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Dünne Studienlage zum Infektionsschutz in Pflegheimen

Eineinhalb Jahre nach dem Beginn der Corona-Pandemie ist die Studienlage zum Infektionsschutz in Pflegheimen immer noch dünn. Das geht aus einem aktuellen Cochrane Review hervor. Eine Studie aus Deutschland war nicht dabei.
Wie lassen sich Alten- und Pflegeheime vor COVID-19 schützen? Bis heute gibt es dazu kaum wissenschaftliche Evidenz

Wie lassen sich Alten- und Pflegeheime vor COVID-19 schützen? Bis heute gibt es dazu kaum wissenschaftliche Evidenz

Wie können Corona-Ausbrüche in stationären Pflegheimen verhindert werden? Mit Tests, Masken, Kontaktbeschränkungen, anderen Maßnahmen oder einem Mix? Die Wissenschaft hat darauf bisher keine eindeutigen Antworten. Zu diesem ernüchternden Ergebnis sind Wissenschaftler jetzt in einem aktuellen Cochrane Review gekommen. Für die Übersichtsarbeit suchte das Team um Jan Stratil, Arzt und Epidemiologe an der Pettenkofer School of Public Health der Ludwig-Maximilians-Universität München, nach aussagekräftigen Studien.

22 wissenschaftliche Studien aus Europa und den USA wurden schließlich als relevant angesehen und ausgewertet. Die Studien beschreiben verschiedenste Maßnahmen, darunter solche, die den Eintrag des Virus in die Einrichtungen verhindern, die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung in der Einrichtung reduzieren oder im Falle eines Ausbruchs dessen Folgen begrenzen sollen. Allerdings handelte es sich bei den Studien entweder um Beobachtungsstudien oder mathematische Modellierungen - beide Studientypen haben nur eine begrenzte Aussagekraft. Bemerkenswert ist auch, dass die Autoren keine brauchbare Studie aus Deutschland zum Thema fanden.

Große Lücken in der Evidenz

„Die Studien sind sehr unterschiedlich und viele haben eine Reihe von Schwachstellen. Das macht es schwer, für die meisten der untersuchten Maßnahmen eindeutige Schlüsse zu ziehen“, sagt Jan Stratil. Aussagen zur Wirksamkeit seien darum nur begrenzt möglich.

Das Autoren-Team fand allerdings durchaus Hinweise, dass Schutzmaßnahmen dabei helfen können, SARS-CoV-2 Infektionen in den Einrichtungen zu verhindern und deren negative Konsequenzen zu verringern. Das gilt vor allem für die regelmäßige Testung von Bewohner und Pflegepersonal mit dem Ziel, Ausbrüche möglichst früh zu erkennen. Auch deutet die versammelte Evidenz aus Studien darauf hin, dass die Kombination verschiedener Schutzmaßnahmen Infektionen und Todesfälle reduzieren könnte. „Für eine Reihe anderer Maßnahmen ist die Studienlage allerdings unklar“, sagt Renke Biallas, der zweite Hauptautor des Cochrane Reviews. „Manche Studien lassen zwar einen Nutzen von Maßnahmen wie Besuchsbeschränkungen, der Bildung von abgeschlossenen Gruppen oder Quarantäne vermuten, aber die Ergebnisse sind nicht zuverlässig. Wir brauchen dringend mehr und bessere Forschung.“

 

Negative Folgen der Maßnahmen praktisch nicht untersucht

Dabei haben viele der genannten Maßnahmen teils erhebliche Auswirkungen auf die seelische und körperliche Gesundheit der Betroffenen, beispielsweise Beschränkungen der Besuchsmöglichkeiten oder das Aussetzen von Gemeinschaftsaktivitäten. „Bei derart einschneidenden Maßnahmen sollten wir eigentlich schon wissen, ob und wie gut sie wirken“, sagt Jan Stratil.

Großen Forschungsbedarf sehen die Autoren zu den negativen gesundheitlichen oder sozialen Auswirkungen der Schutzmaßnahmen. Eineinhalb Jahre nach dem Beginn der Corona-Pandemie ist auch hierzu die Studienlage äußerst dünn.

Warum wird so wenig zu diesem wichtigen Thema geforscht?

„Wir müssen auch darüber nachdenken, warum trotz der hohen Anzahl von Todesfällen unter Bewohner und Pflegepersonal dieser Einrichtungen so wenig aussagekräftige Forschung erfolgt ist“, so Stratil weiter. „Wenn wir die Gründe hierfür verstehen, kann uns das helfen, in dieser und in zukünftigen Pandemien unsere begrenzten Mittel gezielter und wirksamer einzusetzen, um Menschenleben zu retten.“

Stationäre Pflegeeinrichtungen waren besonders von der Corona-Pandemie betroffen. In den meisten westlichen Ländern traten bisher 30 bis 50 Prozent aller COVID-Todesfälle unter den Bewohnern solcher Einrichtungen auf, obwohl diese weniger als 1 Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Foto: © Adobe Stock/ Bonsales

Autor: ham
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