. Manipulierte Patientenlisten

Experten halten Vorfälle am Berliner Herzzentrum heute für nicht mehr möglich

Eine Oberärztin des Deutschen Herzzentrums Berlin (DHZB) soll Patientenlisten manipuliert haben. Transplantationsmediziner mahnen allerdings zur Besonnenheit: Die Fälle seien mehr als zwei Jahre alt und dank schärferer Sicherheitsvorkehrungen heute nicht mehr möglich.
Experten halten Vorfälle am Berliner Herzzentrum heute für nicht mehr möglich

Deutsches Herzzentrum Berlin: Die Verdachtsfälle liegen mehr als zwei Jahre zurück

Noch immer hat sich das erschütterte Vertrauen der Deutschen in die Organspende nicht erholt – da kommt der nächste Skandal daher. Ausgerechnet der Klassenprimus bei den Herztransplantationen – das Deutsche Herzzentrum Berlin – steht unter dem Verdacht, Patientenlisten manipuliert zu haben. Ein schwerer Vorwurf, der wahrscheinlich nicht nur dem Image der weltweit renommierten Klinik, sondern auch der Organspendebereitschaft erheblichen Schaden zufügen wird.

Manipulationen gab es am DHZB offensichtlich nur bis 2012 – danach herrschten strengere Regeln

Der Transplantationsmediziner Prof. Dr. Eckhard Nagel, der auch Mitglied des Ethikrats ist, hat in der online-Ausgabe der „Zeit“ nun zu einer differenzierten Sichtweise aufgerufen. "So sehr ich schockiert bin über die Meldung, so sehr gehe ich davon aus, dass dies heute nicht mehr möglich wäre", sagte Nagel. Schließlich habe sich in den Transplantationszentren seit 2012 viel getan. Es seien etwa Transplantationskonferenzen eingeführt worden sowie das Sechs-Augen-Prinzip zur Prüfung aller Daten bei der Anmeldung auf der Warteliste, so der Transplantationsexperte auf zeit.de. Die mutmaßlichen Manipulationen am DHZB fanden zwischen 2010 und 2012 statt, also etwa zu der Zeit, als die „großen“ Organspendeskandalen in Göttingen und Leipzig aufgeflogen. Als Konsequenz daraus wurden die Regeln für die Vergabe von Spenderorganen sowie die Kontrollen an den Transplantationszentren verschärft. Die Kommission von Bundesärztekammer, Krankenhausgesellschaft und Kassen überprüft seither alle 47 Transplantationskliniken in Deutschland.

In diesem Jahr werden mehr Menschen vergeblich auf eine neues Organ warten

Der Medizinische Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation Dr. Axel Rahmen sieht in dem aktuellen Fall aus Berlin zumindest den Beleg dafür, dass die Kontrollen funktionieren. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa stellte Rahmen klar: „Diese aktuell an die Staatsanwaltschaft gemeldeten Fälle liegen in der Vergangenheit. Sie wurden jetzt nur aufgrund der neu eingeführten Kontrollen aufgedeckt. Wenn man in diesem Drama irgendetwas Positives sehen will, dann, dass die neu eingeführten Kontrollmechanismen offensichtlich wirken.“

Ein Weniger positives Nachspiel dürfte das Drama indes für die rund 14.000 Menschen in Deutschland haben, die auf der Warteliste für ein Spenderorgan stehen. Experten rechnen mit einem weiteren Rückgang der Organspenden. Die Konsequenzen schildert Experte Nagel auf Zeit.de: „In diesem Jahr müssen in Deutschland wieder mehr Patienten auf der Warteliste sterben als im vergangenen Jahr. Das ist ein unhaltbarer Zustand.“

Ungereimtheiten am DHZB sind schon im Mai aufgeflogen

Die Unregelmäßigkeiten am DHZB wurden von der Prüfungs- und Überwachungskommission der Bundesärztekammer schon im Mai aufgedeckt. Es besteht der Vorwurf, dass eine Oberärztin des Berliner Herzzentrums in den Jahren 2010 bis 2012 mehreren Patienten eine hohe Dosierung Katecholamine verschrieben hat. Die Dosissteigerung der Medikation soll unmittelbar vor der Antragsstellung auf „High Urgency“ erfolgt sein, um damit den Status auf der Transplantationsliste bei der Organvergabestelle Eurotransplant zu verbessern. Nach einer Selbstanzeige des DHZB am Donnerstag ermittelt nun die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf versuchten Totschlag. Denn sollte sich der Vorwurf tatsächlich bestätigen, könnten die Patienten auf der Warteliste nach oben gerutscht und dadurch andere Patienten benachteiligt worden und schlimmstenfalls verstorben sein.

Foto: horizont21/fotolia.com

Hauptkategorien: Berlin , Gesundheitspolitik
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