. RWI macht Testanrufe

Facharzttermine: Gesetzlich Versicherte warten doppelt so lang wie Privatpatienten

Dass Facharzttermine gerne nach Versichertenstatus vergeben werden, war bisher vor allem ein Verdacht. Forscher des RWI Essen wollten jetzt einmal wissenschaftlich überprüfen, ob an diesem Verdacht tatsächlich etwas dran ist: Sie führten systematisch Testanrufe bei 1.000 Facharztpraxen in ganz Deutschland durch und gaben sich dabei als Patienten aus – mal gesetzlich, mal privat versichert.
Patientin wartet in Arztpraxis auf Magenspiegelung

Magenspiegelungen und Allergietests: Für diese Leistungen bekommen Ärzte bei Privatpatienten deutlich mehr Geld - und Privatpatienten bekommen dafür viel schneller einen Termin als gesetzlich Versicherte.

Szene in einer Berliner Facharztpraxis: Das Telefon klingelt, die Patientenschlange vorm Empfangs-Counter hört unfreiwillig mit. „Wie sind sie denn versichert?“, fragt die Arzthelferin den Patienten am anderen Ende der Leitung. „Da habe ich erst im August wieder Termine.“ Zum Zeitpunkt dieser Szene aber hatten wir Mai. Was Patientenverbände und manche Politiker seit Längerem kritisieren und Ärzteorganisationen und andere Politiker relativieren, war jetzt Gegenstand einer Studie des „RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung“ in Essen. Das Ergebnis: Wenn ein Termin angeboten wurde, war die Wartezeit darauf für gesetzlich Versicherte im Durchschnitt mehr als doppelt so lange wie Privatpatienten.

„Fachärzte bevorzugen Patienten mit höherer erwarteter Profitabilität"

Basierend auf einem randomisierten Feldexperiment zeigt diese Studie laut RWI, dass Fachärzte Patienten mit einer höheren erwarteten Profitabilität bevorzugen und dass strukturelle Unterschiede in den Erstattungssätzen zu strukturellen Unterschieden beim Zugang zur Gesundheitsversorgung führen. „Unsere Studie bestätigt den Verdacht, dass Privatpatienten von vielen Fachärzten bevorzugt werden“, sagt RWI-Gesundheitsökonom Ansgar Wübker, einer der Autoren der Studie. „Die Ergebnisse legen nahe, dass die höhere Vergütung der Hauptgrund für die Bevorzugung von Privatversicherten ist.“ Co-Autorin Anna Werbeck ergänzt: „Solange die großen Unterschiede in den Erstattungssätzen bestehen, haben Fachärzte einen Anreiz, Privatpatienten bei der Terminvergabe vorzuziehen.“ Im deutschen Gesundheitssystem werden Erstattungssätze für ambulante Leistungen sowohl für gesetzlich als auch für privat Versicherte zentral festgelegt; für privat Versicherte sind diese allerdings oft mehr als doppelt so hoch wie für gesetzlich Versicherte.

Im politischen Raum sorgen die Wartezeiten schon seit geraumer Zeit für Zündstoff. Die Bundesregierung versuchte dem Problem mit dem „Terminservice- und Versorgungsgesetz" (TSVG) gegenzusteuern, das im Mai vor einem Jahr in Kraft trat. Sein Kernziel: dass gesetzlich Krankenversicherte schneller einen Termin beim Arzt bekommen. Doch hilft das – insbesondere bei den Facharztterminen, die für Patienten das Hauptproblem darstellen?

 

Systematische Testanrufe bei Facharztpraxen

So heiß das Thema politisch bisher diskutiert wurde, so wenig war es offenbar wissenschaftlich erforscht. Wissenschaftler des RWI in Essen haben sich jetzt diesem Thema gewidmet. Weil das Terminvergabeverhalten in Praxen, wie in der obigen Szene geschildert, nur schwer greifbar und durchschaubar ist, haben sie sich bei ihrem zwischen April 2017 und Mai 2018 durchgeführten Feldexperiment für eine investigative Recherchemethode entschieden. Im Rahmen dieses Experiments fragte ein hypothetischer Patient, einem standardisierten Protokoll folgend, telefonisch Termine für Allergietests, Hörtests und Magenspiegelungen bei 991 Facharztpraxen in 36 deutschen Landkreisen an. Der zufällig zugewiesene Versicherungsstatus – gesetzlich oder privat – wurde dabei immer genannt.

Durchschnitts-Wartezeit bei gesetzlich Versicherten: 25 Tage

Das Resultat: 85 Prozent aller fiktiven Patientinnen und Patienten bekamen einen konkreten Termin angeboten. Die Wahrscheinlichkeit, einen Termin zu erhalten, war bei Privatversicherten jedoch sieben Prozent höher als bei gesetzlich Versicherten. Wenn ein Termin angeboten wurde, mussten gesetzlich Versicherte im Durchschnitt 25 Tage auf den Termin warten, bei Privatversicherten betrug die Wartezeit nur 12 Tage.

Je höher die Vergütung, desto größer die Wartezeitdifferenz

Bei Magenspiegelungen und Allergietests, bei denen die Vergütungsunterschiede zwischen Privat- und gesetzlich Versicherten am größten sind, war der Studie zufolge die Differenz in der Wartezeit besonders groß. Auch für einen Hörtest, bei dem die Preisunterschiede zwischen privaten und gesetzlichen Behandlungen deutlich geringer sind, erhielten Privatversicherte schneller einen Termin, der Unterschied war jedoch deutlich geringer.

Ungleichbehandlung in Ballungszentren größer

Die Studie zeigt auch, dass die Ungleichbehandlung bei den Wartezeiten in Städten und Kreisen mit hoher Bevölkerungsdichte tendenziell größer ist als in ländlichen Kreisen. Zudem scheinen die Unterschiede in Ostdeutschland etwas geringer zu sein als in Westdeutschland.

Nach Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung kamen 30 Prozent aller Versicherten (gesetzlich und privat) im vergangenen Jahr erst nach mehr als drei Wochen beim Facharzt dran. Besonders lang ist die Wartezeit unter anderem bei Psychotherapeuten. Die langen Wartezeiten gelten als ein Grund dafür, weshalb Patienten die Notaufnahmen von Krankenhäusern bevölkern.

Foto: AdobeStock/Werner

Hauptkategorie: Gesundheitspolitik
 

Weitere Nachrichten zum Thema Arzttermine

 
 

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

 
. Weitere Nachrichten
Die Coronavirusinfektionen in Deutschland schnellen in die Höhe und toppen die Zahlen der täglichen Neuinfektionen aus der ersten Krankheitswelle im Frühling. Um den sich abzeichnenden exponentiellen Anstieg in den Griff zu bekommen, hält RKI-Präsident Lothar Wieler eine drastische Maßnahme für möglich: die Abriegelung ganzer Städte oder Regionen.
 
 
. Interviews
Hitzewellen sind eine reale Gefahr für die Gesundheit und lassen die Mortalitätsrate ansteigen. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem wissenschaftlichen Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Freiburg, Prof. Dr. Andreas Matzarakis, über Hitzewarnsysteme und die Auswirkungen von Hitzewellen auf unsere Gesundheit gesprochen.
Das Essen in deutschen Krankenhäusern hat keinen besonders guten Ruf. Dabei lässt sich mit wenig Mehraufwand viel erreichen. Der Internist und Ernährungsmediziner Prof. Dr. Christian Löser erklärt die medizinischen und ökomischen Effekte einer gesunden Ernährung im Krankenhaus.
Pflegekräfte sind in der Coronakrise wichtiger denn je und gleichzeitig besonders gefährdet. Das persönliche Engagement ist und bleibt dennoch hoch. Über Wertschätzung, Sicherheitsrisiken und die Gefahr der Selbstausbeutung in Pflegeberufen hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Pflegeexperten Thomas Meißner gesprochen.