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Experten: Impfung wird Corona nicht aus der Welt schaffen

Der Corona-Impfstoff ist greifbar nahe. Doch wer wird zuerst geimpft und wie lange hält der Impfschutz überhaupt? Über diese und andere brennende Fragen zur Pandemiebewältigung diskutierten Experten auf der online-Eröffnungsveranstaltung des 14. Nationalen Qualitätskongresses Gesundheit am Donnerstag. Eine Zusammenfassung.
Nationaler Qualitätskongress Gesundheit 2020: In der Eröffnungsveranstaltung am Donnerstag zogen Experten eine Zwischenbilanz der Pandemiebewältigung

Nationaler Qualitätskongress Gesundheit 2020: In der Eröffnungsveranstaltung am Donnerstag zogen Experten eine Zwischenbilanz der Pandemiebewältigung

Im Dezember soll er verfügbar sein – der lang ersehnte Corona-Impfstoff. Neben den Impfstoffen von Astra Zeneca (Großbritannien) und Moderna (USA) steht auch der mRNa-Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech kurz vor der Zulassung. Ebenfalls weit vorne im Rennen liegt der CureVac-Impfstoff – entwickelt in Tübingen. Auch dieser Impfstoff nutzt die mRNA-Technologie, an der schon seit 20 Jahren geforscht wird, aber aus der bisher noch keine zugelassene Impfung hervorgegangen ist.

„Wir sind froh, bei der Impfstoffentwicklung gegen SARS-CoV-2 auch in Deutschland erfolgreich zu sein“, sagte Kongresspräsident Ulf Fink, als er den 14. Nationalen Qualitätskongresses – diesmal im virtuellen Format - eröffnete. Aus diesen Erfolgen müssten nun die richtigen Schlüsse gezogen werden, mahnte Fink: „Wir dürfen uns aus der Impfstoffentwicklung in Deutschland - wie nach SARS oder MERS - nicht wieder zurückziehen. Mit Blick auf eine verbesserte Resilienz vor weiteren Pandemien wäre das grob fahrlässig.“

Impfung bietet keinen hundertprozentigen Schutz

Tatsächlich ist die Sorge vor weiteren Pandemien berechtigt. Denn die Dichte von Menschen und Tieren auf dem Erdball wird weiter zunehmen – und somit steigt die Wahrscheinlichkeit von Zoonosen. Aber auch SARS-CoV-2 wird uns noch lange begleiten. „Der Glaube, dass ein Impfstoff Corona beseitigen wird, ist nicht richtig“, sagte Dr. Friedrich von Bohlen, Aufsichtsratsmitglied der CureVac AG. Grund sei, dass es einen hundertprozentigen Impfschutz bei keinem Impfstoff gebe und Re-Infektionen möglich seien. „Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen werden aus unserem Leben nicht verschwinden“, prophezeite der Biochemiker und Unternehmer.

Momentan weiß man von keinem Corona-Impfstoff-Kandidaten, wie lange der Impfschutz anhält. Allgemein wird vermutet, dass eine Auffrischung nach etwa einem Jahr notwendig ist  – die Zeitabstände könnten aber auch kürzer oder länger sein. Nur dass es kein lebenslanger Schutz sei, „das ist so gut wie sicher“, sagte von Bohlen. Hinzukommt, dass das Virus vermutlich mutieren wird. Dann müssen die Impfstoffe adaptiert werden. Technologisch ist das von Bohlen zufolge bei DNA- und mRNA-basierten Impfstoffen jedoch kein Problem. Die neuartigen Impfstoffe haben außerdem den Vorteil, dass man nur wenig Material braucht, um große Mengen davon herzustellen.

 

Verteilung des Impfstoffs ist die Gretchenfrage

Doch wie werden Milliarden von Impfstoffdosen gerecht verteilt? Allein logistisch ist das eine enorme Herausforderung. Der Mainzer Impfstoff muss bei minus 70 Grad tiefgekühlt werden und hält fünf Tage bei Kühlschranktemperatur. Eine weltweite Verteilung scheint da ziemlich unrealistisch zu sein.

Eine Entlastung könnten sogenannte mRNa-Printer bringen. Erste Prototypen sind in der Lage, 1 Gramm Impfstoff pro Woche zu produzieren, aus denen rund 40.000 Impfstoffdosen gewonnen werden können. CureVac arbeitet an dieser neuen Technologie, die die Logistik erheblich vereinfachen und auch die Kühlproblematik lösen könnte. „Das ist die nächste Revolution der Transformation - wir bringen die Produktion an den point of care“, sagte von Bohlen. Denkbar sei, die mRNA-Printer in den Impfzentren aufzustellen. „Damit kann man gezielt regional auf eine Pandemie reagieren.“

Bevor es so weit ist, steht jedoch die Frage nach der Verteilung der ersten Impfstoffdosen im Raum. Risikogruppen wie Menschen in Pflegeheimen und medizinisches Personal stehen augenblicklich an erster Stelle, da sie besonders gefährdet sind. Sorgen, dass sich medizinisches Personal gar nicht impfen lassen möchte, hat Dr. Ruth Hecker Chief Patient Safety Officer am Universitätsklinikum Essen und Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit nicht. „Wir sehen aktuell eine enorme Impfbereitschaft bei der Influenzaimpfung und gehen davon aus, dass dies bei der Corona-Impfung genauso sein wird“, sagte sie. Aber eine Impfpflicht werde es auch im Krankenhaus nicht geben. „Die Freiwilligkeit steht an erster Stelle.“

„Werden eine Gesellschaft von Geimpften und Ungeimpften haben“

Und was ist mit denen, die schon mal Corona hatten? Müssen die überhaupt geimpft werden? „Ich hatte im März Corona und betrachte mich als immun“, erklärte der Präsident der Bundesärztekammer Dr. Klaus Reinhardt. Ob für ihn wie für die anderen 700.000 Genesenen in Deutschland andere Regeln gelten sollten, darüber brauche es einen breiten gesellschaftlichen Konsens, auch in Hinblick darauf inwieweit einschränkend Corona-Maßnahmen befolgt werden müssten. Hinzu kommt eine weitere Frage: „Wir werden eine Gesellschaft von Geimpften und Ungeimpften haben und müssen uns überlegen, wie wir damit umgehen“, so Reinhardt.

Der Bundesärztekammerpräsident lobte unterdessen die Impfstoffentwicklung als „großartig“, glaubt aber auch, dass die Impfung das Corona-Problem allein nicht lösen werde. Weitere Präventionsmaßnahmen seien daher notwendig.

In Frankreich hat gerade ein harter vierwöchiger Lockdown die Fallzahlen massiv gesenkt, so dass der Generaldirektor des Universitätskrankenhauses von Lille, Prof. Frédéric Boiron, jetzt entspannt auf die kommenden Wochen blicken kann. Im Vergleich zu Ende Oktober habe sich die Zahl der COVID-19-Patienten auf den Intensivstationen seines Klinikums mehr als halbiert. „Der Lockdown hat funktioniert“, sagte Boiron, „und hat uns Luft zum Atmen gegeben.“

Alternativen zum harten Lockdown

Ob diese auch eine Steilvorlage für Deutschland sein könnte, daran hegte Klaus Reinhardt seine Zweifel. Es gebe weitere Stellschrauben, an denen gedreht werden könnte, etwa digitale Lösungen. In diesem Bereich sei Deutschland jedoch antiquiert. Dass nur 22 Millionen Menschen die Corona-App heruntergeladen haben, sei ein Skandal, kritisierte er. „Wenn es dreimal so viele wären, wären wir sehr viel besser durch die Krise gekommen“, sagte Reinhardt mit Blick auf Staaten wie Südkorea oder Singapur, die mit konsequentem digitalem Tracking sehr erfolgreich waren, ohne dabei ihre Wirtschaft herunterzufahren. Ebenso kritisierte er die digitale Rückständigkeit der Gesundheitsämter, an der sich seit Beginn der Pandemie trotz milliardenschwerem Digitalpakt nichts geändert habe, und den zögerlichen Umgang mit Antigentests. Obwohl der erste Antigenest, der jetzt von Roche vertrieben wird, schon im März in Südkorea zugelassen wurde, hat es die Bundesregierung versäumt, hierzulande entsprechende Produktionskapazitäten aufzubauen. Nun ist man auf Importe angewiesen. „Meiner Meinung nach müssten diese Tests im gleichen Umfang produziert werden wie Impfstoffe“, sagte Reinhardt, denn die Schnelltests seien ein wichtiger Teil des Bevölkerungsschutzes.

Kein Durchbruch bei den COVID-19-Therapien

Dass der Bevölkerungsschutz weiterhin notwendig ist, steht außer Frage. COVID-19 ist eine „Chamäleon-Erkrankung“, die – entkoppelt vom Virus –  zu Schäden an Lungen, Nieren, zentralen Nervensystem und anderen Organen führen kann. Und ein Allheilmittel ist noch nicht gefunden. Das bestätigte der Ärztliche Direktor des Klinikums Stuttgart, Prof. Jan Steffen Jürgensen. „Wir haben viel über die Erkrankung gelernt, wissen, wie wir richtig beatmen müssen, dass Heparine, Antikoagulantien und Dexamethason Eckpfeiler in der Therapie von schweren COVID-19-Verläufen sind und konnten somit die Fallsterblichkeit auf Intensivstationen deutlich senken“, sagte er. „Dennoch gibt es in der Summe keinen therapeutischen Durchbruch.“

Jürgensen sprach noch ein weiteres Problem an, das vielen auf der Seele brennt: Andere Patienten, die ebenfalls behandlungsbedürftig sind, hatten in der Krise das Nachsehen. Operationen wurden abgesagt, Diagnosen nicht gestellt, Behandlungen verschoben. Das Freihalten von Betten, so gut es gemeint war, habe zu Kollateralschäden an anderer Stelle geführt, sagte Jürgensen. „Das darf nicht wieder passieren. Wir müssen auch den anderen Patienten gerecht werden.“

Wenn Retter gerettet werden müssen

Für etwas mehr Gerechtigkeit soll der zweite Rettungsschirm für die Krankenhäuser sorgen. Danach sollen die Freihaltepauschalen vom Bund gezielter an die Kliniken verteilt werden, die die schwer kranken COVID-19 Patienten tatsächlich versorgen. Alle übrigen Häuser dürfen mit einem Mindererlösausgleich rechnen, wenn sie pandemiebedingt Umsatzeinbußen hatten, und das hatten praktisch alle. Diese Mittel sollen aus den Versichertenbeiträgen gestemmt werden, nicht aus Steuergeldern, wie Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des Verbands der Ersatzkassen (vdek) betonte. „Es geht jetzt darum, die wirtschaftliche Existenz der Kliniken aufrechtzuerhalten und gleichzeitig den Druck auf die Versichertenbeiträge überschaubar zu halten“, sagte Elsner.

Kliniken und Kassen verhandeln noch, wie dieser Ganzjahresausgleich gestaltet werden kann. Für den Präsidenten der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) Dr. Gerald Gaß ist dieser Teil des Rettungsschirms neben den Freihaltepauschalen die zentrale Stellschraube. „Am Ende geht es um die Ertragslage in 2020“, sagte er. Und die sei – unabhängig davon ob eine Klinik an der COVID-19-Versorgung beteiligt gewesen sei – für alle Häuser schlechter ausgefallen, weil generell weniger Patienten kommen. Zum Stand der Verhandlungen sagte er, es gebe positive Signale: „Ich bin sich zuversichtlich, den Kolleginnen und Kollegen von den Krankenhäusern bald eine Sicherheit geben zu können, wie die Finanzierung für 2020 und auch 2021 aussehen wird.“

Krankenhäuser behandeln mehr COVID-19-Patienten als in der ersten Welle

Den Krankenhäusern bescheinigte er, in der Krise gute Arbeit geleistet zu haben. Kein Patient musste auf dem Flur behandelt werden, es kam zu keiner Triage und an den Betten standen immer voll ausgebildete Pflegekräfte. Gaß führt das auf ein gut aufgestelltes Krankenhausnetz und das große Engagement der Mitarbeiter zurück. Außerdem habe der ambulante Bereich viel aufgefangen.

Nichtsdestotrotz machten sich im stationären Bereich inzwischen an der einen oder anderen Stelle Erschöpfungszustände breit. „Das Personal muss viel aushalten. Momentan haben wir eine höhere Belegung als zu Spitzenzeiten der ersten Welle.“ Verschärft wird die Situation dadurch, dass Personal zum Teil selbst erkrankt ist oder sich in Quarantäne befindet. Trotz aller Probleme bei der Personalausstattung sieht Gaß einen kleinen Lichtblick am Horizont: Seit Pandemiebeginn bewerben sich wieder mehr junge Menschen an den Krankenpflegschulen.

Hauptkategorien: Berlin , Gesundheitspolitik , Corona
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