. Innovatives OP-Verfahren

Dünndarmschleimhaut in Speiseröhre transplantiert

Berliner Ärzten ist es erstmals gelungen, Dünndarmschleimhaut erfolgreich in die menschliche Speiseröhre zu transplantieren. Das innovative Verfahren könnte nun in ähnlich gelagerten Fällen Schule machen.
Speiseröhrenkrebs: Berliner Ärzte führen neues Transplantationsverfahren von Dünndarmschleimhaut ein

Speiseröhrenkrebs: Berliner Ärzte führen neues Transplantationsverfahren von Dünndarmschleimhaut ein

Die OP war sehr komplex, ist aber gut gelaufen und die Ärzte konnten den Krebs aus der Speiseröhrenschleimhaut entfernen. Sieben Zentimeter waren betroffen. Anschließend kam es bei dem Patienten zu einer übermäßigen Narbenbildung im Operationsgebiet, so dass sich die Speiseröhre verengte und die Nahrungsaufnahme schwerwiegend beeinträchtigt war. Da alle Dehnungsversuche und andere Therapiemaßnahmen erfolglos blieben, entschied sich das Team vom Vivantes Klinikum im Friedrichshain schließlich zu einem außergewöhnlichen Schritt: die Transplantation von Dünndarmschleimhaut in die Speiseröhre. Die transplantierte Schleimhaut dient dem Patienten nun als Schutz für die ehemalige Wunde.

Neue Behandlungsoption für früh entdeckten Speiseröhrenkrebs

„Wir haben erstmals ein neuartiges Verfahren und Vorgehen erfolgreich in einem sehr komplexen Fall angewendet“, sagt Prof. Dr. Jürgen Hochberger, Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie im Klinikum Friedrichshain. In Zukunft könnte so bei flächigen Frühkarzinomen oder therapierefraktären Narben in der Speiseröhre gleichzeitig ein endoskopischer und ein chirurgischer Eingriff erfolgen, stellt er in Aussicht, „um bereits beim Ersteingriff große Wundflächen in der Speiseröhre zu bedecken und so eine überschießende Narbenbildung zu verhindern.“

 Dünndarmschleimhaut sei gut geeignet, da sie gut gefeit gegen Gallensäuren, Pankreasproteasen und -lipase sowie Magensäure sei. Bei Rückfluss der aggressiven Sekrete in die Speiseröhre sei von einer potenziell hohen Widerstandskraft auszugehen, so der Gastroenterologe.

 

 30 Zentimeter Dünndarm verpflanzt

 Im vorliegenden Fall hatten die Ärzte um Hochberger und den Viszeralchirurgen Prof. Martin Loss dem Patienten rund 30 Zentimeter Dünndarm entfernt. Bei 5 Metern Länger ist ein so kurzes Stück gut entbehrlich. Beim selben Eingriff im Dezember 2016 wurde die Dünndarm-Schleimhaut umgehend präpariert, auf einen Maschengitter-Stent aus Nickel-Titan aufgebracht und nach dessen Freisetzung gegen die Wand im zentralen Resektionsbereich gedrückt. Der obere Eingang in die Speiseröhre musste dabei präzise ausgespart werden.

Wochen zuvor hatte das Ärzteteam mit der Vakuumschwamm-Technologie aus der Plastischen Chirurgie die idealen Voraussetzungen für das Gelingen der Transplantation geschaffen. Zunächst wurde die innere Narbe von der dünnen Muskelschicht quasi mikrochirurgisch mit einem speziellen hochauflösenden, flexiblen Zoom-Endoskop über sieben Zentimeter abpräpariert. Dies erfolgte in minutiöser Arbeit und in unmittelbarer Nähe zu Hauptschlagader, Herz und Lunge. Hierdurch ergab sich jedoch erneut eine uneingeschränkte Weite des Muskelschlauches. Erstmals wurde durch die Vakuumschwamm-Technologie - wie in der plastischen Chirurgie - der Wundgrund speziell vorbereitet, um das Angehen des Transplantats zu fördern: Der inzwischen mit Bindegewebe durchsetzte Muskel wurde durch zwei Polyurethan-Vakuum-Schwämme über mehrere Tage ‚vorkonditioniert’, um die Einsprossung von Gefäßen und die Durchblutung zu fördern.

Transplantation gelungen

Mehr als zwei Monate nach der Transplantation geht es dem Patienten den Umständen entsprechend gut. Histo-pathologisch konnte inzwischen bestätigt werden, dass die Dünndarmschleimhaut in der Speiseröhre angewachsen und vital ist und sich die Transplantat-Insel ausgebreitet hat, heißt es weiter von den behandelnden Ärzten.

An dem spektakulären Eingriff hatten im Vorfeld auch Wissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), des Südklinikum Rostock und dem Friedrich-Löffler-Forschungsinstitut Mariensee mitgewirkt.

Foto: © chanawit - Fotolia.com

Autor: ham
Hauptkategorien: Berlin , Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Speiseröhre , Darm , Transplantation
 

Weitere Nachrichten zum Thema Speiseröhre

 

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Mehr zum Thema
Wie kann man die Überlebenschancen bei Bauchfellkrebs verbessern? Die Expertin Professor Beate Rau, Leiterin des Peritonealkarzinosezentrums der Charité, berichtet über eine neue Kombinationstherapie gegen Bauchfellkrebs und wie Patienten davon profitieren können.
. Weitere Nachrichten
Gesundheitliche Prävention ist keine Frage des Alters. Bis ins hohe Lebensalter kann man vielen gesundheitlichen Problemen vorbeugen – auch bei Pflegebedürftigkeit. Das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) hat nun ein frei zugängliches und kostenloses Internetportal speziell mit Tipps für pflegende Angehörige eingerichtet.
Forscher konnten erstmals die Ursache für Narkolepsie nachweisen. Demnach wird die seltene Schlafkrankheit durch autoreaktive T-Zellen ausgelöst. Damit bestätigt sich der Verdacht, dass Narkolepsie eine Autoimmunerkrankung ist.
. Fortbildungen Hauptstadtregion
loading...
Terminkalender
 
. Termine Hauptstadtregion
loading...
Terminkalender

Charité Universitätsmedizin Berlin, Campus Benjamin Franklin, Hindenburgdamm 30 (Eingang West), 12203 Berlin
 
. Interviews
Dr. Iris Hauth, Chefärztin des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Berlin-Weißensee, berichtet in Ihrem Buch "Keine Angst!" über Ursachen und Behandlung von Depressionen - und wie man sich davor schützen kann.
Prof. Dr. Andreas Michalsen, Chefarzt am Immanuel Krankenhaus Berlin und Professor für Klinische Naturheilkunde an der Charité, über die Grenzen der Schulmedizin, den Wildwuchs in der Naturheilkunde und warum sich beide Disziplinen gerade näherkommen.
Noch zu wenige Versicherte nehmen die Darmkrebsvorsorge wahr. Die AOK Nordost geht deshalb neue Wege. Stefanie Stoff-Ahnis, Mitglied der Geschäftsleitung der AOK Nordost und verantwortlich für das Ressort Versorgung, erläutert das Engagement, das soeben mit dem Felix Burda Award ausgezeichnet wurde.