. Interview

Die Zukunft hat schon begonnen

Dr. Manfred Elff, Mitglied der Geschäftsführung der Biotronik Vertriebs GmbH, über High-Tech-Implantate im Herzen, den medizinischen Nutzen von Telemonitoring und die noch nicht ausreichend genutzten Einsparpotenziale fürs Gesundheitssystem
Dr. Manfred Elff

Dr. Manfred Elff

Herr Dr. Elff, Sie haben gerade auf dem "Zukunftsforum Langes Leben in Berlin" einen Vortrag zum Thema Telemonitoring gehalten. Ist Telemonitoring tatsächlich die Zukunft?

Dr. Elff: Ich kann natürlich nur für die Home Monitoringsysteme von Biotronik sprechen. Hier kann ich die Frage mit einem klaren Ja beantworten. Das Monitoringsystem für Patienten mit aktiven Herzimplantaten bringt heute schon entscheidende Vorteile für den Patienten und für das Gesundheitssystem. Diese Vorteile werden meiner Meinung nach in Zukunft immer relevanter, weil es darum gehen wird, wie wir immer mehr Patienten mit weniger Ärzten und zumindest nur moderat steigenden Krankenkassenbudgets optimal versorgen wollen.

Welche Vorteile bietet denn die Telemedizin?

Dr. Elff: Zum einen verbessert das Monitoringsystem die Sicherheit bei Patienten mit Herzrhythmusstörungen. Durch die tägliche Datenübertragung können Ereignisse wie Vorhof- oder Kammertachykardien und Statusänderungen bei Herzinsuffizienz frühzeitig erkannt und schnell und bedarfsgerecht behandelt werden. Zum anderen kann Home Monitoring die in den Leitlinien vorgeschriebenen zwei bis vier Nachsorgeuntersuchungen pro Patient im Jahr mindestens auf die Hälfte reduzieren - eine entsprechende Zulassung von der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA und in Europa die CE-Zulassung liegen uns seit 2009 vor.

Und wenn diese Nachsorgeuntersuchungen entfallen, dann spart das Gesundheitssystem Kosten?

Dr. Elff: Home Monitoring erspart den Kassen viele Millionen im Jahr. In Deutschland sind zurzeit über eine Million Patienten mit einem implantierten Herzschrittmacher oder einem implantierten Defibrillator versorgt. Jedes Jahr kommen rund 125.000 Patienten hinzu. Wenn für jeden dieser Patienten die Hälfte der konventionell vorgesehenen Arztbesuche pro Jahr wegfallen, können Sie sich leicht ausrechnen, was das allein an Kostenersparnis für das Gesundheitssystem bedeutet.


Aber die mehr als eine Million Menschen mit einem implantierten Herzschrittmacher oder Defibrillator werden nicht alle telemedizinisch betreut?

Dr. Elff: Bis jetzt noch nicht. In Deutschland setzen wir das Home Monitoring erst seit ungefähr zwei Jahren flächendeckend ein. Weltweit wurden allerdings bereits mehr als 250.000 Patienten mit einem geeigneten Implantat versorgt.

Ist es für die Patienten nicht etwas unheimlich, fortan nur noch per Technik überwacht zu werden, ohne persönlich mit dem Arzt zu sprechen?

Dr. Elff: Nein, ganz im Gegenteil. Zunächst einmal möchte ich feststellen, dass der Einsatz von Home Monitoring den Arzt-Patienten-Kontakt nicht vollständig ersetzt und dieses auch nicht soll. Vielmehr findet durch Home Monitoring eine Fokussierung statt und zwar genau auf diejenigen Patienten, welche die medizinische Aufmerksamkeit des Arztes aktuell benötigen. Die Gewissheit, dass die Implantat- und Gesundheitsdaten permanent übertragen werden, gibt den Patienten ein sicheres Gefühl. Und zu den Standard-Nachsorgeuntersuchungen kann ich Ihnen sagen, dass in etwa 90 Prozent der Fälle alles in Ordnung ist. Wenn Sie viermal hintereinander von Ihrem Arzt hören, dass alles okay ist, sinkt die Motivation das fünfte Mal hinzugehen.

Und wenn doch ein Ereignis auftritt?

Dr. Elff: Dann kann man mittels Home Monitoring unmittelbar darauf reagieren. In der Regel verändert der Arzt dann die Medikation oder Therapieeinstellungen und dem Patienten geht es wieder gut. Aber auch der Erfolg der medikamentösen Therapieanpassung kann aus der Ferne verfolgt und ggf. erneut angepasst werden. Wenn der Patient allerdings nur in einem Fenster von 180 Tagen untersucht wird, hat er unter Umständen viele Monate ein unerkanntes Problem. Und das kann wiederum eine gravierende Verschlechterung seines Gesundheitszustands bis hin zu erheblichen Folgeerkrankungen wie einen Schlaganfall nach sich ziehen. Früherkennung ist die beste Prävention - dieser Aspekt muss übrigens noch mit auf die Rechnung.

Wie technikaffin müssen denn die Patienten sein, um am Home Monitoring teilnehmen zu können?

Dr. Elff: Die Patienten müssen überhaupt nicht technikaffin sein. Die Patienten benötigen das gleiche technische Verständnis wie zum Inbetriebnehmen einer Nachttischlampe, denn alles was sie tun müssen, ist ein kleines Gerät, unseren CardioMessenger, an die Steckdose anschliessen. Die Datenübertragung zwischen Implantat und CardioMessenger sowie zwischen CardioMessenger und dem Arzt erfolgt automatisch, und zwar übers Handynetz. Das ist weltweit verfügbar und sichert die Datenübertragung auch im Ausland. Bei Produkten anderer Anbieter müssen sich die Patienten erst aktiv einwählen. Das erscheint uns für viele zu umständlich. Wir haben inzwischen sogar auf den Ein/Ausschalter verzichtet, um die Prozedur so simpel wie möglich und sicher wie möglich zu machen.

Zum Telemonitoring gehören mehrere Player. Die Patienten, die Ärzte und schliesslich die Krankenkassen. Wie hoch ist denn die Akzeptanz bei den Ärzten und den Kassen?

Dr. Elff: Die Bereitschaft bei den Ärzten ist sehr gross. Sie müssen lediglich über einen Internetzugang verfügen, die Bedienung der Home Monitoring Plattform ist sehr intuitiv, stellt also keine Eintrittsbarriere dar. Problematischer ist die Tatsache, dass wir uns auf der Sektorengrenze zwischen stationärer und ambulanter Versorgung bewegen. Da haben wir mit einer Menge bürokratischer Hürden zu kämpfen. Die DAK ist die erste Kasse, die das Potenzial des Home Monitoring erkannt hat. Bei einigen anderen Kassen werden wir noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen.

In der TRUST-Studie konnten Sie doch nachweisen, dass das Home Monitoring genauso sicher ist wie die konventionelle Nachuntersuchung?

Dr. Elff: Ja, es wurde sogar bestätigt, dass die Zahl der Arztkonsultationen bei fernüberwachten Patienten reduziert werden kann, ohne dass die Qualität der Betreuung beeinträchtigt wird. Das ist ja auch die Grundlage für die Zulassungen durch FDA und TÜV. Dennoch wollen einige Kassen immer weitere Beweise dafür, dass Home Monitoring die Effizienz der Behandlung steigert und die Kosten senkt. In anderen Ländern ist das zum Teil unproblematischer. Immerhin profitieren weltweit inzwischen über 250.000 Patienten von einem Home Monitoring System von Biotronik.

Biotronik ist schon seit dem Jahr 2000 mit dem Home Monitoring unterwegs...

Dr. Elff: Biotronik war das erste Unternehmen, das vor zehn Jahren mit der Entwicklung eines mobilfunkbasierten Monitoringsystems begann. Nicht nur technologisch gesehen ist das ein Meilenstein: Home Monitoring kann das gesamte Behandlungsmanagement verändern - mit Vorteilen für alle Beteiligten. Über diese Vorteile wird über kurz oder lang auch in Deutschland niemand mehr hinwegsehen können. 

Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin

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