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15.12.2020

„Die E-Zigarette ist zur Raucherentwöhnung nicht geeignet“

Unter dem Stichwort der „harm reduction“ werden E-Zigaretten vielfach als weniger gefährlich bezeichnet als herkömmliche Zigaretten und sogar zur Raucherentwöhnung empfohlen. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) widerspricht dieser Darstellung deutlich. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Pneumologen Professor Wulf Pankow über die Gefahren durch E-Zigaretten und geeignete Methoden für den Rauchentzug gesprochen.
Prof. Wulf Pankow

Wulf Pankow

Professor Pankow, können Sie uns sagen: Sind E-Zigaretten gefährlicher, weniger gefährlich oder genauso gefährlich wie Zigaretten mit Tabak?

Pankow: Das ist nicht so einfach zu beantworten. Toxikologische Studien zeigen, dass beim Rauchen von E-Zigaretten bestimmte schädliche Substanzen in einer niedrigeren Konzentration freigesetzt werden als beim Tabakkonsum. Dennoch werden gesundheitsschädliche Stoffe wie Formaldehyd oder Feinstaub inhaliert und zum Teil sogar in höheren Konzentrationen aufgenommen als durch konventionelle Zigaretten.

Welche Folgen hat das?

Pankow: Wir wissen heute, dass die Inhaltsstoffe von E-Zigaretten schädigend auf Lunge, Herz-Kreislauf-System und Immunsystem wirken, einige sind sogar krebsauslösend. Ob die Schäden insgesamt geringer sind als die durch Tabakrauch, kann zurzeit nicht mit Sicherheit gesagt werden. Da fehlen uns noch die Langzeitstudien.

Wie steht es denn um den Nikotingehalt in E-Zigaretten?

Pankow: E-Zigaretten gibt es mit unterschiedlichem Nikotingehalt. Häufig ist er jedoch genauso hoch wie in herkömmlichen Zigaretten. Das ist insofern problematisch, als Nikotin ein sehr starker Suchtstoff ist. Zudem gibt es aus Laborstudien und Tierexperimenten auch Hinweise darauf, dass Nikotin krebsauslösend wirkt.

Die Hersteller bewerben E-Zigaretten als Mittel zum Rauchausstieg. Andere behaupten, sie würden oft erst den Raucheinstieg begünstigen. Was stimmt denn nun?

Pankow: Die Entwöhnungswirkung durch E-Zigaretten ist noch weitgehend unklar. Es gibt wenige kontrollierte Untersuchungen, die einen leichten Vorteil gegenüber Nikotinersatzprodukten gezeigt haben. Longitudinalstudien, die wohl eher auf die Realität übertragbar sind, haben eher negative Ergebnisse erbracht. Fakt ist: Die meisten E-Zigarettennutzer beenden den Zigarettenkonsum nicht, sondern konsumieren beides parallel.

Das heißt, Sie würden E-Zigaretten nicht als Mittel zur Rauchentwöhnung empfehlen?

Pankow: Richtig. E-Zigaretten sind kein reguliertes Medizinprodukt und ihre Nebenwirkungen sind bislang nicht abzusehen. Daher sind zur Rauchentwöhnung die langjährig erprobten und etablierten Nikotinersatzpräparate (NRT) oder andere Medikamente, die das Rauchverlangen reduzieren, zu bevorzugen. Auch die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) hat sich in einer Stellungnahme eindeutig gegen die Empfehlung von E-Zigaretten zum Tabakentzug ausgesprochen. Sie stützt sich dabei besonders auf aktuelle Analysen und Stellungnahmen nationaler und internationaler pneumologischer sowie kinder- und jugendpsychiatrischer wissenschaftlicher Fachgesellschaften.

Was empfehlen Sie Menschen, die sich das Rauchen abgewöhnen wollen?

Pankow: In der Tabakentwöhnung haben sich verschiedene Hilfsmittel bewährt, insbesondere Nikotinersatzprodukte, aber auch Medikamente wie zum Beispiel Vareniclin, die wirksam sind und deren Sicherheit nachgewiesen wurde. Als sogenannter „Goldstandard“ bei der Rauchentwöhnung gilt die Kombination aus Verhaltenstherapie plus medikamentöser Unterstützung. Damit ist eine Erfolgsquote bis zu 40 Prozent nach einem Jahr zu erreichen. Das bedeutet aber auch, dass es vielen Rauchern trotz aller Versuche nicht gelingt, dauerhaft von der Zigarette loszukommen. Daher betonen wir immer wieder, dass Prävention – also zu verhindern, dass vor allem junge Menschen überhaupt mit dem Rauchen anfangen – das Allerwichtigste ist.

Warum werden die evidenzbasierten Methoden zur Rauchentwöhnung so selten angewandt?

Pankow: Das ist in der Tat ein Problem. Die meisten Raucher wollen von der Zigarette wegkommen, schaffen es jedoch nicht. Und obwohl in Deutschland etwa 30 Prozent der Krankenhauspatienten rauchen, gibt es nur in wenigen Kliniken eine professionelle Tabakentwöhnung. Ein Hindernis ist auch, dass die Kosten für die Medikamente zurzeit von den gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland nicht übernommen werden. Wir plädieren dafür, das zu ändern. Die pharmakologische Unterstützung erhöht die Wahrscheinlichkeit, den Tabakkonsum zu beenden, und sollte daher allen Patienten angeboten werden.

Die Industrie bewirbt E-Zigaretten als sauberes, geruchsloses und schickes Lifestyleprodukt. Was setzen Sie dem entgegen?

Pankow: Die Befürworter der E-Zigaretten behaupten ja, der Konsum sei nicht so schädlich wie normales Rauchen und könne zudem zur Entwöhnung beitragen. Beides ist nicht nachgewiesen. Außerdem: Ein weniger schädliches Produkt ist noch lange nicht akzeptabel, besonders wenn man die Gefahren nicht wirklich abschätzen kann. Wir sehen, dass die E-Zigarette gerade bei jungen Menschen das Potenzial zur Einstiegsdroge hat. Dass sie zum Teil sogar im Sine der „harm reduction“ als gesundheitsfördernd angepriesen wird, ist ein Unding. Wir müssen wirklich aufpassen, dass wir dadurch nicht eine neue Generation an Rauchern heranziehen. Schließlich hatten wir mit der Rauchentwöhnung bei jungen Menschen in den letzten Jahren gute Erfolge. Das sollte wir nicht zunichtemachen.

Was sind Ihrer Erfahrung nach die wirksamsten Argumente, um Menschen zum Rauchstopp zu bewegen?

Pankow: Bei Jugendlichen ist es eindeutig der Preis. Über eine Erhöhung der Tabaksteuer kann man daher schon viel erreichen. Bei Erwachsenen sind es eher gesundheitliche Erwägungen, die dazu führen, dass sie sich das Rauchen abgewöhnen wollen.

Könnte sich die Einstellung zum Rauchen auch durch die Corona-Pandemie ändern?  

Pankow: Grund genug dafür gäbe es. Wir wissen, dass Rauchen ein erheblicher Risikofaktor für eine Coronavirus-Infektion und für einen schweren Verlauf von COVID-19 ist. Eine Metaanalyse hat bei Rauchern sogar eine Erhöhung der Sterblichkeit im Falle einer COVID-19-Erkrankung um 39 Prozent gefunden. Auch bei anderen Infektionen der Atemwege wie Lungenentzündung, Grippe oder Tuberkulose ist Rauchen ein wesentlicher Risikofaktor – und das gilt auch für E-Zigaretten. Die Corona-Pandemie sollte also ein Anlass sein, um allen Rauchern eine professionelle, multimodale Tabakentwöhnung anzubieten.

Prof. Dr. med. Wulf Pankow war bis 2019 Chefarzt der Klinik für Innere Medizin – Pneumologie und Infektiologie am Vivantes Klinikum Berlin-Neukölln und vertritt die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) im Aktionsbündnis Nichtrauchen e. V.

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