. Demographischer Wandel

Experten warnen: 2030 fehlen eine Million Fachkräfte

60-Stunden-Woche für Krankenschwestern, doppelt so lange Wartezeiten beim Hausarzt: Dieses Szenario könnte schon in einem Jahrzehnt Realität werden, wenn das Gesundheitssystem nicht entschlossen reagiert. Schon jetzt ist das Angebot an freien Stellen hier zweieinhalbmal so groß wie der Zahl der Bewerber.
Altenpflegerin wäscht Frau

Bis 2030 könnte sich die Personallücke auf über 950.000 Fachkräfte erhöhen - besonders stark in der Alten- und Krankenpflege.

Schon im Jahr 2020 wird es in Deutschland rund 56.000 Ärzte zu wenig geben und 140.000 nichtärztliche Fachkräfte wie Krankenschwestern oder -pfleger, Sprechstundenhilfen oder Laborkräfte. Bis 2030 könnte sich die Personallücke in der Gesundheitsversorgung sogar auf über 950.000 Fachkräfte erhöhen. Dies ergibt sich aus einer Langzeitprognose, die die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC zusammen mit dem WifOr-Institut in Darmstadt erstellt hat. Ohne Gegenmaßnahmen von Politik, Unternehmen und Institutionen des Gesundheitswesens werde 2030 etwa jede dritte Arztstelle in Kliniken unbesetzt sein, in Praxen sogar jede zweite. Fazit der Studie: "Der Fachkräftemangel ist bei Weitem größer, als wir das befürchtet haben.“

Demographischer Wandel: Motor und Risiko für den Gesundheitssektor

Die Gesundheitswirtschaft profitiert vom demographischen Wandel wie keine andere Branche. Werden immer mehr Menschen immer älter, steigt die Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen automatisch an. Kehrseite dieses Booms:  Zugleich ist der Gesundheitssektor besonders von der immer älteren Gesellschaft betroffen, weil in den kommenden Jahren eine ganze Generation an Mitarbeitern aus Altersgründen ausscheidet, ohne dass ausreichend Nachwuchs zur Verfügung steht. Dieses Problem verschärft sich noch dadurch, dass der Gesundheitssektor deutlich personalintensiver ist als andere Bereiche der Volkswirtschaft.

Seit 2015: Zahl der ausgeschriebenen Stellen wächst um ein Viertel

Beide Trends – der Boom wie der Mangel an Arbeitskräften – machen sich im Gesundheitssektor in Deutschland schon jetzt bemerkbar. Nach einer kürzlich veröffentlichten Studie des Job-Portals „Indeed“ ist die Anzahl der ausgeschriebenen Positionen in den vergangenen zwei Jahren um 26,5 Prozent angestiegen. Arbeitgeber tun sich aber schwer, diese Stellen tatsächlich zu besetzen. Kamen 2015 statistisch auf ein Stellengesuch noch 1,9 Stellenangebote, so sind es jetzt 2,5-mal so viele.

Immenser Bedarf an Pflegepersonal

Der größte Bedarf auf Arbeitgeberseite besteht der Indeed-Studie zufolge im Pflegebereich. Auf Platz eins liegen Altenpfleger, die 36,5 Prozent der deutschlandweit im Gesundheitssektor ausgeschriebenen Stellen ausmachen. Gleich darauf folgen Krankenpfleger mit 16,5 Prozent. Der PwC-Studie zufolge entwickelt sich die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage beim Pflegepersonal besonders „dramatisch“. Schon 2020 werden hier den Berechnungen zufolge über 174.000 Krankenschwestern, -pfleger und Hilfskräfte fehlen. 2030 sollen es sogar 480.000 sein.

Nachfrage nach Medizinpersonal in NRW und Bayern am größten

Aktuell ist das Bundesland mit dem größten Bedarf an medizinischem Personal demnach Nordrhein-Westfalen. 21 Prozent aller bundesweit ausgeschriebenen Stellen stammen aus NRW. Auf das bevölkerungsreichste Bundesland folgen Bayern (16 Prozent), Baden Württemberg (11 Prozent), Niedersachsen (9 Prozent) und Berlin (8 Prozent). Am wenigsten Stellen schreiben saarländische Kliniken, Unternehmen und Organisationen aus (0,5 Prozent).

„Katastrophale Versorgungssituation“, „dramatische Überlastung der Fachkräfte“

Sollte der befürchtete Personalmangel in den prognostizierten Dimensionen Wirklichkeit werden, würde dies „zu einer katastrophalen Versorgungssituation der Patienten und dramatischen Überlastung der verbliebenen Fachkräfte führen, warnen die Experten von PwC und WifOr in ihrer Analyse. Dort heißt es wörtlich: "Tun wir nichts, werden sich die Wartezeiten beim Hausarzt bis 2030 verdoppeln. In den Krankenhäusern werden die Schwestern dann durchschnittlich 60 Stunden in der Woche arbeiten müssen, wenn die Versorgungsqualität nicht absinken soll." Den außerdem durch einen Fachkräftemangel im Gesundheitsbereich zu erwartenden volkswirtschaftlichen Schaden beziffert die Studie auf 35 Milliarden Euro.

Foto: AOK-Mediendienst

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