. Harvard-Studie

Erhöht frühe Einschulung das Risiko für ADHS?

Eine Studie aus den USA zeigt, dass früh eingeschulte Kinder häufiger eine ADHS-Diagnose bekommen als ihre bis zu ein Jahr älteren Klassenkameraden. Eine Überdiganose halten die Autoren nicht für ausgeschlossen.
ADHS-Diagnose, frühe Einschulung

ADHS-Diagnosen sind eine Frage des Einschulungsalters. Dabei könnten die Kinder lediglich zu unreif für die erste Klasse sein

ADHS ist auch als Zappelphilipp-Syndrom bekannt. Betroffene Kinder haben Probleme mit der Aufmerksamkeit und können nicht lange still sitzen. Forscher der Harvard Medical School haben nun das Einschulungsalter von 400.000 amerikanischen Jungen und Mädchen mit dem ADHS-Risiko verglichen. Demnach war die ADHS-Rate bei den früh eingeschulten Kindern um 30 Prozent höher als bei jenen, die ein Jahr später in die Schule kamen. In vielen US-Bundesstaten ist der Stichtag der 31. August. Kinder, die bis dahin fünf Jahre alt sind, kommen in die Vorschule. Wer am 1. September Geburtstag hat, muss warten und ist zum Zeitpunkt der Einschulung ein Jahr jünger als die August-Kinder.

Der Studie zufolge erhielten 85 von 10.000 August-Kindern eine ADHS-Diagnose oder Behandlung, unter den ein Jahr jüngeren September-Kindern waren es nur 64 von 10.000.

Relative Unreife führt zu Fehldiagnose

„Die Ergebnisse unserer neuen Studie legen nahe, dass zumindest unter Grundschulkinder das frühe Einschulungsalter ein Faktor für eine ADHS-Diagnose ist“, sagt Studienleiter Timothy Layton von der Harvard Medical School.

Doch je jünger die Kinder seien desto größere Probleme hätten sie, längere Zeit still zu sitzen, gibt der Forscher zu bedenken. Und das müsse nicht gleich ADHS sein, sondern sei ganz normal. So unterscheide sich ein altersadäquates Verhalten eines Sechsjährigen eben deutlich von einem Siebenjährigen.

„Wir halten es für möglich, dass eine große Anzahl von Kindern überdiagnostiziert und überbehandelt wird, da sie im Vergleich zu ihren älteren Mitschülern noch unreifer sind“, sagt Layton.

 

ADHS als Modediagnose unter Verdacht

ADHS steht schon länger im Verdacht, eine Modediagnose zu sein. In den USA ist die Diagnose in den letzten 20 Jahren sprunghaft gestiegen. Im Jahr 2016 wurden fünf Prozent der amerikanischen Kinder mit ADHS-Medikamenten wie Ritalin behandelt.

Nicht die Symptome seien allein ausschlaggebend, sondern der Kontext, sagt Co-Autroin Jena. „Das relative Alter in der Klasse, Gesetze alles kommt zusammen.“

Die frühe Einschulung scheint demnach kein Risikofaktor für ADHS per se zu sein, sondern eher dafür, eine falsche Diagnose zu bekommen.

Deutschland hat das gleiche Problem

Auch in Deutschland warnen Wissenschaftler vor immer mehr ADHS-Diagnosen. Laut dem Wissenschaftlichen Instituts des AOK-Bundesverbandes (WIdO) haben im Jahr 2006 2,3 Prozent der bei den AOKen mitversicherten Mädchen und Jungen eine ADHS-Diagnose bekommen – 2012 waren es mit 4,6 Prozent bereits doppelt so viele.

Betroffene Kinder könnten vorschnell unter einen Verdacht kommen, an ADHS zu leiden, meint Helmut Schröder, Autor der Studie aus dem Jahr 2014.   Dabei werde in vielen Fällen der altersgerechte Entwicklungszustand des Kindes viel zu wenig berücksichtigt. Schließlich könne es nicht nur an einer ADHS liegen, wenn Kinder im Unterricht zappelig seien: „Es kann auch sein, dass das Kind noch besonders jung im Vergleich zu seinen Mitschülern ist und lediglich seinem altersgerechten kindlichen Spieltrieb folgt“, so Schröder. Da aber die Unsicherheit bei vielen Eltern groß ist, wenn Lehrer gerade in der ersten Klasse über eventuelle Entwicklungsstörungen der Kinder sprechen, wird häufig ein Arzt aufgesucht. Das Risiko von Fehldiagnosen sei dann laut Schröder hoch. Was nicht unbedingt an den Ärzten liegen muss: Schließlich erwarten die meisten Eltern ja eine „Lösung“. 

Foto: AOK Mediendienst

Autor: ham
Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
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| ADHS – oder auch das Zappelphilipp-Syndrom - gehört inzwischen zu den am meisten diagnostizierten Entwicklungsstörungen bei Kindern. Das soll zumindest eine bisher noch unveröffentlichte Studie des Wissenschaftlichen Instituts des AOK-Bundesverbandes (WIdO) belegen. Die Häufigkeit der Diagnosestellung habe sich verdoppelt, schrieb am gestrigen Dienstag die Zeitung die Welt.
 
 

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