzen die Menschen dann und warten Monate, manche Jahre.

Und werden krank vom Warten und Nichtstun?

Schouler-Ocak: Ja, sogar gesunde Menschen können unter diesen Umständen einen Bore-out entwickeln. Dies geschieht hier auch. Es macht tatsächlich krank. Deshalb muss alles getan werden, den Menschen eine sinnvolle Beschäftigung zu geben und sie in die Sozial- und Arbeitswelt zu integrieren. Und zwar so schnell wie möglich. Die Flüchtlinge brauchen eine Zukunftsperspektive.

Was Sie da schildern, sind ja zusätzliche Belastungen, die die Not noch vergrößern dürften.

Schouler-Ocak: Es ist ein Nährboden auf dem sich die fluchtbedingten Erlebnisse zu schweren psychischen Störungen entwickeln können, also Depressionen, Angstzustände, posttraumatische Belastungsstörung, Suizidgedanken.

Haben Sie Zahlen, wie gefährdet die Flüchtlinge im Hinblick auf psychiatrische Diagnosen sind?

Schouler-Ocak: Aktuell haben wir nach wie vor keine Zahlen aus Deutschland. Wir wissen aber aus Untersuchungen aus der Schweiz, dass bei 41 bis 54 Prozent der Flüchtlinge und Asylbewerber eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) diagnostiziert wurde. Internationale Studien zeigen zudem, dass Flüchtlinge und Asylbewerber zu den Hochrisikogruppen für suizidales Verhalten gehören. Beweggründe hierfür sind übrigens nicht nur psychiatrische Diagnosen, sondern auch das Asylverfahren, Isolation und soziale Exklusion. Das sollte uns alarmieren.

Wie sieht die Lage momentan in Berlin aus?

Schouler-Ocak: Die Situation in Berlin ist seit vielen Monaten unübersichtlich. Das zuständige LaGeSo kommt im Augenblick nicht mehr mit der Registrierung der neu ankommenden Flüchtlinge hinterher. Das bedeutet: Wer nicht registriert ist, darf noch nicht einmal zu einem Arzt, wenn er krank ist. Denn ohne Registrierung gibt es keinen grünen Behandlungsschein, ohne den eine ambulante Behandlung nicht abgerechnet werden kann. Ein unhaltbarer Zustand. Zum Glück gibt es viele ehrenamtliche Ärzte und Helfer, die die Lage etwas erträglicher machen.

Will Berlin nicht die Versichertenkarte beschleunigen, so dass Flüchtlinge zumindest von Anfang an voll krankenversichert sind?

Schouler-Ocak: Gesundheitssenator Mario Czaja hat das für Ende des Jahres angekündigt. Momentan gibt es die Chipkarte in Berlin erst nach 15 Monaten Aufenthalt. So ist es im Asylbewerberleistungsgesetz seit März geregelt, davor waren es sogar 48 Monate. In Bremen, Hamburg und neuerdings auch in Nordrhein-Westfalen wird dagegen für Flüchtlinge und Asylbewerber die Versichertenkarte schon gleich bei der Registrierung beantragt. Wir hoffen, dass Czajas Versprechen klappt. Dann wäre die medizinische Versorgung der Flüchtlinge in Berlin auf jeden Fall ab Winter wenigstens von administrativer Seite einfacher.

PD Dr. med. Meryam Schouler-Ocak ist leitende Oberärztin der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus. Im vergangen Jahr ist sie für ihr Engagement in der psychosozialen Migrantenversorgung mit dem Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden. 

Hauptkategorien: Berlin , Gesundheitspolitik , Medizin

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