. Ambulant vor stationär

Endstation Pflegeheim?

Ältere Menschen kommen immer später ins Pflegeheim. Im Durchschnitt sind sie dann schon 84 Jahre alt und verbringen meist nur noch wenige Monate dort. Was das für die Zukunft der Pflege bedeutet, haben Pflegeexperten auf dem Hauptstadtkongress diskutiert.
Pflegebedürftigkeit: Es gibt viele Alternativen zum Pflegeheim

Pflegebedürftigkeit: Es gibt viele Alternativen zum Pflegeheim

Pflegebedürftig heißt noch lange nicht Pflegeheim. Im Schnitt beträgt heute das Alter bei Eintritt in ein stationäres Pflegeheim 84 Jahre und die Verweildauer nur noch sechs bis acht Monate, früher waren es drei Jahre. „Der stationäre Pflegebereich entwickelt sich zunehmend zu Sterbehäusern“, sagte Klaus Kaiser, Projektleiter Soziale Dienste beim Malteser Hilfsdienst Berlin, auf dem Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit am 6. Juni. Unter der Moderation von Gesundheitsstadt Berlin hatten dort Pflegeexperten zum Thema „ambulant vor stationär“ über Perspektiven für die Pflege in Berlin diskutiert.

„Ambulant vor stationär“ ist eine Pflege-Prämisse, die schon seit 1994 im Sozialgesetzbuch steht und eingeführt wurde, um Kosten zu sparen. Doch im Extremfall ist das eine Milchmädchenrechnung. „Wir wissen heute, dass ambulante Pflege bei schwer Pflegebedürftigen sogar teurer ist als stationäre Pflege“, meinte Klaus Kaiser. Dennoch setze sich der Trend ambulant vor stationär weiter fort, was große Veränderungen für den stationären Pflegebereich bedeute.

Der Trend ambulant vor stationär setzt sich in der Pflege fort

Aber woran liegt es, dass das Eintrittsalter ins Pflegeheim immer höher und die Verweildauer immer kürzer wird? 95 Prozent der Menschen möchten ihren Lebensabend zu Haus verbringen und dort im Bedarfsfall auch gepflegt werden, weiß man aus zahlreichen Umfragen. Dass dieser Wunsch immer länger erfüllt werden kann, dürfte auch an der besseren gesundheitlichen Verfassung der Menschen liegen. Gerade hat das Robert Koch-Institut eine „Studie zur Gesundheit Erwachsener“ (DEGS1) vorgelegt und gezeigt: Ältere Bundesbürger fühlen sich heute deutlich fitter als in der Vergangenheit. Nur eine Minderheit ist durch ihre Gesundheit im Alltag eingeschränkt.

Wer dann doch irgendwann Hilfe bei der Pflege braucht, im Schnitt werden die Menschen mit 74 Jahren pflegebedürftig, kann sich meist lange mit der Hilfe von Angehörigen oder ambulanten Pflegediensten über Wasser halten. Ebenso bieten heute alternative Wohnformen wie Betreutes Wohnen, Senioren Wohngemeinschaften oder Demenz-WGs für viele Menschen eine Alternative zum Pflegeheim. Berlin sei aufgrund der vielen alleinstehenden Menschen bei den alternativen Wohnformen ein regelrechter Trendsetter, sagte Thomas Meißner, Geschäftsführer des AnbieterVerbands qualitätsorientierter Gesundheitspflegeinrichtungen (AGV). „Alternative Betreuungsformen bieten große Chancen, gerade für Menschen mit einem kleinen Geldbeutel“, sagte Meißner.

 

Alternative Wohnformen für Senioren statt Pflegeheim

Doch anders als der stationäre Pflegebereich ist der „alternative Markt“ kaum reguliert. Gerade bei Demenz-WGs sei dies oft problematisch, meinten die Pflegeexperten auf dem Hauptstadtkongress. Unter den rund 500 Demenz WGs in Berlin gebe es riesige Qualitätsunterschiede, von vorbildlichen Betreuungseinrichtungen bis hin zu regelrechtem Wildwuchs. „Wenn nur ein Student für vier Demenz-WGs gleichzeitig Rufbereitschaft hat, dann ist das fahrlässig“, sagte Markus Heisinger vom Johanniter Unfallhilfe e.V. mit Blick auf ein reales Beispiel in Kreuzberg. Es müssten auch für die WGs Mindest-Qualitätsstandards eingeführt werden. Andererseits sei das Heimrecht, das für den stationären Pflegebereich gilt, wiederum zu streng. Der stationäre Bereich sei dagegen überreguliert. „Es muss eine Zwischenlösung gefunden werden, die dem Anspruch auf individuelle Häuslichkeit und einer verlässlichen Betreuungsqualität gerecht wird“, forderte auch Kerstin Nicodemus vom Pflegeanbieter Renafan.

Prinzipiell befürworteten aber die Vertreter der Malteser, Johanniter, AGV und Renafan alternative Betreuungsformen, weil sie den Menschen eine Häuslichkeit und eine Vielfalt böten, die in Pflegeheimen nicht vorhanden seien. „Wohngemeinschafts-Modelle werden immer beliebter“, sagt Nicodemus. „Hier sind die Betreiber in der Pflicht, für eine gute Qualität zu sorgen.“ Trotz des sich fortsetzenden Trends „ambulant vor stationär“ werden Pflegeheime aber auch in Zukunft nicht ganz wegzudenken sein, war auf dem Hauptstadtkongress zu hören. Wenn rund um die Uhr  Pflege notwendig sei, seien Heime meist die bessere Alternative.

Foto: Johanniter

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