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„Die Gefahren durch Hitze werden nicht ernst genug genommen“

Hitzewellen sind eine reale Gefahr für die Gesundheit und lassen die Mortalitätsrate ansteigen. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem wissenschaftlichen Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Freiburg, Prof. Dr. Andreas Matzarakis, über Hitzewarnsysteme und die Auswirkungen von Hitzewellen auf unsere Gesundheit gesprochen.
Prof. Andreas Matzarakis

Andreas Matzarakis

Herr Professor Matzarakis, warum leiden die Menschen so sehr unter der Hitze?

Matzarakis: Der Mensch kann sich gegen Hitze nur sehr schlecht schützen. Die einzigen Regulationsmittel, die der menschliche Organismus hat, sind das Herunterfahren der Aktivität und das Schwitzen. Zwar gewöhnt sich der Körper nach einige Tagen bis zu einem gewissen Grad an die neuen Bedingungen. Doch das gilt vor allem für gesunde Menschen und auch nur dann, wenn diese sich vernünftig verhalten.

Welche Folgen auf die Gesundheit haben Hitzewellen?

Matzarakis: Während längerer Hitzeperioden kommt es nachweislich zu mehr Krankenhauseinweisungen und Notarzteinsätzen und auch zu mehr Todesfällen. In den vergangenen Jahren konnten mehrere Studien zeigen, dass Hitzewellen zu einer Erhöhung der Mortalität führen. So wurden im Sommer 2003, in dem es eine schwere Hitzewelle gab, in Deutschland rund 7600 zusätzliche Todesfälle registriert.

Diese sogenannten Hitzetoten sterben aber nicht immer direkt an den Folgen der Hitze – wie es beispielsweise bei einem Hitzschlag passieren kann – sondern oft indirekt an einer Verschlechterung ihrer Vorerkrankungen. Wie kommt das?

Matzarakis: Das ist richtig. Vor allem, wenn eine Hitzeperiode länger anhält, wird der Organismus stark belastet. So kann es zu Flüssigkeitsmangel oder Kreislaufbeschwerden kommen. Durch den sogenannten Sommersmog werden zudem die Atemwege gereizt. Entscheidend sind aber auch die Nächte, denn auch, wenn es nachts etwas abkühlt, sind warme Nächte sehr anstrengend für den Organismus. Wir erholen uns nicht richtig, der Körper wird anfälliger und weniger widerstandsfähig gegenüber anderen Belastungen und Erkrankungen.  

Warum sind ältere Menschen besonders gefährdet?

Matzarakis: Bei älteren Menschen funktionieren die körpereigenen Regulationssysteme nicht mehr so gut. Die Hautdurchblutung und die Fähigkeit zu schwitzen sind geringer. Zudem empfinden Senioren häufig weniger Durst. Daher trinken sie zu wenig und sind gefährdet zu dehydrieren.

Um die Bevölkerung zu schützen, hat der DWD ein Hitzewarnsystem entwickelt. Wie funktioniert das?

Matzarakis: Die Warnungen basieren auf der Gefühlten Temperatur am Tag und einer berechneten Temperatur für Innenräume in der Nacht. Zudem werden auch die Bedingungen der vergangenen 30 Tage betrachtet, da es ja gewisse Anpassungsreaktionen gibt. Bei einer Gefühlten Temperatur von 38 °C  und höher wird ohne Berücksichtigung der Nachtsituation automatisch gewarnt. Das deutsche Hitzewarnsystem richtet sich insbesondere an Alten- und Pflegeheime, aber auch die Allgemeinbevölkerung. Die Hitzewarnungen werden über ein Newslettersystem, die DWD Warnkarte oder über Smart-Phone-Apps wie die WarnWetter-App oder die Gesundheitswetter-App verteilt.

Ein Bündnis, an dem unter anderem die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) beteiligt ist, hat kürzlich kritisiert, dass Deutschland nicht für die kommenden Hitzewellen gerüstet ist. Was müsste sich verbessern?

Matzarakis: Einiges ist ja schon passiert. So gibt es Hitzeaktionspläne, aber noch nicht überall in Deutschland. Auch sind zum Beispiel nicht alle Alten- und Pflegeeinrichtungen an das Hitzewarnsystem angeschlossen. Einer der Gründe dafür ist, dass die Einrichtungen selbst in der Pflicht sind, sich die entsprechenden Informationen über den Newsletter oder die App zu besorgen. Das funktioniert aber nicht immer. Hier muss sich noch einiges tun. Denn wir wissen ja auch, dass es im Zuge des Klimawandels zu mehr Hitzewellen kommen wird.

Was kann denn jeder einzelne tun, um sich zu schützen?

Matzarakis: Die wichtigsten Maßnahmen sind das Vermeiden der Mittagshitze im Freien und die Beschränkung der Aktivitäten auf die Morgen- oder Abendstunden. Generell sollten sportliche Belastungen bei großer Hitze vermieden werden. Ganz wichtig ist natürlich, viel zu trinken – allerdings möglichst keinen Alkohol – und regelmäßig leichtes Essen zu sich zu nehmen. Lüften Sie nachts und morgens, dunkeln Sie tagsüber die Räume ab und tragen Sie leichte, nicht enganliegende Kleidung.

Diese Tipps sind ja alle nicht neu. Wieso kommt das bei vielen Menschen nicht an?

Matzarakis: Tatsächlich ist das Thema nicht neu. Wir haben diese Veränderungen nun schon seit den 90er Jahren. Dennoch herrscht gerade in Deutschland immer noch die Vorstellung, dass man, wenn es heiß wird, nach draußen gehen muss. Hitze wird immer noch als „schönes Wetter“ und nicht als Gesundheitsgefahr wahrgenommen – dabei sollte sie das. Viele Menschen setzen sich jedoch nach wie vor bei großer Hitze mittags in die Sonne, machen Sport oder trinken Bier. Wir haben offenbar noch nicht gelernt, mit den höheren Temperaturen umzugehen.

Prof. Dr. Andreas Matzarakis ist Biometeorologe und wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologie des Deutschen Wetterdiensts (DWD).

Foto: © Klaus Polkowski

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