Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 

Experten fordern mehr Altersmediziner in Kliniken

Montag, 7. August 2017 – Autor: anvo
Ältere Menschen benötigen eine spezielle medizinische Behandlung. Doch noch immer gibt es zu wenig Geriater in Deutschland. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) fordert daher, die Altersmedizin zu stärken.
Geriatrie stärken

Nach Expertenmeinung gibt es zu wenig Geriater in Deutschland

Die Menschen in Deutschland werden immer älter. Bereits heute sind 17 Millionen Deutsche über 65 Jahre alt, und im Jahr 2030 werden es etwa 22 Millionen sein – also ein Viertel der Bevölkerung. Die medizinische Versorgung dieser Menschen setzt ganz bestimmte Erfahrungen und Spezialkenntnisse voraus, denn ältere Patienten haben andere Bedürfnisse als junge. Oft liegen Begleiterkrankungen vor, die bei der Behandlung berücksichtigt werden müssen, etwa Herzleiden, Stoffwechselerkrankungen oder eine Demenz. Außerdem führen akute Erkrankungen häufig zu Einschränkungen in der Mobilität und Alltagskompetenz.

Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM) kritisiert nun, dass die Versorgungsstrukturen für ältere Patienten mit gut ausgebildeten Altersmedizinern und multiprofessionellen Teams aus Internisten, Unfallchirurgen, Neurologen, Sportmedizinern sowie Rehabilitationsangeboten bislang unterrepräsentiert seien. Die Fachgesellschaft fordert deshalb, die geriatrische Kompetenz deutscher Krankenhäuser auf einen Stand zu bringen, der dem demografischen Wandel Rechnung trägt.

Multimorbidität erschwert die Behandlung oft

„Ältere Patienten unterscheiden sich in vielen Punkten von den jüngeren“, sagt Professor Cornel C. Sieber, Chefarzt der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Geriatrie am Krankenhaus Barmherzige Brüder in Regensburg und neuer Vorsitzender der DGIM. „Sie sind viel gebrechlicher und haben oft nur geringe körperliche Reserven.“ Viele seiner Patienten leiden bereits an mehreren chronischen Erkrankungen. Ein weiteres Ereignis – wie etwa ein Unfall oder auch nur ein Krankenhausaufenthalt – könnte ihr bisher gerade noch funktionierendes Gleichgewicht nachhaltig aus dem Lot bringen. „Wir Geriater betrachten die Krankheiten deshalb in ihrem Zusammenspiel“, so Sieber, der auch Leiter des Instituts für Biomedizin des Alterns in Nürnberg ist. „Zudem benötigen wir besondere Kenntnisse über die Wechselwirkungen von Arzneimitteln. Schließlich nehmen viele Patienten fünf oder mehr Medikamente ein.“

 

Bei älteren Patienten sind oft andere Therapien sinnvoll als bei jüngeren

Auch Mangelernährung sei ein typisches Alterssyndrom, das in die Behandlung einbezogen werden müsse. Zudem kommen teilweise andere Therapieoptionen als bei jüngeren Patienten zum Einsatz: „Als Geriater muss ich die Behandlung so auswählen, dass dem Patienten in seinem noch verbleibenden Leben möglichst viel Lebensqualität und Funktion erhalten bleibt,“ erklärt Sieber. Dies könne bedeuten, gegebenenfalls auch Medikamente einzusetzen, die bei langjährigem Gebrauch Nebenwirkungen haben, wie etwa bestimmte Wirkstoffe gegen die Osteoporose. Von ihnen könnten hochbetagte Patienten kurz- bis mittelfristig profitieren, da die Spätkomplikationen vermutlich kaum mehr zum Tragen kommen.

Die Einnahme von Medikamenten, die einen langfristigen Nutzen, aktuell aber Nebenwirkungen haben können, sollte hingegen überdacht werden. So könnte die Gabe von Betablockern nach einem Herzinfarkt Schwindel begünstigen und dadurch die Sturzgefahr erhöhen, erklärt der Geriater. Auch bei der diagnostischen Abklärung von Beschwerden gelte es, kritisch zu hinterfragen, welche Konsequenzen die Befunde nach sich ziehen. Sei ein Patient etwa nicht mehr operationsfähig, benötige er unter Umständen auch keine aufwändige und strapaziöse Diagnostik.

Geriatrie in Deutschland stärken

Die fachgerechte geriatrische Versorgung steht in Deutschland nach Ansicht der DGIM noch am Anfang. Bisher ist sie als Schwerpunkt in der Inneren Medizin nur in drei Bundesländern (Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt) anerkannt. Zwar richten immer mehr Universitäten einen Lehrstuhl für Geriatrie ein, der Bedarf werde dadurch jedoch nicht gedeckt. Geriatrische Kompetenz müsse zwingender Bestandteil in Aus- und Weiterbildung werden und die nötigen Strukturen müssen auf allen Versorgungsebenen – in Praxis, Klinik und der Rehabilitation – sichergestellt sein, betont auch der Generalsekretär der DGIM, Professor Ulrich R. Fölsch aus Kiel. „Der demografische Wandel ist in aller Munde", so Fölsch. In der medizinischen Versorgung sei er aber bisher nur in Teilen angekommen.

Foto: Syda Productions – Fotolia.com

Hauptkategorien: Demografischer Wandel , Pflege
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Demografischer Wandel , Alter , Altersgerechtes Wohnen , Langes Leben , Sturzprophylaxe
 

Weitere Nachrichten zum Thema Geriatrie

 

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten


Die Zahl der offiziell registrierten Corona-Fälle sinkt. Aber die Zahl der wegen Covid-19 Krankgeschriebenen schnellt in die Höhe – allein bei der „Barmer“ um 175 Prozent binnen weniger Wochen. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.
 
Interviews
Affenpocken verlaufen in der Regel harmlos. Doch nicht immer. Dr. Hartmut Stocker, Chefarzt der Klinik für Infektiologie am St. Joseph Krankenhaus in Berlin Tempelhof, über die häufigsten Komplikationen, die Schutzwirkung der Impfung und den Nutzen von Kondomen.

Zöliakie kann in jedem Lebensalter auftreten und ein buntes Bild an Beschwerden machen. Bislang ist das wirksamste Gegenmittel eine glutenfreie Ernährung. Gesundheitsstadt Berlin hat mit PD Dr. Michael Schumann über die Auslöser und Folgen der Autoimmunerkrankung gesprochen. Der Gastroenterologe von der Charité hat an der aktuellen S2K-Leitinie „Zöliakie“ mitgewirkt und weiß, wodurch sich die Zöliakie von anderen Glutenunverträglichkeiten unterscheidet.

Aducanumab ist das erste in den USA zugelassene Medikament, das die Alzheimer typischen Amyloid-Plaques zum Verschwinden bringt. Aber kann der neue monoklonale Antikörper mit dem Handelsnamen Aduhelm auch den Gedächtnisverlust stoppen? Und warum ist die Notfallzulassung in den USA durch die US-Food and Drug Administration (FDA) so umstritten? Darüber hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Neurologen und Alzheimer-Experten Prof. Johannes Levin vom LMU Klinikum München gesprochen.
Logo Gesundheitsstadt Berlin