. Interview

Ein Pflegeheim sollte nicht aussehen wie ein Pflegeheim

Der Berliner Architekt Eckhard Feddersen über das Recht Pflegebedürftiger auf eine schöne Umgebung, die Wechselwirkung zwischen Ästhetik und Glück und warum altersgerechtes Bauen auch für junge Menschen gut ist.
Eckhard Feddersen

Eckhard Feddersen

Sie entwerfen Heime für alte, pflegebedürftige und demenzkranke Menschen. Haben Sie schon mal in einem Ihrer Heime gewohnt, Herr Feddersen?

Feddersen: Ja, ich habe schon in unseren Einrichtungen übernachtet. Es ist wichtig, dass sich der Architekt in die Bedürfnisse der Bewohner hineindenken kann.

Welchen Bedürfnissen werden Sie durch Ihre Architektur gerecht?

Feddersen:
Es gibt da einen Ausspruch, der heisst: "Schönheit ist das Versprechen auf Glück". Auch ein alter, kranker Mensch hat das Recht auf eine schöne, wertige Umgebung, die ihm das Gefühl eines selbstbestimmten Lebens in Würde vermittelt. Ästhetik hat auch viel mit Wertschätzung zu tun, da besteht eine unmittelbare Wechselwirkung zur Lebensqualität.

Wie sieht ein Pflegeheim aus, das seinen Bewohnern Glück verspricht?
Feddersen:
Das Pflegeheim sieht eben nicht aus wie ein Pflegeheim. Bei unseren Entwürfen tritt das Funktionale, das Institutionelle hinter dem Schönen zurück. Wir zeigen keine Hilfsmittel. Ich nenne es das Unauffälligkeitsprinzip. Jeder sollte sich in unseren Heimen wohlfühlen können.

Eine ästhetisch anspruchsvolle Umgebung hat aber auch etwas mit dem Kleingeld zu tun...

Feddersen:
Das stimmt nicht ganz. Auch mit geringen finanziellen Mitteln kann man eine werthaltige, lebensbejahende Umgebung schaffen. Wenn das Geld für echtes Holz nicht reicht, dann nehmen wir eben ein Imitat, den Unterschied werden Sie kaum erkennen. Aber diese öde Trostlosigkeit, dieser Billigausdruck - das darf einfach nicht sein.

Was machen Sie anders?

Feddersen:
Alles, was wertlos aussieht, hat bei uns keinen Platz. Wir arbeiten viel mit Holz, Glas und Teppich, Farb- und Lichtkonzepte spielen eine grosse Rolle. Und wir vermeiden zum Beispiel Überlängen.

Sie meinen diese langen Flure mit ihren endlosen Türketten und Linoleumböden?

Feddersen:
Und mit den Neonröhren an den Decken? So etwas werden Sie in unseren Heimen nicht finden. Wir haben die langen Gänge durch kleine Plätze ersetzt. Von diesen öffentlichen Bereichen aus gelangt man dann in die halböffentlichen Bereiche wie Aufenthaltsräume und schliesslich in die privaten Zimmer. Das alles müssen Sie sich als kleine, überschaubare individuell gestaltete Einheiten vorstellen. Auch die einzelnen Zimmer unterscheiden sich durch unterschiedliche Farben und Einrichtungen voneinander.

Also weg von der Monotonie?

Feddersen:
Exakt. Die optische Abgrenzung der einzelnen Bereiche dient übrigens auch der besseren Orientierung. Gerade ein Mensch mit Demenz braucht Hinweise, um beispielsweise sein Zimmer wiederzufinden. Aus diesem Grund beleuchten wir auch die Zimmertüren heller als den übrigen Platz. Jeder Mensch sucht instinktiv das Licht.

Sind die Bewohner Ihrer Einrichtungen denn glücklicher als andere?

Feddersen:
Na ja, die Rückmeldungen sind schon sehr positiv. Übrigens auch von den Menschen, die dort arbeiten.
Jeder arbeitet lieber in einer schönen Umgebung ...
Feddersen: Das ist doch genau der Punkt. Pflege ist eine unglaublich anstrengende Tätigkeit, zugleich aber extrem zuwendungsorientiert. Da steht und fällt die Qualität der Arbeit mit der Zufriedenheit des Personals. Wir sind deshalb immer drauf bedacht, die besonderen Bedürfnisse des Personals bei unseren Entwürfen zu berücksichtigen.

Zum Beispiel?

Feddersen:
Kurze Wege, Rückzugsmöglichkeiten, angenehme Aufenthaltsräume, bessere Patientenbetten mit Hebevorrichtungen, die die Arbeit erleichtern - all diese Dinge wirken sich unmittelbar auf die Zufriedenheit der Pflegekräfte aus. Meiner Meinung nach wird dieser Aspekt heute noch viel zu sehr vernachlässigt.

Nun bauen Sie auch altersgerechte Wohnungen in gemischten Quartieren. Gilt da auch das Unauffälligkeitsprinzip?

Feddersen:
Ja, das gilt immer. Eine Wohnung, die für einen Rollstuhl geeignet ist, ist auch für den Kinderwagen gut. Schwellen kommen deshalb bei uns überhaupt nicht ins Haus. Und über die kleine Ablagefläche oder die Sitzgelegenheit vor dem Aufzug freut sich auch die junge Mutter mit den Einkaufstüten. Gute Architektur muss für alle Lebensphasen und Generationen attraktiv und passend sein.

Also ist der Begriff "altersgerechtes Bauen" eher unangebracht?

Feddersen:
Ich spreche lieber vom "Universal Design". Damit schaffen wir Möglichkeiten, aber keine Tatsachen. Das heisst, wir planen zwar den Haltegriff im Badezimmer ein, aber er kommt erst dann dran, wenn er wirklich benötigt wird. Universal Design schafft die Möglichkeit, dass sich der junge Mensch von heute auch morgen noch in den eigenen vier Wänden frei bewegen kann.

Der Staat fördert inzwischen sogar Projekte zum generationsübergreifenden Wohnen...

Feddersen:
Von diesen Programmen halte ich ehrlich gesagt nicht viel. Die Mischung von Jung und Alt ergibt sich doch automatisch. Wir sollten die Wohnungen lieber so gestalten, dass sie auch für den Pflegebedürftigen oder den Menschen mit Demenz noch bewohnbar sind.

Hauptkategorien: Demografischer Wandel , Pflege

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