. Gesundheitspolitik

Fehlende Krebsregister: Berlin unter den schwarzen Schafen

Berlin gehört zu den Bundesländern, die immer noch nicht das gefordete klinische Krebsregister geschaffen haben. Eine Rüge gab es dafür kürzlich vom GKV-Spitzenverband. Krebsmediziner Bernd Wöhrmann findet den schleppenden Aufbau „frustrierend.“
Seit 2013 sind die Bundesländer aufgefordert, Krebsregister nach einheitlichen Kriterien zu schaffen. Doch nur vier sind ihrer Verpflichtung bislang nachgekommen. Berlin ist nicht dabei

Seit 2013 sind die Bundesländer aufgefordert, Krebsregister nach einheitlichen Kriterien zu schaffen. Doch nur vier sind ihrer Verpflichtung bislang nachgekommen. Berlin ist nicht dabei

Seit sieben Jahren sind die Bundesländer aufgefordert, einheitliche Krebsregister zu schaffen. Lediglich die Länder Baden-Württemberg, Bremen, Rheinland-Pfalz und Saarland haben bis Ende des Jahres 2019 alle geforderten Förderkriterien erfüllt. Diese Kriterien sind die gesetzliche Voraussetzung, damit die Krankenkassen künftig regelhaft die Arbeit der Klinischen Krebsregister finanzieren dürfen.

Der GKV-Spitzenverband kritisierte den schleppenden Aufbau Anfang September als „unbefriedigend.“ Auch die Nachbesserungsfrist werde vermutlich nicht eingehalten, hieß es mit Blick auf ein aktuelles Gutachten: Nach der Prognose des Prognos-Instituts werden bis zum Jahresende lediglich Baden-Württemberg, Bayern, Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Schleswig-Holstein alle notwendigen Kriterien erfüllt haben. Berlin befindet sich somit unter den 10 Bundesländern, die ihrer gesetzlichen Verpflichtung nicht nachkommen.

Rüge vom GKV-Spitzenverband

„Wir fordern die Länder und Register auf, umgehend ihre gesetzlichen Verpflichtungen zu erfüllen, damit die Register ihre wichtige Aufgabe für die Menschen wahrnehmen können“, erklärte Dr. Volker Hansen, Vorsitzender des Verwaltungsrats des GKV-Spitzenverbands in einer Pressemitteilung vom 2. September.

Prof. Bernhard Wörmann, Medizinischer Leiter der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO), setzt sich Jahren für ein flächendeckendes Krebsregister in Deutschland ein. In einigen Bundesländern gebe es schon seit vielen Jahren gut funktionierende Krebsregister, etwa im Saarland oder in der Region Münster. „Aber eben nicht flächendeckend“, kritisierte er in einem Interview mit Pharma-Fakten.

Ein nationales Krebsregister ist nicht geplant

Wie funktioniert ein flächendeckendes Krebsregister? Das, was seit 2013 aufgebaut wird, ist formal kein nationales Krebsregister, sondern ein Zusammenschluss von regionalen Krebsregistern aus den Bundesländern. Jedes Land entscheidet selbst, wie und mit welcher Geschwindigkeit es vorgeht und wie die Finanzierung aussehen soll – deshalb gibt es auch den unterschiedlichen Entwicklungsstand. Wöhrmann plädiert deshalb für eine zentrale Struktur. „Das heißt nicht, dass alle Daten an einem Ort erhoben werden müssen. Man kann sie weiter regional erheben. Aber die Zusammenführung der Daten, die muss rasch und zentral erfolgen.“

 

Warum die Registerdaten wichtig sind

Krebsregister sind vor allem wichtig, um Strategien für eine optimale Früherkennung und für die Versorgung von Krebspatienten zu entwickeln. Anhand der Daten kann man zum Beispiel sehen, wie häufig bestimmte Krebsarten sind und wie die Altersverteilung aussieht. So ist  Magenkrebs in den letzten Jahrzehnten deutlich seltener geworden, während der schwarze Hautkrebs zugenommen hat, gerade auch bei jungen Leuten.

In der aktuellen COVID-19-Pandemie rächt es sich, dass keine flächendeckenden Krebsregister vorhanden sind. In den Niederlanden konnten Wissenschaftler bereits sechs Wochen nach Beginn der Pandemie zeigen: Die Rate von Krebsdiagnosen ist unter COVID-19 um 25 Prozent gesunken, bei Hautkrebs sank die Diagnoserate sogar um über 50 Prozent.

Frust über fehlende Daten

Ob das auch auf Deutschland zutrifft, könne momentan niemand sagen, meint Krebsexperte Wöhrmann. „Die Niederlande konnten Daten auswerten, die auf einem funktionierenden Krebsregister basieren. Wir in Deutschland haben solche Daten nicht, auch nicht sechs Monate nach Beginn der Pandemie“, sagte er. Es gebe Dokumentationen in den Tumorzentren und bei den Krankenkassen, die eine Grundlage für Schätzungen bildeten, die dann durch die Medien geisterten und vielleicht sogar stimmten. „Aber wir haben kein Krebsregister mit zuverlässigen bundesweiten Daten, mit denen wir planen könnten“, sagte Wöhrmann.“ Das ist frustrierend.“

Foto: © Adobe Stock/Chris

Autor: ham
Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
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