. Neurochirurgen der Charité

"Es gibt durchaus Hoffnungsschimmer in der Therapie von Hirntumoren"

Die beiden Hirntumorexperten der Charité, Prof. Peter Vajkoczy und Dr. Martin Misch, über das bislang unheilbare Glioblastom, die Behandlungsfortschritte der letzten Jahre und warum trotz jüngster Rückschläge wieder Licht am Ende des Tunnels ist.

Prof. Dr. Peter Vajkoczy

"Es gibt durchaus Hoffnungsschimmer in der Therapie von Hirntumoren

Dr. Martin Misch

Die Erwartungen an den Angiogenesehemmer Avastin – Wirkstoff Bevacizumab – waren riesig. In einer zentralen Studie zum Glioblastom hat der Antikörper aber enttäuscht. Ist Avastin in der Hirntumortherapie jetzt weg vom Fenster?

Vajkoczy: So würde ich das auf keinen Fall sagen. Die Studien haben gezeigt, dass Bevacizumab die Überlebenszeit nicht verlängert, okay. Andererseits hat immerhin ein Drittel des Kontrollarms das Mittel auch erhalten, deswegen besteht da noch eine gewisse Unklarheit. Auf jeden Fall verbessert Avastin die Lebensqualität der Patienten und verlängert die wichtige Zeit bis zum ersten Rezidiv. Das ist ein ganz wichtiger Punkt.

Für eine europäische Zulassung dürfte das kaum reichen?

Vajkoczy: Das ist die Frage. Demnächst wird noch eine große Rezidiv-Studie anlaufen; außerdem ist man den Resistenzmechanismen immer weiter auf der Spur. Insofern denke ich, kommt da noch einiges nach. Das letzte Wort ist bei Avastin jedenfalls noch nicht gesprochen.

Misch: Das sehe ich genauso, auch wenn die Studienergebnisse vom letzten Jahr erstmal ein ziemlicher Rückschlag waren. Aber wir müssen nach vorne schauen und haben ja außerdem noch ein paar andere Pfeile im Köcher.

Was zum Beispiel?

Vajkoczy: Gerade weil die Angiogenese nicht ganz so optimal läuft, wird die Immuntherapie immer wichtiger.

Misch: Ich würde die Immuntherapie sogar durchaus als Hoffnungsschimmer bezeichnen. Augenblicklich versucht man zum Beispiel, neue Moleküle bzw. Antigene für Glioblastome zu identifizieren, die dem Immunsystem quasi als Zielscheibe dienen. Das ist ein vielversprechender Ansatz, der praktisch bei allen Tumorerkrankungen ins Visier der Forschung geraten ist. Außerdem gibt es seit ein paar Jahren die Möglichkeit, aus vitalem Tumorgewebe einen Impfstoff herzustellen. Die dendritische Zelltherapie ist eine sehr schonende Methode, die nach der augenblicklichen Datenlage anderen Rezidivtherapien zumindest nicht unterlegen ist.

Wie dürfen wir uns eine Impfung auf Basis von dendritischen Zellen vorstellen?

Misch: Vereinfacht gesagt entnimmt man noch während der Operation Zellen aus dem Tumorgewebe, packt diese mit Abwehrzellen aus dem Blut des Patienten zusammen und macht dann aus den Tumorantigenen einen Impfstoff. Und der wird dem Patienten anschließend gespritzt. Der Vorteil ist, dass die Impfung meist sehr gut vertragen wird und den Patienten die Nebenwirkungen einer Chemo- oder Strahlentherapie erspart.

Vajkoczy: Noch führen wir die Impfung mit dendritischen Zellen nicht selber durch, sondern kooperieren mit einem Zentrum in Belgien. Demnächst soll die Therapie aber im Rahmen einer größeren Studie auch in Deutschland getestet werden.

Gibt es noch weitere Hoffnungsschimmer in der Behandlung des Glioblastoms?

Vajkoczy: Es ist noch ein Antikörper in der Pipeline, der sich gegen die Tumorinfiltration bzw. Invasion richtet. Die Studie zu dem MET-Antikörper ist schon recht weit. Gut möglich, dass sich hier ein weiterer Hoffnungsschimmer auftut. 

Nach einem größeren Durchbruch hört sich das alles nicht so recht an. Woran liegt das?

Misch: Das Glioblastom ist eine bislang unheilbare Erkrankung. Wir sprechen auch von einer Systemerkrankung des Gehirns, weil es eben nicht nur den einen soliden Tumor gibt, sondern immer auch einzelne Tumorzellen in andere Bereiche des Gehirns wandern. Das macht ein Rezidiv unausweichlich und die Prognose vergleichsweise so schlecht.

Vajkoczy: Durchbruch ist vielleicht zu viel gesagt, aber die Behandlung von Hirntumoren hat in den letzten Jahren doch beachtliche Fortschritte gemacht. Einmal sind die Operationen sehr viel sicherer geworden, was aus meiner Sicht ein wirklicher Meilenstein ist. Weitere Verbesserungen haben die Chemotherapie mit Temodal gebracht und vor allem die kombinierte Radio-Chemotherapie. Hinzukommt, dass bundesweit Comprehensive Cancer Center entstanden sind, in denen die Patienten interdisziplinär und sehr viel intensiver behandelt werden. Das alles zusammen zeigt schon deutliche Effekte.

Spiegeln sich die Effekte denn auch in der Überlebenszeit wieder?

Misch: Die durchschnittliche Überlebenszeitverlängerung bewegt sich bei mehr als einem Jahr, was deutlich mehr ist als ohne Therapie. Immerhin lebt heute jeder vierte Patient noch zwei bis vier Jahre nach der Diagnose. Für eine Erkrankung wie das Glioblastom ist das ein bemerkenswerter Fortschritt.

Vajkoczy: Wenn wir von Fortschritt reden, muss die Lebensqualität mit auf die Rechnung. Denn hier haben wir wirklich viel erreicht. Früher hat man Patienten mit einem Rezidiv wieder nach hause geschickt und ältere Patienten hat man sowieso nicht behandelt. Heute therapieren wir diese Patienten und können ihnen noch ein paar gute Lebensmonate schenken.

Ist das Kämpfen bis zum Schluss tatsächlich so erstrebenswert?

Misch: Wir machen natürlich nur das, was wirklich Sinn macht. Gerade bei Hirntumoren ist primär ein aggressiveres Vorgehen aber erwiesenermaßen besser, weil dem Patienten sonst schwere neurologische Defizite drohen. Wer würde schon eine Halbseitenlähmung und Sprachstörungen in Kauf nehmen, wenn er noch eine Therapieoption hätte? Aber natürlich wird nur der Patient behandelt, bei dem therapeutischer Nutzen und Therapienebenwirkung in einem gesunden Verhältnis zueinander stehen.

Sie haben den Mut, auch das dritte oder vierte Rezidiv zu operieren, obwohl das in keinem Lehrbuch steht.

Vajkoczy: Wie schon gesagt, Operationen sind heute viel risikoärmer als noch vor zwanzig Jahren. Wir haben jetzt etliche Verfahren, mit denen wir überprüfen können, ob der Tumor richtig gut entfernt wurde oder ob noch irgendwo Reste sind. Außerdem können wir die motorische Funktion während der Operation überwachen und hinterlassen durch eine präzisere Navigation praktisch keinen Flurschaden mehr.

Misch: Selbst wenn eine Operation nicht mehr möglich ist, können wir durch eine chemo- oder strahlentherapeutische Behandlung oder eben durch Avastin die Lebensqualität der Patienten verbessern. Das Credo, dass man bei Rezidiven nichts mehr machen kann, gilt heute einfach nicht mehr.

Prof. Dr. Peter Vajkoczy ist Direktor der Klinik für Neurochirurgie, Charité.
Dr. Martin Misch ist Oberarzt der Klinik und hat sich auf die medikamentöse Therapie von neuroonkologischen Tumoren spezialisiert.

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