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Ein Jahr Charité 3R: „Haben die Pflicht, Alternativen zu Tierversuchen voranzutreiben“

Berlin hat sich zur Hauptstadt der Tierversuchsalternativen erklärt. Dass dies keine leeren Worthülsen sind, zeigt die Gründung von Charité 3R. Am Dienstag ist das Zentrum, das Tierversuche drastisch reduzieren und ersetzen möchte, ein Jahr alt geworden.
Charité-Dekan Prof. Axel Radlach Pries hat die Gründung von Charité 3R maßgeblich vorangetrieben. Am Dienstag hat das Zentrum für Tierversuchsalternativen eine erste Bilanz gezogen

Charité-Dekan Prof. Axel Radlach Pries hat die Gründung von Charité 3R maßgeblich vorangetrieben. Am Dienstag hat das Zentrum für Tierversuchsalternativen eine erste Bilanz gezogen

Ziemlich genau vor einem Jahr wurde Charité 3R gegründet. Aus diesem Anlass hatte das Zentrum am Dienstag zu einem Symposium ins CCO Auditorium am Campus Mitte geladen. Welche Mission und Ziele Charité 3R verfolgt, was in den vergangen zwölf Monaten geleistet und erreicht wurde und wo die größten Herausforderungen in der Zukunft liegen, das konnten die Gäste in gut einem Dutzend Vorträge erfahren. Das Symposium war gleichzeitig das „onboarding“ des neuen Scientific Advisory Boards, das am heutigen Mittwoch in Berlin zu seinem ersten Arbeitstreffen zusammenkommt.

Charité Dekan Prof. Axel Radlach Pries erinnerte in seiner Begrüßungsansprache an die Gründungsgeschichte von Charité 3R, die vor mehr als drei Jahren mit einer politischen Diskussion begann, wie man mit Tierversuchen in der „Wissensstadt“ Berlin umgehen wolle. „Damals konnte ich zwar ohne weiteres sagen, dass Tierversuche im Moment noch unverzichtbar sind“, erzählte Pries. „Aber ich war nicht in der Lage zu sagen, dass wir alles tun, um Alternativen zu finden.“

Mit der Gründung von Charité 3R hat sich die Lage geändert, allein im ersten Jahr hat das Zentrum 30 Projekte im Sinne der 3R-Prinzipien gefördert.  Gleichwohl gebe es noch viel zu tun, um die Zahl der Tierversuche auf das wirklich notwendige Maß zu begrenzen, betonte Pries.

Tierversuchsalternativen beginnen im Kopf

Hochkarätige Unterstützung erhält Charité 3R dabei ab sofort durch das international besetzte fünfköpfige Scientific Advisory Board* sowie durch ein sechsköpfiges Berlin Advisory Board, dem unter anderem der Berliner Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung Steffen Krach angehört. Charité 3R Sprecher Prof. Stefan Hippenstiel begrüßte die neuen Gremiumsmitglieder mit warmen Worten und richtete seinen Dank auch an all die anderen anwesenden Gäste – darunter die Mitglieder des 3RSprecherrats und die vielen Charité-Mitarbeiter, die sich für das Thema aktiv engagieren oder ernsthaft interessieren. „Sie alle machen 3R an der Charité möglich“, sagte er. „Das ist großartig und verdient unseren besonderen Dank.“

„3R“ steht für „Replace – Reduce – Refine“, also Tierversuche mit Hilfe von alternativen Methoden zu reduzieren (reduce) oder sogar komplett zu ersetzen (replace) sowie die Lebensbedingungen der Tiere zu verbessern (refine). Beim Refinement sei die Not noch am größten, berichtete Prof. Hippenstiel und verwies auf elf Projekte, die von Charité 3R zu diesem Thema bereits gefördert wurden, etwa die Verbesserung des Schmerzmanagements von Labortieren. „Der Aspekt des Tierwohls kann gar nicht genug herausgehoben werden“, meinte der Lungeninfektionsforscher in Anbetracht der vielen Tierversuche, die immer noch die biomedizinische Forschung prägen.

 

Kulturwandel verspricht auch eine bessere biomedizinischen Forschung

Um einen Kulturwandel bzw. ein Umdenken in der Wissenschaftsszene voranzutreiben, setzt Charité 3R auf die drei Säulen Kommunikation, Weiterbildung und Forschungsförderung. Aber auch in neue 3R-Technologien wird investiert - ab Januar 2020 jährlich fast eine Million Euro. Hierzu gehören zum Beispiel computergestützte Modelle, Gen- oder Stammzelltechnologien, mit deren Hilfe tierversuchsfreie Modelle wie etwa Organoide (weiter-) entwickelt werden können. „Diese Technologie-Plattformen werden Charité-weit zur Verfügung stehen und sind ebenso wichtig wie das Training unserer Wissenschaftler“, erklärte Hippenstiel. Das Investment lohne sich nicht nur im Hinblick auf das Tierwohl, betonte er, sondern werde auch die Forschungsergebnisse verbessern und damit die Translation beschleunigen. „Wir können unser Wissen, unsere Diagnostik und unsere Therapien von Krankheiten verbessern, wenn wir die 3R-Prinzipien konsequent anwenden“, zeigte sich Hippenstiel überzeugt.

Das bestätigte auch Prof. Arti Ahluwalia, Mitglied des Scientific Advisory Boards aus Italien. Die Wissenschaftlerin von der Universität Pisa und Chefin des Nationalen Centro 3R Italiens forscht selbst an Gehirn-Organoiden und hat errechnet, unter welchen Bedingungen die Minihirne optimal funktionieren. Unter den richtigen Konditionen, so Ahluwalia, bildeten Organoide in mancher Hinsicht die menschliche Physiologie besser als die Maus oder die Ratte, erklärte sie. „Denn sie sind aus dem gleichen Material gemacht wie wir.“

Darf der Mensch Tiere für seine Zwecke nutzen?

Dass solche innovativen Möglichkeiten mehr und mehr genutzt werden müssen, ist laut dem Philosophen Prof. Peter Kunzmann vom Institut für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie der Universität Hannover, ebenfalls Mitglied des Scientific Advisory Boards, auch noch unter einem anderen Aspekt wichtig. Heute bestehe gesellschaftlicher Konsens, dass der Mensch Tiere für seine Zwecke nutzen dürfe - sei es als Haustier, als Nahrungsquelle oder eben für die Forschung. „Diese ethische Bewertung ist aber menschengemacht und kann eines Tages auch grundsätzlich in Frage gestellt werden“, meinte Kunzmann.

Charité-Dekan Pries teilt die ethischen Bedenken und hob die moralische Verpflichtung des Menschen gegenüber anderen Lebewesen des Planeten hervor. „Wir haben die Pflicht, energisch die Entwicklung von Tierversuchsalternativen voranzutreiben“, sagte er. „Und wir wollen deshalb auch einen Paradigmenwechsel anstoßen, Charité-weit, deutschlandweit - und europaweit.“

*Das Scientific Advisory Board

Prof. Arti Ahluwalia von der Universität Pisa, Dr. Tom Bengsten vom nationalen 3R-Center Dänemark, Dr. Pauli Jirkof von der Universität Zürich, Prof. Peter Kunzmann von der Universität Hannover und Prof. Werner Müller von der Universität Manchester

Hauptkategorien: Berlin , Gesundheitspolitik
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