. Ursachen von Depressionen

Entzündungen könnten Depressionen triggern

Schon länger wird vermutet, dass es einen Zusammenhang zwischen Entzündungsprozessen und Depressionen gibt. Nun konnten Forscher zeigen, dass bestimmte Immunbotenstoffe tatsächlich depressive Symptome triggern können. Die Wissenschaftler hoffen, dass sich aus den Erkenntnissen neue Therapien ableiten lassen.
Depressionen

Bei einer Infektion können Immunbotenstoffe depressive Symptome hervorrufen

Die Ursachen von Depressionen sind immer noch nicht hinreichend verstanden. Seit längerem wird jedoch vermutet, dass Immunbotenstoffe, sogenannte Zytokine, an der Entstehung depressiver Störungen beteiligt sein könnten. Diese werden während einer Entzündung von den aktivierten Immunzellen freigesetzt. Nun ist den Wissenschaftlern Professor Harald Engler von der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen und Professor Manfred Schedlowski vom Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie am Universitätsklinikum Essen ein wichtiger Schritt gelungen. In einer interdisziplinären Studie konnten sie Zusammenhänge zwischen Entzündungsprozessen und Depressionen aufdecken.

Je mehr Interleukin-6, desto stärker die Depression

Die Essener Forscher konnten erstmalig beim Menschen zeigen, dass im Verlauf einer akuten Entzündung die Konzentration des Immunbotenstoffs Interleukin-6 (IL-6) nicht nur im Blut, sondern auch in der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor) deutlich ansteigt. Um dies nachzuweisen, verabreichten sie 18 gesunden Männern entweder ein sogenanntes Endotoxin oder ein Placebo. Endotoxine sind Bestandteile von Bakterien, die das Immunsystem veranlassen, bestimmte Entzündungsprozesse in Gang zu setzen. Tatsächlich ließen sich im Liquor daraufhin steigende Konzentrationen von Interleukin-6 nachweisen. Das Interessante dabei: Je höher die Konzentration des Immunbotenstoffs war, desto ausgeprägter waren auch die depressiven Symptome der Teilnehmer. Die Wissenschaftler vermuten nun, dass IL-6 über die Blutbahn das Gehirn erreichen und hier durch die Modulation neuronaler Prozesse eine Depression bewirken könnte.

Sozialer Rückzug könnte zur schnelleren Heilung der Infektion beitragen

Sinn würde die beschriebene Reaktion durchaus machen: Eine Depression führt zu Antriebslosigkeit, Erschöpfung und sozialem Rückzug – was im Krankheitsfall durchaus erwünscht sein kann, damit sich der Kranke schneller erholt andere nicht ansteckt. Insofern könnten depressive Symptome als Folge einer Entzündung einen evolutionsbiologischen Sinn gehabt haben. Normalerweise lassen die depressiven Symptome mit dem Ausheilen einer Infektion aber nach. Doch bei Menschen, die schon Voraussetzungen für eine psychische Erkrankung mitbringen, könnte eine Infektion unter Umständen zum Auslöser einer echten Depression werden, indem chronische Prozesse angestoßen werden, die auch nach der akuten Erkrankung nicht abklingen.

Die Forscher betonen nun, dass in weiteren Untersuchungen die genauen Transportmechanismen identifiziert werden müssen, über die das Interleukin-6 ins Gehirn gelangt. Die Ergebnisse ihrer Studie könnten dann möglicherweise zur Entwicklung neuer Therapien beitragen, nämlich dann, wenn es gelingt, Interleukin-6 gezielt zu blockieren, um auch die depressiven Symptome zu lindern.

Foto: © Africa Studio - Fotolia.com

Autor:
Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Psychiatrie , Depression , Antidepressiva , Psychische Krankheiten , Entstigmatisierung , Seelische Gesundheit

Weitere Nachrichten zum Thema Depressionen

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Weitere Nachrichten
Bei Frauen mit genetisch bedingtem Lungenhochdruck kann Östrogen eine Rolle bei der Erkrankung spielen. Experimente zeigen nun, dass Medikamente, die das Östrogen hemmen, der Erkrankung vorbeugen und auch zu ihrer Behandlung dienen können.
Knapp drei Millionen Tiere sterben in Deutschland jedes Jahr für die Forschung – viele davon umsonst, weil sich die Ergebnisse aus Tierversuchen oft nicht auf Menschen übertragen lassen. Nun wurde ein Modellsystem ausgezeichnet, das Tierversuche in der Schlaganfallforschung ersetzen soll.
. Veranstaltungen
loading...
Terminkalender

Vivantes Klinikum im Friedrichshain, Raum 12.109/110 im Erdgeschoss, Landsberger Allee 49, 10249 Berlin
. Kliniken
. Personen Hauptstadtregion
. Interviews
Die Blutvergiftung, fachsprachlich „Sepsis“, ist nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Und sie gilt als die am häufigsten vermeidbare. Gesundheitsstadt Berlin hat anlässlich des Welt-Sepsis-Tags am 13. September mit Prof. Konrad Reinhart von der Universität Jena über das Thema gesprochen. Der Vorsitzende der deutschen Sepsis-Stiftung vertritt die These: Die tatsächliche Zahl der Sepsis-Fälle ist doppelt so hoch wie die der registrierten.
Kinder suchtkranker Eltern sind besonderen Belastungen ausgesetzt und haben ein hohes Risiko, später selbst eine Sucht oder andere psychische Erkrankungen zu entwickeln. Gesundheitsstadt Berlin hat mit der Drogenbeauftragten der Bundesregierung Marlene Mortler über die Situation betroffener Kinder und die Notwendigkeit von Unterstützungsangeboten gesprochen.
Die Berichterstattung über Methadon als Krebsmittel weckt große Hoffnungen. Doch wie sieht eigentlich die rechtliche Seite aus, wenn Ärzte ein Medikament außerhalb des Zulassungsbereichs (Off-Label) verschreiben? Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Medizinrechtler Prof. Dr. Christian Dierks gesprochen, welche Risiken Ärzte eingehen und ob Patienten einen Anspruch auf einen individuellen Heilversuch mit Methadon haben.