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Digitalforum Gesundheit: „Vernetzung geht nur mit Cloud“

Bei der Digitalisierung geht es um die Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Das Gesundheitswesen hat hier viel Nachholbedarf. Wo die Tücken stecken, hat das Digitalforum Gesundheit am Freitag mit Experten bleuchtet. Demnach gibt es noch dicke Bretter zu bohren.
Datenschutz gilt als eines der größten Hemmnisse bei der Digitalisierung der Medizin

Datenschutz gilt als eines der größten Hemmnisse bei der Digitalisierung der Medizin

In der Pandemie wurde uns drastisch vor Augen geführt, wie sehr Deutschland bei der Digitalisierung hinterherhinkt: Im Pandemiemanagement genauso wie in der medizinischen Versorgung und der Forschung. Am Forschungsstandort Deutschland werden Wissenschaftler international abgehängt, weil sie keinen oder nur einen sehr begrenzten Zugriff auf Patientendaten haben. Das hat verheerende Auswirkungen. „Wir haben großartige Köpfe in Deutschland, doch die wandern ab, weil sie hier nicht adäquat forschen können“, berichtete eHealth-Spezialistin Prof. Sylvia Thun vom Berlin Institute of Health (BIH) auf dem Digitalforum Gesundheit (DIFG) 2021, einer von Gesundheitsstadt Berlin organisierten Veranstaltung im digitalen Format.

Ein Blick zum Beispiel nach Asien offenbart eine riesige Kluft: Während Deutschland in Künstliche Intelligenz bis 2025 drei Milliarden Euro investiert, nimmt China bis 2030 dafür 135 Milliarden Euro in die Hand. China hat außerdem ein eigenes Schulfach „Künstliche Intelligenz – KI“ eingeführt. „Überspitzt könnte man sagen: Wir haben stattdessen die EU-Datenschutzgrundverordnung eingeführt“, sagte Kongressveranstalter Ulf Fink bei der Eröffnungsveranstaltung am Freitag.

Datenschutz ist das zentrale Problem

Der Vorsitzende von Gesundheitsstadt Berlin legte damit den Finger in die Wunde: den Datenschutz. Zwar lässt die europäische Datenschutzgrundverordnung den EU-Staaten einen gewissen Spielraum, doch die Datenschutzbeauftragten der 16 Bundesländer können daraus ihre eigenen Süppchen kochen. Bundesweit tätige Klinikbetreiber können somit nicht einmal Patientendaten von einer Klinik in Bayern zu den Kollegen in Hessen weiterreichen.

Der Datenschutz in Deutschland ist aus Sicht von Prof. Erwin Böttinger „das zentrale Problem“, das als erstes gelöst werden müsse. „Wenn wir uns jetzt ganz stark auf den Datenschutz fokussieren, dann wird Deutschland einen enormen Innovationsschub erleben“, betonte der Digital Health-Experte vom Hasso-Plattner-Institut für Digital Engineering Potsdam.

 

Umfassendes Change-Management in Kliniken erforderlich

Doch es gibt noch weitere Bretter zu bohren. Ein dickes Brett ist offenbar, das medizinische Personal bei der Digitalisierung mitzunehmen. Denn die Arbeitsabläufe von heute werden in einer vernetzten Welt gänzlich andere sein. „Es braucht nicht nur Geld, sondern Change-Managementprozesse in deutschen Kliniken“, erklärte Thomas Lemke, Vorstandsvorsitzender der Sana Kliniken Ismaning. Dass tradierte Strukturen verändert werden müssen, sieht er „als die größte Hürde.“

IT-Experte Rudolf Dück vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Lübeck, sieht es ähnlich. „Es braucht auch Menschen, die das haben wollen und da mitmachen“, sagte er. Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein hat seinen Angaben zufolge deshalb einen internen Wettbewerb ausgeschrieben: Bereiche, die ein überzeugendes Organisationskonzept vorlegen, bekommen das von der Uniklinikleitung finanziert und Fachexperten zur Seite gestellt. Zentrale Eingriffe von oben seien keine nachhaltige Option, meinte Dück. „Sinnvoller ist ein Vorgehen nach dem Bottom-up-Prinzip.“

Mehr als vier Milliarden Euro für die Digitalisierung der Krankenhäuser

Große Teile des Geldes, die das Uniklinikum für seine digitale Infrastruktur ausgibt, stammen vom Steuerzahler: Durch das Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) fließen insgesamt 4,3 Mrd. Euro in die Digitalisierung der Krankenhäuser. Wie das Geld verteilt wird, entscheiden die Bundesländer. Und jene Häuser, die die Digitalisierung nicht hinbekommen, kriegen ab 2025 weniger Geld. „Es wird Selektionsprozesse geben“, prophezeite Prof. Jörg Debatin. Der Vorstand des health innovation hub in Berlin rechnet damit, dass dadurch bis 2025 etwa zwei bis drei Prozent der Krankenhäuser vom Markt verschwinden.

Wer Daten digital nicht nutzt, wird also nicht nur vom medizinischen Fortschritt abgekoppelt, wie Ulf Fink in seiner Ansprache betonte. Er wird nach Lesart des Gesetzes künftig auch hart bestraft. Das sei ein guter Aspekt des Gesetzes, befand Jörg Debatin, schließlich ginge es ja um Steuergelder.

Der gesamte ambulante Bereich profitiert jedoch nicht von dem Digitalpakt Krankenhaus. Dabei ist es für die große Vernetzung unerlässlich, dass Daten zwischen den Sektoren fließen. „Wir müssen auch die niedergelassenen Ärzte finanziell und mit Know-how unterstützen“, sagte Debatin. Eine Art „Praxisinfrakstrukturgesetz“ werde benötigt.

Technik trifft auf Versorgungsrealität

Sylvia Thun arbeitet daran, Daten interkompatibel zu machen, so dass sie von verschiedenen Akteuren im Gesundheitswesen genutzt werden können und vor allem, „dass damit vernünftig geforscht werden kann.“ Technisch nicht ganz trivial, Daten aus verschiedenen Welten zusammenzubringen. Aber lösbar, wie jüngste erfolgreiche Projekte wie „German Corona Consensus“ (GECCO) zur Erforschung von Covid-19 zeigen.

Dem steht die augenblickliche Versorgungsrealität gegenüber. Nach der aktuellen Gesetzeslage ist es Krankenkassen zum Beispiel nicht erlaubt, besondere Corona-Risikogruppen auf die Impfung gezielt hinzuweisen. Israel hat das sehr erfolgreich getan. AOK-Chef Martin Litsch forderte, wenigstens in Ausnahmefällen wie einer Pandemie die Abrechnungsdaten für solche Zwecke nutzen zu können. Hierfür müsse der Gesetzgeber die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen. Statt Datenschutz forderte er Datensicherheit. „Das müssen wir gestalten“.

Ein Impfregister ist vorgesehen

Litsch hält außerdem ein Impfregister für sinnvoll, wie es das Wissenschaftliche Institut der AOK WIdO vorgeschlagen hatte. Demnach sollten Daten von Robert Koch-Institut, Paul-Ehrlich-Institut und den Krankenkassen verknüpft werden, um mehr über Covid und die verschiedenen Impfstoffe herauszufinden. „Das würde auch mehr Vertrauen aufbauen“, so Litsch. Die Verknüpfung der Daten sei bereits vorgesehen, entgegnete Dr. Gottfried Ludewig, Leiter der Abteilung Digitalisierung und Innovation im Bundesministerium für Gesundheit. „Eine bessere Nutzung der Daten halte ich auch für sinnvoll.“

Daten nur in zertifizierter Cloud sicher

Dass hierfür eine Cloud-Lösung benötigt wird, scheint unbestritten. Eine sektorenübergreifende Vernetzung sei nur über eine Cloud möglich, betonte etwa Erwin Böttinger. Und dass sensible Patientendaten in einer zertifizierten Cloud sicherer aufbewahrt sind als auf einem Server im Keller, sei bewiesen. „Wir sehen das in den USA, aber so etwas erfordert massive Investitionen.“ Deutschland müsse von daher die finanziellen Rahmenbedingungen schaffen. „Sonst klappt das nicht“, so Böttinger.

Europäischer Impfausweis kommt am 1. Juli

Was definitiv klappen soll, ist der europäische Impfausweis. Der soll nun am 1. Juli kommen, also noch vor der Hauptreisezeit. Wie Gottfried Ludewig berichtete, würden Ärzte oder Impfzentren jedem Impfling einen QR-Code ausdrucken, der dann in die Corona-App des Bundes übertragen werden könne. Rückwirkend würden Geimpfte den Code per Post erhalten, gleiches gelte für Genesene. Möglich sei auch der Weg über die Apotheke, die dann Geimpften oder Genesenen eine offizielle Bescheinigung ausstellen könnten. „Ich bin sehr zuversichtlich, dass das funktioniert“, sagte Ludewig. Für alle Menschen, die lieber ein Stück Papier bei sich tragen oder kein Smartphone besitzen, hatte der CDU-Politiker noch eine gute Nachricht: Der gelbe WHO-Impfausweis bleibt auch in Zukunft gültig.

Foto: © Adobe Stock/Coloures-Pic

Autor: ham
Hauptkategorien: Berlin , Gesundheitspolitik
 

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