. Interview

„Digitalisierung setzt Ressourcen frei“

Die Universitätsmedizin Essen ist Smart Hospital und aktiv am Aufbau des virtuellen Krankenhauses in Nordrhein-Westfalen beteiligt. Über die Chancen der digitalen Transformation und die Hürden auf diesem Weg hat Gesundheitsstadt Berlin mit der Digital Change Managerin der Universitätsmedizin Dr. Anke Diehl gesprochen.
Digital Change Managerin Dr. Anke Diehl

Digital Change Managerin Dr. Anke Diehl

Frau Dr. Diehl, die Universitätsmedizin Essen ist führend im Bereich der Digitalisierung. Was haben Sie, was andere Häuser nicht haben?

Diehl: Wir setzen konzernweit auf miteinander kompatible Digitalisierung, die in der ‚Smart Hospital Information Platform (SHIP)‘ zusammen läuft. Dabei ist die elektronische Patientenakte nur die Basis, wir haben eine voll digitalisierte Radiologie, digitalisieren Pathologie, nutzen digitale Medikationssysteme oder haben erfolgreich eine papierlose Notaufnahme eröffnet. Auch setzen wir in bestimmten medizinischen Bereichen Künstliche Intelligenz-Systeme ein. Außerdem mischt bei uns ein Roboter die Chemotherapien für unsere Krebspatienten an - völlig autonom und unter sterilen Bedingungen. Das sind aber nur Teilaspekte einer Gesamtstrategie.

Was gehört noch zum Digital Change?

Diehl: Digitale Transformation bedeutet auch, dass Sie das gesamte Mind-Set in einer Klinik ändern müssen. Jede Professur, die neu besetzt wird, jeder einzelne Mitarbeiter muss dabei mitgenommen werden. Wir tun das über Fortbildungen und Lenkungsgruppen, in denen Professoren genauso sitzen wie die Pflege und Medizininformatiker. Nur wenn man ein gemeinsames lösungsorientiertes Denken hinbekommt, ist das wirklich zielführend. Es geht also um weit mehr als um die Anschaffung von innovativen Technologien, es geht um die Umsetzung einer strategischen Entscheidung durch die Menschen.

Sie versprechen sich davon mehr Effizienz und letztlich eine Entlastung des Personals?

Diehl: Auf jeden Fall. Die Digitalisierung setzt Ressourcen frei. Nehmen wir das Beispiel Krankenhausapotheke. Es ist es nicht so, dass wir einen Apotheker entlassen hätten, weil bei uns ein Roboter die Chemotherapien mischt - im Gegenteil. Wir haben sogar sechs Apotheker eingestellt, um mehr Arbeit auf den Stationen zu machen.

Funktioniert das in der Pflege ähnlich, wo ja bekanntlich die Not am größten ist?

Diehl: Da stehen wir noch am Beginn eines langen Weges. Mit der elektronischen Patientenakte sind wir auf einem guten Weg. Aber noch fährt die auf einem Visitenwagen durch die Stationen. Langfristig möchten wir auf mobile Tablets umstellen, die unsere Pflegekräfte, Ärzte und Therapeuten in der Kitteltasche mit sich herumtragen könnten. Aber kaufen Sie mal auf einen Schlag iPads für 8.000 Mitarbeiter. Diese Investitionen laufen nur über die Zeitachse. Es gibt noch sehr viele andere hilfreiche technische Tools, die man zur Entlastung einsetzen könnte, aber hierfür fehlt die entsprechende Finanzierung. Mit der Bezahlung allein nach Fallpauschalen bekommen Sie das nicht hin.

Das heißt, die Entlastung der Pflege scheitert am Geld?

Diehl: Was die technische Unterstützung angeht, ist das Geld natürlich ein limitierender Faktor. Auch was die Personalausstattung angeht, sind uns natürlich Grenzen gesetzt. Sie wissen vielleicht, dass wir im Sommer bestreikt wurden und im Rahmen der Verhandlungen 140 zusätzliche Stellen alleine für die Pflege zugesagt haben. Obwohl wir schon zu den attraktiveren Arbeitgebern gehören, können wir diese Stellen bis heute nicht in vollem Umfang besetzen. Der Markt an Pflegekräften ist einfach leergefegt.

Wenn wir schon über Personal sprechen: Wie sieht es im Bereich der Informatiker aus, die Sie ja bei Ihrer digitalen Transformation dringend benötigen?

Diehl: Von den 115 Stellen sind derzeit achteinhalb nicht besetzt. Auch hier ist der springende Punkt das Geld. Mit unseren Tarifverträgen sind wir gegenüber der Industrie nicht wirklich konkurrenzfähig. Dort werden sehr viel höhere Gehälter für einen Informatiker gezahlt, zum Teil werden die noch während ihres Studiums abgeworben – ohne Abschluss. Wir hingegen, können Medizin- oder Fachinformatiker nur in etwas höhere Gehaltsgruppen einstufen, wenn sie einen Bachelor oder Master haben. Attraktiv sind wir nur, weil wir einen wissenschaftlichen Background bieten und weil wir als Smart Hospital Leuchtturmprojekt sind. Wir tun auch viel für die Fortbildung in diesem Bereich, haben kürzlich ein KI-Institut gegründet und nun sitzen wir auch im Gründungsausschuss des virtuellen Krankenhauses Nordrhein-Westfalen. Aber für kleinere Häuser wird es an dieser Stelle echt schwierig.

Beim virtuellen Krankenhaus handelt es sich um eine digitale Plattform, die künftig die fachärztliche Expertise landesweit bündeln und besser zugänglich machen soll, heißt es in einer Pressemitteilung des NRW-Gesundheitsministeriums. Könnten Sie das noch ein wenig konkretisieren?

Diehl: Im Grunde geht es um eine Vernetzung von Krankenhäusern, auch kleineren, und den niedergelassenen Ärzten. Behandlungsrelevante Patientendaten sollen darüber ausgetauscht oder Videosprechstunden bzw. Videokonsile abgehalten werden. Beispielsweise könnte dann ein Hausarzt per Mausklick Expertenwissen dazu holen, wenn er etwa eine seltene Erkrankung behandelt. Ich glaube, es ist eine Riesen Chance in einem Bundesland mal zu zeigen, dass die Digitalisierung auch den Bürgern zu Gute kommt.

Sind niedergelassene Ärzte denn überhaupt interessiert, sich von einem Chefarzt reinreden zu lassen?

Diehl: Die Hausärzte sind auch deswegen offen, weil das im virtuellen Krankenhaus refinanziert wird und weil sie sich erhoffen so unmittelbare Expertise, vielleicht auch aus angrenzenden Fachgebieten schnell und einfach dazu holen zu können.

Und was versprechen Sie sich als Uniklinik von dem Vorhaben?

Diehl: Ich denke, dass Digitalisierung und Vernetzung zu einer besseren medizinischen Versorgung führen werden. Momentan wissen wir doch gar nicht, wie es unseren Patienten nach der Entlassung geht, weil die Daten nicht ausgetauscht werden können. Das ist absurd. Im Wissenschaftsbereich und im privaten Bereich funktioniert das doch auch. Dabei könnte man mit den Daten auch präventive Versorgung machen, weil man sieht, wie sich bestimmte Blutwerte vielleicht in Richtung Gefäßverkalkung oder Leberverfettung entwickeln. Oder Biomarker identifizieren, die wir heute noch gar nicht kennen. Für solche Analysen braucht man alle Daten. Wir müssen darum die ortsgebundene Medizin durch die ortsungebundene Medizin ergänzen – und ich glaube, hier hat das virtuelle Krankenhaus bundesweit Vorbildcharakter.

Würde ortsungebunden vielleicht auch bedeuten, dass der Patient künftig gar nicht mehr in die Praxis oder Klinik kommen muss?

Diehl: Die Entwicklung geht in diese Richtung. Ein Beispiel: Wir haben am Uniklinikum eine App zur Diagnostik des Melanoms mitentwickelt. Die ist gerade in Baden-Württemberg im Testbetrieb, weil unsere Landeskammer in NRW das noch nicht anerkennt. Da können Sie eine Aufnahme hinschicken und bekommen für etwa 30 Euro eine fachliche Beurteilung. Ist alles gut, bleibt Ihnen der Gang zum Arzt erspart. Die jungen Leute fordern so etwas doch ein. Die wollen nicht stundenlang im Wartezimmer sitzen, bis endlich ein Arzt auf ihren Leberfleck guckt, um zu erfahren, dass alles in Ordnung ist.

Hauptkategorie: Gesundheitspolitik
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