. Magensaftresistente Medikamente

Essen zur falschen Zeit kann Arzneiwirkung aushebeln

Magensaftresistente Arzneimittel helfen erst, wenn sie den Magen verlassen und den Darm erreicht haben. Kleine Snacks zwischendurch und zu wenig zeitlicher Abstand vor und nach der Einnahme können das jedoch verhindern und damit die Wirkung torpedieren. Die Gefahr: Über den Tag eingenommene Schmerzmittel zum Beispiel helfen zunächst gar nicht – werden dann aber in der Nacht auf einmal ausgeschüttet.
Tabletten, Dragees, Kapseln - lose und in Blistern verpackt, braunes Arzneimittelglas

Viele magensaftresistente Medikamente wirken erst, wenn sich der Magen komplett entleeren konnte und sie die Darmregion erreicht haben.

Es gibt Medikamente, die sollen nicht sofort wirken, wenn man sie schluckt. Solche oft als Dragees oder Kapseln dargereichten Arzneimittel sind mit einer Schutzschicht überzogen, die sie im Magen unverdaulich macht. Sobald sie aber den Magen verlassen und den Dünndarm erreichen, zerfallen sie relativ schnell und setzen so den Wirkstoff frei. Die Gründe für die Verabreichung solcher „magensaftresistenter“ Arzneimittel sind vielfältig: So können sie etwa Arzneistoffe enthalten, die die Magenschleimhaut reizen, Übelkeit oder Erbrechen verursachen; im sauren Milieu des Magens kann eine Zerstörung des Arzneistoffs durch Magensaft drohen; oder: durch Freigabe der gesamten Arzneimittelmenge im Darm soll die optimale Konzentration für eine starke Wirkung erzielt werden.

„Jeder Snack verhindert die vollständige Entleerung des Magens“

Damit (vor allem große) magensaftresistente Tabletten aber den Dünndarm erreichen können, muss der Magen komplett entleert sein. Deshalb ist es unerlässlich, zu den Mahlzeiten einen ausreichenden Abstand einzuhalten. „Jeder Snack zwischendurch verhindert die vollständige Entleerung des Magens – und damit, dass große magensaftresistente Arzneimittel den Magen verlassen können, der Wirkstoff sich danach im Dünndarm auflöst und ins Blut aufgenommen werden kann", sagt Rolf Daniels, Professor für Pharmazeutische Technologie an der Universität Tübingen.

Selbstmedikation: Patienten nehmen oft mehr ein, als ratsam ist

„Wenn ein Patient zum Beispiel mehrfach täglich ein magensaftresistentes Arzneimittel mit dem schmerzstillenden Wirkstoff Diclofenac einnimmt und über den Tag verteilt immer wieder Kleinigkeiten isst, dann verlassen diese Arzneimittel den Magen erst nachts“, sagt Daniels, der auch Mitglied in der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) ist. In der Folge helfe das Diclofenac tagsüber nicht gegen Schmerzen. Daniels warnt deshalb: „Einige Patienten nehmen dann mehr von einem solchen Arzneimittel ein, als therapeutisch sinnvoll ist." Der Apotheker empfiehlt daher, nach der Nüchtern-Einnahme von magensaftresistenten Arzneimitteln eine Pause von möglichst einer oder besser zwei Stunden einzuhalten. Wenn Laien ohne den Rat des Arztes oder Apothekers Selbstmedikation betreiben, spielen sie in vielen Fällen auf Risiko.

Große Tabletten: Bis zu vier Stunden Abstand zu Mahlzeiten nötig

Im Gegensatz zu vielen anderen Arzneimitteln können große magensaftresistente Arzneimittel den Magenausgang nur durch die natürlichen „Putzwellen" überwinden. Diese finden nur im Nüchternzustand statt, das heißt bis zu vier Stunden nach der letzten Aufnahme kalorienhaltiger Lebensmittel. Putzwellen sind teilweise als Magenknurren hörbar. „Es reicht nicht, magensaftresistente Arzneimittel eine Stunde nach dem Essen oder morgens unmittelbar vor dem Frühstück einzunehmen“, sagt Daniels weiter. „'Nüchtern' bedeutet pharmazeutisch mehrere Stunden nach der letzten Mahlzeit." Wie lange eine Mahlzeit im Magen bleibt, hängt vom Fettgehalt ab.

Magensaftresistente Mittel: Mehr als 38 Millionen Packungen pro Jahr

Nach einer Auswertung des Deutschen Arzneiprüfungsinstituts (DAPI) wurden im Jahr 2018 rund 38 Millionen Packungen magensaftresistente Fertigarzneimittel allein auf Kosten der gesetzlichen Krankenkassen abgegeben. Verordnungen auf Privatrezept, Abgaben im Krankenhaus oder Selbstmedikation kommen noch hinzu.

Foto: Fotolia.de/monropic

Autor:
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Arzneimittel , Pharma