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Dr. Andreas Jordan

Position

Ein Porträt eines Mannes, der weltweit als Entdecker der Nano-Krebs-Therapie gilt. Erschienen in Berlin Medical Nr. 4/2010
Dr. Andreas Jordan

Dr. Andreas Jordan

Der Erfolg gab ihm Recht

Unbeirrt hat Dr. Andreas Jordan 23 Jahre lang an einer Idee geforscht. Jetzt wurde der Ur-Berliner mit der Zulassung seiner High-Tech-Krebstherapie für sein Lebenswerk belohnt. Trotzdem sagt er: "Ich würde das nicht nochmal machen". Unbeirrt hat Dr. Andreas Jordan 23 Jahre lang an einer Idee geforscht. Jetzt wurde der Ur-Berliner mit der Zulassung seiner High-Tech-Krebstherapie für sein Lebenswerk belohnt. Trotzdem sagt er: "Ich würde das nicht nochmal machen". Ein Porträt eines Mannes, der weltweit als Entdecker der Nano-Krebs-Therapie gilt.

Man muss schon ganz schön besessen sein, um ein Viertel Jahrhundert an einer Idee zu forschen. Vielleicht ist Dr. Andreas Jordan ja besessen. Schon als Schüler hat er lieber im Keller herumexperimentiert, als mit den anderen in die Disco zu gehen. Später hat sich der Biologe dann einer Idee aus der Physik verschrieben und dafür viele Entbehrungen in Kauf genommen: kein Privatleben gehabt, zahlreiche Rückschläge eingesteckt, Widerstand durch Dritte erlebt, ganz zu schweigen von den vielen bürokratischen Hürden. Am Ende gab ihm der Erfolg doch Recht. Im Sommer 2010 ist die Nano-Krebs-Therapie als Medizinprodukt mit CE-Zeichen zugelassen worden, weltweit die erste ihrer Art. Seither dürfen Patienten mit Hirntumoren in ganz Europa damit behandelt werden. Der klinische Einsatz des Verfahrens hängt jetzt nur noch von der Verbreitung der notwendigen Therapiegeräte ab. Das erste Referenzzentrum soll Anfang 2011 in Berlin in Betrieb gehen.

Krebszellen werden mit äusserster Präzision bekämpft

Hinter dem Verfahren steckt eigentlich eine alte Grundidee, nämlich dass man mit Hitze Tumorzellen zerstören kann. Jordan hat aus dieser Idee eine neuartige Präzisionswaffe gegen den Krebs gemacht und möglicherweise einen ganz grossen Meilenstein in der Krebsmedizin erreicht. Bei dem Thermotherapieverfahren werden magnetische Nanopartikel in den Tumor hinein gespritzt und mittels Magnetwechselfeldapplikator so stark erhitzt, dass das Tumorgewebe abstirbt. Gesundes Gewebe bleibt verschont, weil die Hitzeverteilung exakt berechnet und auf den Tumor begrenzt werden kann.

Eine Studie zum Glioblastom, dem aggressivsten aller Hirntumoren, war letztlich ausschlaggebend für die Zulassung des Verfahrens. In Kombination mit der Radiotherapie konnte die Überlebenszeit der unheilbar kranken Patienten verdoppelt werden. Dieses, wie Jordan bescheiden sagt, "schöne Ergebnis" soll nun auch bei anderen Tumorarten erreicht werden. Studien zum Prostatakarzinom und Pankreaskarzinom laufen bereits, eine Studie, in der ganz unterschiedliche Lokalrezidive mit der Nano-Krebs-Therapie behandelt wurden, ist abgeschlossen. Alles deutet auf Erfolg.

"Im Prinzip lassen sich alle soliden Tumore mit dieser neuen Therapie behandeln", sagt Jordan. Die Nano-Krebs-Therapie, schwärmt ihr Entdecker, sei wie eine Pyramide im Sand: "Wenn man sie weiter ausgräbt, wird sich noch ein ganz anderes Potenzial ergeben." Viele Ideen zur Nutzung der winzigen Nanopartikel sprudeln in Jordans Kopf oder haben es schon in die Forschungspipeline der MagForce geschafft. So will Jordan künftig die Partikel als Trägersysteme nutzen, um bestimmte Wirkstoffe wie etwa Chemotherapeutika mit einer Art Schalterfunktion gezielt freizusetzen. Ein ähnliches Prinzip verfolgt er auch im Zusammenhang mit Radiopharmaka, bei denen noch nicht einmal eine Freisetzung erforderlich ist, da die Strahlung sich unmittelbar in der Umgebung der Partikel auswirkt. Die Nanopartikel sollen hierbei die strahlenden Stoffe im Tumor festhalten und so eine definierte "innere" Strahlentherapie ermöglichen.

Schon Mitte der Achtziger das Potenzial der Nanotechnologie erkannt

Seit Mitte der Achtziger ist Andreas Jordan schon am Thema dran. Als Student der Biologie und Biochemie befasst er sich mit der Nanotechnologie, lange bevor die heutige Zukunftstechnologie internationale Bedeutung erlangt. Doch im Kopf von Andreas Jordan, der seinerzeit Fernseher repariert, um sein Studium zu finanzieren, arbeitet es bereits. 1987 begonnene Forschungsarbeiten zur Nanokrebstherapie, die von der Deutschen Krebshilfe gefördert werden, münden später in einen Sonderforschungsbereich der Deutschen Forschungsgemeinschaft. 1993 erscheint in Berlin seine Dissertationsschrift "Magnetfeld-Ferrit-Hyperthermie (MFH): Physikalische und biologische Untersuchungen zur Evaluation von Magnetflüssigkeiten für die Behandlung maligner Geschwülste".

Zunächst geht es ihm um die Verbesserung der damals neuesten Hyperthermiesysteme. Zu niedrige Temperaturen, zu viele Nebenwirkungen - Jordan will das ändern. In Zusammenarbeit mit Ärzten der Charité macht er sich auf die Suche nach einer geeigneten Substanz, die in der Lage ist, ausreichende Wärme im Tumor zu deponieren. Ungefähr 1.000 Versuche dauert es, bis er das findet, was er sucht. Es ist eine Substanz aus Japan, die Nanopartikel aus Eisenoxid mit einer Zuckerhülle enthält. Hunderte weitere Tests sollen folgen, bis ihm 1997 endlich der erste Wirksamkeitsnachweis gelingt: Mäuse mit einem C3H Mammakarzinom bekommen die Partikel direkt in den Tumor gespritzt. Bei einer Therapiedauer von 30 Minuten und einer erreichten Temperatur von 47°C wird nahezu jede zweite Maus vom Tumor geheilt.

Damit hat Andreas Jordan einen Meilenstein in seiner Forschungsarbeit erreicht. Doch bis das Verfahren zur klinischen Forschung zugelassen wird, ist es noch ein weiter Weg. Die nur 12 Nanometer kleinen Partikel müssen weiterentwickelt und ein entsprechendes Magnetwechselfeld-Therapiesystem hergestellt werden. Kapital muss her, um das alles zu finanzieren, und die richtigen Köpfe muss er finden, um die Idee voranzutreiben. Jetzt wird aus dem Wissenschaftler ein Unternehmer, der sich fortan mit Fragen der Kapitalbeschaffung, Firmengründungen und Businessplänen beschäftigen muss. Im Do-it-yourself-Verfahren eignet sich Jordan nebenbei betriebswirtschaftliches Wissen an. 1997 gründet er die erste Firma - mit Risikokapital. Es ist die "MFH Hyperthermiesysteme GmbH", die sich mit der Produktentwicklung eines Magnetwechselfeld-Therapiesystems befasst. Parallel dazu forscht er weiter an den Nanopartikeln und gründet zur Herstellung eigener Eisenoxid-Nanopartikel im Jahr 2000 die MagForce Applications GmbH.

"Es gibt fast nichts, was mir nicht passiert ist"

Den nächsten Meilenstein erreicht der Wissenschaftsunternehmer Ende 2002. Das weltweit erste Magnetfeld-Therapiesystem MFH®-300F bekommt die Zulassung zur klinischen Erprobung. Wenige Monate später startet er mit der MagForce das klinische Zulassungsverfahren für seine Nano-Krebs-Therapie. Während der wissenschaftliche Durchbruch immer näher rückt, tut sich ein finanzieller Einbruch auf. Jordans MagForce steht kurz vor der Insolvenz - ein Rückschlag, den Jordan in letzter Minute abzuwenden weiss. Es gelingt ihm frisches Kapital zu beschaffen, und zwar von der Frankfurter Nanostart AG. 2004 beteiligt sie sich die Investmentgesellschaft mehrheitlich an dem Unternehmen, das sich fortan MagForce Nanotechnologies GmbH nennt und 2005 in eine AG umgewandelt wird. Jordan ist ihr Vorstand, zuständig für Forschung und Entwicklung, den Vorsitz hat er mittlerweile abgegeben. Was als vorsichtiger Rückzug gedacht war, entpuppt sich in der Realität als kaum umsetzbar. 60 Stunden Arbeit in der Woche, weniger ist auch als "zweiter Mann" im Unternehmen nicht drin.

"Es gibt fast nichts, was mir nicht passiert ist", sagt Jordan heute. Das mit der Insolvenz sei nicht das Schlimmste gewesen. Die Bedenkenträger, die ihm seine Idee zerreden wollten, haben ihm am meisten zugesetzt. Dass er sich trotz aller Stolpersteine nicht vom Weg abbringen liess, sieht er als seine grösste Stärke, vielleicht sogar als seinen grössten persönlichen Erfolg. Dennoch würde er heute alles anders machen, ganz anders.

Gut, dass ihm das damals noch nicht klar war. Sonst hätte er sich vielleicht doch vom Weg abbringen lassen. Oder gar nicht erst begonnen. Jetzt aber gibt es für Jordan kein Zurück. Viele Ziele hat er schon erreicht, ein weiteres steht noch aus. Es ist der ökonomische proof of concept. Erst in ein paar Jahren wird er wissen, ob sich sein Lebenswerk auch in eine Wertschöpfungskette umwandeln lässt. Dann will er sich auch anderen Themen widmen. Bücher schreiben will er dann und Business Angel werden, also jungen Wissenschaftlern dabei helfen, so erfolgreiche Unternehmer zu werden wie er. Und ein bisschen Leben wäre auch nicht schlecht.

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Dr. Andreas Jordan, Gründer und Vorstandsmitglied für Forschung & Entwicklung der MagForce Nanotechnologies AG, über den Einsatz von Nanopartikeln in der Krebsmedizin, die Kraft der Wärme und das grosse Potenzial der Nano-Krebs-Therapie, die vierte Säule in der Krebsbehandlung zu werden.
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