. Offener Brief von Ärzten und Krankenkassen

Fehlernährung und Adipositas: Bündnis fordert Politik zum Handeln auf

Übergewicht, Diabetes, Adipositas – Die Folgen von ungesunder Ernährung sind breit gefächert. Ein Bündnis aus 15 Ärzteverbänden, Fachorganisationen und Krankenkassen hat nun die Bundesregierung aufgefordert, wirksame, ressortübergreifende Maßnahmen gegen schlechte Ernährung zu ergreifen.
Offener Brief, Fehlernährung, Adipositas

Übergewicht und falsche Ernährung fangen meist schon in der Kindheit an

Man müsse die Menschen in Deutschland vor ungesunden Lebensmitteln besser schützen. Das fordern insgesamt 2061 Ärzte, darunter mehr als 1300 Pädiater, 222 Diabetologen und 58 Medizinprofessoren, sowie Vertreter von Fachgesellschaften und Krankenkassen. Sie haben Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem Offenen Brief an die Bundesregierung aufgefordert, endlich „ernst zu machen“ mit der Prävention von Fettleibigkeit, Diabetes und anderen chronischen Krankheiten.

Initiiert worden war die Unterschriftenaktion vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, der Deutschen Diabetes Gesellschaft und Foodwatch. Die Unterzeichner sprechen sich für eine Zuckersteuer, verständlichere Kennzeichnungen, Werbeverbote und Standards für die Schul- und Kitaverpflegung aus. Nur damit könnten auch bildungsferne Schichten erreicht werden, hieß es - Aufklärung allein reiche nicht.

Probleme fangen meist in der Kindheit an

„Wir haben einfach keine Geduld mehr“, erklärte der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVJK), Thomas Fischbach, in Berlin. Die Ärzte sähen, dass die Gesundheit der Menschen in Deutschland drastisch leide. Und die Probleme fangen meist schon in der Kindheit an. Laut der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KIGGS) des Robert Koch-Instituts sind 15 Prozent der Kinder zwischen drei und 17 Jahren übergewichtig, 6,3 Prozent adipös.

Im aktuellen RKI-Gesundheitsbericht wird die Zahl der an Diabetes erkrankten Menschen auf 6,7 Millionen geschätzt. Als wesentliche Ursache gilt Fehlernährung. Nach dem KiGGS-Modul zur Ernährung trinken sechs- bis elfjährige Kinder doppelt so viel Süßgetränke und verzehren halb so wenig Obst und Gemüse wie vom Forschungsinstitut für Kinderernährung empfohlen. Bereits 2013 habe das RKI auf das „hohe Präventionspotenzial bezüglich des Konsums zuckerhaltiger Getränke insbesondere für Kinder und Jugendliche“ hingewiesen, heißt es in dem Offenen Brief.

 

Volkswirtschaftlicher Schaden ist immens

„All dies verursacht nicht bloß millionenfaches physisches und psychisches Leid bei den Betroffenen, sondern auch einen erheblichen volkswirtschaftlichen Schaden“, betonen die Akteure weiter. „Adipositas führt Schätzungen zufolge zu gesamtgesellschaftlichen (direkten und indirekten) Kosten in Höhe von 63 Milliarden Euro jährlich, Diabetes schätzungsweise zu Kosten in Höhe von 35 Milliarden Euro.“ Ein beträchtlicher Anteil davon sei nach einhelliger Einschätzung vermeidbar.

Konkret fordern die Unterzeichner die Bundesregierung auf, diese vier Maßnahmen umsetzen:

  1. eine verständliche Lebensmittelkennzeichnung in Form einer Nährwert-Ampel;
  2. Beschränkungen der an Kinder gerichteten Lebensmittelwerbung, insbesondere auch im Internet;
  3. die Durchsetzung verbindlicher Standards für die Schul- und Kitaverpflegung;
  4. steuerliche Anreize für gesunde Ernährung, etwa die Umsatzsteuerbefreiung für Obst und Gemüse sowie eine Sonderabgabe für Limonaden.

Steuerveränderungen können Konsumverhalten beeinflussen

Einer schlechten Ernährung lasse sich am besten mit Bildung und auch staatlicher Lenkung vorbeugen, erklärte der Arzt und TV-Moderator Eckart von Hirschhausen bei der Vorstellung der Aktion am vergangenen Mittwoch in Berlin. Er wundere sich, warum man Deutschland beim Thema Steuererhöhungen auf stark zuckerhaltige Produkte „so einen Eiertanz“ mache. Es sei bekannt, dass Zucker ein gewisses Suchtpotenzial habe. Er rechne damit, dass es einen ähnlichen Verlauf geben werde wie bei der Einführung des Rauchverbots in Kneipen und Restaurants: Nach anfänglichem Aufschrei vermisse inzwischen niemand mehr den Qualm.

Die Einführung einer Steuer auf gesüßte Getränke könne zudem ein Anreiz für Hersteller sein, den Zuckergehalt zu senken, wird im Offenen Brief argumentiert. Die Einnahmen daraus würden es auch möglich machen, Obst und Gemüse billiger zu verkaufen. Erfahrungen aus Ländern wie Mexiko, Finnland und Frankreich zeigten darüber hinaus, dass mit dem höheren Preis auch der Konsum zuckerhaltiger Getränke zurückgehe.

Foto: © Monkey Business - Fotolia.com

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