. Versorgungsforschung

Doppelerkrankung Krebs-Rheuma: Ein eigenes Register soll Wissen und Therapie verbessern

Je älter die Gesellschaft wird, desto mehr Patienten gibt es, die Krebs bekommen oder Rheuma – oder beides. Um diese immer häufigere Form von Doppelerkrankung besser verstehen und fundierter behandeln zu können, haben Wissenschaftler der Uni Heidelberg ein Rheuma-Krebs-Krankheitsregister initiiert, das jetzt bundesweit ausgedehnt werden soll.
Hände eines alten Menschen, Finger berühren ein Gelenk

Krebs und Rheuma: Im Fall einer Doppelerkrankung können Wechselwirkungen auftreten. Sogar Medikamente, die gegen die eine Krankheit helfen, können das Risiko für die andere erhöhen.

Das vielleicht bekannteste offizielle Krankheitsregister in Deutschland ist das Krebsregister. Es besteht aus zwei Teilen. Das „epidemiologische“ Krebsregister ist eine bevölkerungsbezogene Analyse und zielt darauf ab, Krebsursachen und Risikofaktoren zu erforschen und Präventions- und Früherkennungs-Programme zu entwickeln. Es geht um Fragen wie: In welchen Regionen kommen welche Krebsarten besonders häufig vor? Wie verteilen sich Krankheitsfälle nach Alter, Geschlecht oder Wohnort der Patienten?

Im zweiten, dem „klinischen“ Krebsregister, werden dagegen Daten aus den behandelnden Kliniken erfasst, mit dem Ziel, die Behandlung von Tumorerkrankungen zu verbessern. Ein solches klinisches Register entsteht derzeit auch als Spezialregister für Krebs und Rheuma gemeinsam. Diese Doppelerkrankung tritt mit dem demographischen Wandel immer häufiger auf – ihre Wechselwirkungen sind bisher aber kaum erforscht.

Tumore und Rheuma: Fehlleistung der Immunabwehr

„Von dem Register erhoffen wir uns konkrete Handlungsempfehlungen dazu, wie Rheuma und Krebs im Falle einer Doppelerkrankung therapiert werden sollten“, sagt Hendrik Schulze-Koops, Leiter der Rheumaeinheit des Klinikums der LMU München und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie  (DGRh). Sowohl bösartige Tumore (Malignome) als auch rheumatische Erkrankungen gehen auf eine, wenngleich gegensätzliche, Fehlleistung der Immunabwehr zurück: Während das Immunsystem bei Menschen mit Rheuma aggressiv auf körpereigene Gewebe reagiert und somit überschießend aktiv ist, gelingt es ihm bei Tumorpatienten nicht, bösartige Zellen zu attackieren und in Schach zu halten – ist tendenziell also zu wenig wachsam.

 

Rheuma-Medikamente können Krebsrisiko erhöhen

Obwohl diese Erkrankungen so unterschiedlich sind, können sie sich gegenseitig beeinflussen. So ist bekannt, dass manche rheumatische Erkrankungen das Risiko für bestimmte Tumorarten erhöhen. „Auch von der Rheumamedikation kann eine krebsfördernde Wirkung ausgehen“, sagt Hanns-Martin Lorenz, Leiter der Sektion Rheumatologie am Universitätsklinikum Heidelberg und Vorstandsmitglied der DGRh. Indem die Rheumamittel das Immunsystem ruhigstellen, reduzieren sie auch dessen Angriffslust gegen Tumorzellen.“

Was das neue Krebs-Rheuma-Krankheitsregister leisten soll:

Das neue Krankheitsregister besteht aus drei Teilregistern mit verschiedenen Zielstellungen:

  1. Im „RheuMal-Register“ werden Rheumapatienten erfasst, bei denen sowohl eine Rheuma- als auch Krebserkrankung vorliegt. Hier geht es um die Frage: Wie hoch das Malignomrisiko von Rheumapatienten?

  2. Im sogenannten ParaRheuMa-Register geht es um rheumaähnliche Symptome, die im Rahmen einer Krebserkrankung entstehen. Schmerzen im Bewegungsapparat sind ein häufiges – manchmal sogar das erste – Symptom einer Malignom-Erkrankung. Um die Krebsdiagnose zu beschleunigen wäre es wichtig zu klären, ob es sich bei den Beschwerden tatsächlich „nur“ um echtes Rheuma handelt – oder ob sie nicht in Wahrheit ein Anzeichen für eine ganz andere systemische Erkrankung sind – wie Krebs.

  3. Das dritte Teilregister schließlich bündelt Daten von Patienten, die aufgrund einer Krebstherapie rheumatische Symptome entwickeln. Besonderes Augenmerk gilt hierbei der immunologischen Tumortherapie, die diese Nebenwirkung bei etwa jedem zehnten Krebspatienten unter Behandlung auslöst.

Erste Daten aus dem im Aufbau befindlichen Register zeigen beispielsweise, dass Rheumapatienten durchschnittlich einige Jahre früher an bestimmten Krebsarten erkranken als Nicht-Rheumatiker. In der Regel wird mit der Rheumamedikation dann pausiert oder sie wird umgestellt. Ob diese Therapieentscheidung im Einzelfall notwendig und sinnvoll ist, und von welchen Faktoren sie abhängig gemacht werden sollte – etwa vom Rheumatyp, der konkreten Medikation oder dem Alter des Patienten – das ist eine der Fragen, auf die das neue Register eine Antwort geben soll.

In Deutschland existieren inzwischen eine ganze Reihe von Registern, die Verständnis, Diagnostik und Therapien verschiedener Krankheiten verbessern helfen sollen. Erst im Frühjahr dieses Jahres richtete die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie zusammen mit der Universitätsklinik Gießen das Online-Register „Covid19-Rheuma.de“ ein. Rheumatiker, die immunsuppressive Therapien erhalten, besitzen ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf einer SARS-CoV-2-Infektion.

Foto: AdobeStock/asdf

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