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Dr. Ingrid Völker

Position

Ein Porträt über die Leiterin der WISO-Gruppe Dr. Ingrid Völker, erschienen in BERLIN MEDICAL 1/2008
Dr. Ingrid Völker

Dr. Ingrid Völker

"Nur wer verändert, kann bewahren"  

Über die Erfüllung des Menschen, etwas aus eigener Kraft leisten zu dürfen, promovierte Ingrid Völker zum Dr. phil. Das Thema, das irgendwo zwischen Soziologie, Psychologie und Politik liegt, bewegt die Geschäftsführerin der WISO-Gruppe bis heute.


Heute, das ist die Zeit, in der der Glaube an unsere sozialen Sicherungssysteme bröckelt, eine Zwei-Klassenmedizin heraufbeschworen und über mehr Eigenverantwortung jedes Einzelnen geredet wird. Genug Zündstoff also, um Ingrid Völker und ihr 6-köpfiges WISO-Team mit Arbeit zu versorgen. 1995 gründete die seinerzeit für den Berliner Senat tätige Beamtin zusammen mit Dr. Warnfried Dettling und Ulf Fink das Institut für Wirtschaft und Soziales - kurz WISO. WISO, das war das Anliegen, durch grundsätzliche Umorientierung wirtschaftlichen Wohlstand mit dem Umbau unserer sozialen Sicherungssysteme in Einklang zu bringen. Dieses Ziel, sagt sie, sei heute noch genauso aktuell wie damals. So hat Ingrid Völker ihren Posten beim Berliner Senat an den Nagel gehängt und im Jahr 2000 die Geschäftsführung der WISO-Gruppe übernommen.

Lernen, Verantwortung für sich zu übernehmen

"Ich glaube, dass unsere sozialen Sicherungssysteme durchaus zukunftsfest sind, wenn man zu Veränderungen bereit ist", sagt Ingrid Völker heute, rund 13 Jahre nach Gründung des Institutes. Dazu zählen nach Völkers Ansicht in erster Linie mehr Eigenverantwortung des Einzelnen und zusätzliche private Absicherung bei der Gesundheits- und Altersvorsorge "Wir sind es gewohnt, dass sich der Staat um alles kümmert, aber das geht nicht mehr." Auf das richtige Mischungsverhältnis zwischen staatlicher und privater Absicherung käme es an, auf keinen Fall dürfe man das, was wir als die Errungenschaften unseres Sozialtstaates bezeichnen, gänzlich aufgeben.

Die Gesundheitsversorgung zum Beispiel. Kaum ein anderes Land habe so dafür gesorgt wie Deutschland, dass medizinischer Fortschritt für alle zugänglich sei. "Das muss weiterhin unser Ziel sein, da dürfen wir uns nichts wegnehmen lassen", sagt Völker. Aber, und da ist sie wieder bei ihrem Lieblingsthema, müssen die Menschen lernen, Verantwortung für sich und ihre Gesundheit zu übernehmen.

Mit Studien, Gutachten, Kongressen und vor allem mit Dialog will die gebürtige Frankfurterin Orientierungs- und Entscheidungshilfen beim Wandel unserer Gesundheits- und Sozialsysteme liefern. So hat eine von WISO durchgeführte Studie aus dem Jahr 2005 nachgewiesen, dass die gesetzliche Krankenversicherung in erster Linie ein Ausgabenproblem hat. Denn die Beitragssätze sind der WISO-Studie zufolge im Wesentlichen durch die Ausgabenentwicklung getrieben worden.

Dass WISO solche Studien und Analysen erstellt, gerät manchmal etwas in den Hintergrund. WISO wird in der Öffentlichkeit vor allem mit dem Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit in Verbindung gebracht. Mit rund 6.900 Teilnehmern und 500 Referenten ist der Kongress nicht nur das grösste Projekt der WISO-Gruppe, sondern auch deutschlandweit die grösste fachübergreifende Veranstaltung der Gesundheitsbranche überhaupt.

Immer neue Ideen, immer neue Themen, immer die besten Referenten gewinnen - hinter dem Erfolg des Kongresses steckt die harte Arbeit einer klugen, scharfsichtigen Frau. "Ich hoffe, dass wir mit immer neuen Inhalten den Erfolg des Kongress auch die nächsten zehn Jahre fortsetzen können."

Neue Inhalte für den nächsten Kongress im Juni hat sie sich schon ausgedacht, einen, der ihr besonders am Herzen liegt, verrät sie vorab: "Concept Care" heisst eine neue Veranstaltung, die sich im Rahmen des "Hauptstadtforums Gesundheitspolitik" mit Zukunftsvisionen befasst. "Wir werden uns mit grundsätzlichen Fragen beschäftigen, wie ältere Menschen in ungefähr 20 Jahren leben sollen, und denken dabei weit über die Alternativen häusliche oder Heimpflege hinaus."

Als Ingrid Völker 1997 zusammen mit UIf Fink - ihrem späteren Mann - den ersten Hauptstadtkongress veranstaltete, hat das starke Duo ein Thema aus der Versenkung geholt, das bis dato vor allem als Kostenfaktor galt. "Mit dem Hauptstadtkongress ist es uns gelungen, das Bewusstsein für die Gesundheitswirtschaft zu stärken und die Chancen, die dieser Wachstumsmarkt bietet, hervorzuheben", sagt Völker. Von unterschiedlichen Standorten und Blickwinkeln aus will WISO das öffentliche Bewusstsein für die Gesundheitsbranche weiter schärfen und hat aus diesem Grunde eine Reihe anderer Kongresse wie etwa den Europäischen Gesundheitskongress in München oder zuletzt den Gesundheitskongress des Westens in Essen ins Leben gerufen.

"Ich gehöre zu denen, die Kraft aus ihrer Arbeit gewinnen"

"WISO", betont Ingrid Völker, "bekommt keine staatlichen Zuschüssen oder ähnliches. Wir finanzieren uns selbst und tragen die wirtschaftliche Verantwortung für unsere Kongresse." Mitunter finanziert WISO sogar Studien zu sozialpolitischen Fragen selbst. Dies gehört zum guten Stil des Hauses. Ingrid Völker nutzt ihre Kontakte und ihren reichen Erfahrungsschatz aus einer langen wissenschaftlichen und politischen Laufbahn, um ihr Ansinnen, dass wirtschaftlicher Wohlstand und soziale Wohlfahrt doch zusammengehen, in die Öffentlichkeit hinauszutragen. Sie tut es mit diskreter Zurückhaltung, die vertrauensbildend wirkt.

Völker, deren Karriere Anfang der 1970er Jahre mit Forschung und Lehre in der Soziologie begann, und sich mit dem Posten als Senatsrätin für Gesundheits- und Sozialpolitik einschliesslich der Leitung des Pressereferates fortsetzte, war, so sagt sie, von unheimlich vielen Chancen geprägt. Chancen, die sie fast entschuldigend als "Privilegien ihrer Generation" bezeichnet. Nichts wünscht sie sich mehr, als diese Chancen auch den künftigen Generationen weiterzugeben, doch sie fürchtet, dass es sie in dieser Form nicht mehr geben wird.

Aufgewachsen mit zwei Brüdern in einer akademisch geprägten Frankfurter Unternehmerfamilie hat sich für Ingrid Völker nie die Frage gestellt, ob, sondern was sie studiert. Für Psychologie, Soziologie und Volkswirtschaftslehre hat sie sich entschieden und mit summa cum laude promoviert. Drei verschiedene Berufe ausüben zu können, zwei wundervolle Töchter zu haben, und heute als selbständige Unternehmerin endlich am beruflichen Ziel angekommen zu sein - all das führt sie auf ihre unendlich vielen Chancen zurück, die ihr in einem Deutschland der 1960er bis -90er Jahre gewährt wurden.

"Die Zeiten werden härter", sagt sie, "umso mehr gilt es, die Menschen nicht zu entmündigen, sondern ihnen die Chance zu geben, etwas aus eigener Kraft leisten zu können." Sie selbst, für die ein Leben ohne Arbeit unvorstellbar ist, kennt das Gefühl, etwas aus eigener Kraft geschaffen zu haben. Ein verdammt gutes Gefühl.      

Weitere Informationen:

DR. INGRID VÖLKER wurde 1945 in Worms geboren und wuchs in Frankfurt/Main auf. Sie studierte Soziologie, Volkswirtschaftslehre und Psychologie in Frankfurt/Main und Freiburg. Anschliessend war sie viele Jahre in Forschung und Lehre im Bereich Soziologie tätig. 1983 begann sie beim Senat von Berlin. Hier leitete sie zunächst das Referat für Grundsatzfragen der Gesundheits- und Sozialpolitik, später arbeitete sie als Senatsrätin in der Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales und Frauen. 1995 gründete sie mit Dr. Warnfried Dettling und Ulf Fink das Institut für Wirtschaft und Soziales. Seit Herbst 2000 ist sie Geschäftsführerin der WISO-Gruppe, seit 2007 auch geschäftsführende Gesellschafterin der WISO S.E. Consulting GmbH. Sie ist Mitbegründerin und Vorstandsmitglied des Deutsch-Türkischen Gesundheitsforums e. V. Ingrid Völker ist Mutter von zwei erwachsenen Zwillingstöchtern. Seit 1998 ist sie mit Ulf Fink verheiratet.  

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