. Interview

"Die Bedeutung der Personalisierten Medizin wird zunehmen"

Der Pathologe Prof. Dr. Dr. Manfred Dietel über personalisierte Medizin, Fortschritte in der Krebsbehandlung und die Frage, wie viel Medizin wir uns leisten wollen
Prof. Dr. Dr. Manfred Dietel

Manfred Dietel

Herr Professor Dietel, ist Ihrer Einschätzung nach die Personalisierte Medizin noch Zukunftsmusik, oder haben wir sie bereits?

Dietel: Kurz zur Begriffsklärung: Der Terminus personalisierte Medizin bedeutet, dass Behandlungsmethoden auf das jeweilige Individuum zugeschnitten sind. Das waren und sind die medizinischen Therapien in gewissen Grenzen schon immer gewesen. Das, was wir heute unter moderner personalisierter Medizin verstehen – also die Verabreichung von bestimmten Medikamenten nur dann, wenn vor der Therapie mittels eines Testes deren Wirksamkeit nachgewiesen wurde – ist, um Ihre Frage zu beantworten, ganz klar bereits Realität, insbesondere in der Onkologie.  Diese spezielle Form der personalisierten Medizin, über die wir hier sprechen, gibt es seit etwa 15 Jahren, in größerem Umfang erst seit 10 Jahren. Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms hat entscheidend dazu beigetragen. Mittlerweile werden in unserem Institut bereits bei 25 Prozent aller Untersuchungen in der Krebsmedizin Verfahren aus der personalisierten Medizin angewendet. Die personalisierte Medizin ist in den Arztpraxen und Krankenhäusern also tägliche Routine.

Noch beschränkt sich die personalisierte Medizin hauptsächlich auf die Krebsmedizin. Warum ist das so?

Dietel: Zum einen war hier der Druck, etwas Neues zu finden, besonders groß, da in den vergangen 30 Jahren  nur wenige wirklich durchschlagende Erfolge zu verzeichnen waren. Zum anderen sind die zur Diagnose genetischer Veränderungen in Tumoren notwendigen Techniken enorm fortgeschritten. Dies ermöglicht uns die detaillierte immunologische und molekulare Analyse von Tumoren, um die funktionellen und genetischen Veränderungen präzise zu erfassen. Dadurch ist es möglich geworden, die Tumore zu identifizieren, die empfindlich gegenüber bestimmten Therapien sind. Mit diesen speziellen Testverfahren können wir also Mutationen und andere Veränderungen auffinden und dann in Abhängigkeit vom Testergebnis die Behandlungsstrategie festlegen.

Wie wird sich die personalisierte Medizin Ihrer Meinung nach in der Zukunft entwickeln?

Dietel: Die Bedeutung der personalisierten Medizin wird weiter zunehmen. Ich gehe davon aus, dass man in absehbarer Zeit fast alle bösartigen Tumore genetisch untersuchen wird, um dann gezielt bestimmt Aktivierungsmechanismen in den Zellen auszuschalten. Die personalisierte Medizin erhält ja jetzt schon sehr große Aufmerksamkeit in Forschung und Klinik, und ich bin mir sicher, dass sie sich in dieser Richtung weiter entwickeln wird. Anders gesagt, es gibt speziell für die Onkologie zurzeit keine Alternative, um zukünftig Fortschritte in der Behandlung der Krebserkrankung zu erzielen. 

Müsste sich für weitere Fortschritte etwas an den Strukturen in der deutschen Forschungslandschaft ändern?

Dietel: Deutschland ist in Bezug auf seine Forschungsaktivitäten nicht schlecht aufgestellt. Ein großes Problem ist allerdings, neue Erkenntnisse aus der Forschung in die klinisch-ärztliche Praxis zu überführen. Dies dauert noch zu lange. Um den Prozess zu beschleunigen, wurde jetzt mit Unterstützung der Bundesregierung, speziell des Bundeministeriums für Bildung und Forschung, unter anderem das Deutsche Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK) gegründet. Berlin und die Charité sind daran maßgeblich beteiligt. Es tut sich also etwas. Ein weiteres Problem ist, die verschiedenen Bereiche, in denen klinische Forschungen betrieben werden, besser zu vernetzen. Hier wird in Deutschland noch eindeutig zu wenig getan.

Auf welche konkreten Ergebnisse können Patienten in der nächsten Zeit hoffen?

Dietel: Nur als Beispiel: Wir forschen unter anderem gerade an einer Substanz gegen eine bestimmte Form von Lungenkrebs, das nicht-kleinzellige Bronchialkarzinom (NSCLC). Das neue Medikament  wirkt nur bei Patienten, deren Tumore eine genetische Besonderheit haben, nämlich ein mutiertes ALK-Gen, eine das Zellwachstum stimulierende sogenannte Kinase. Das neue Medikament hemmt gezielt diese Kinase. Zwischen drei und fünf Prozent aller NSCLC-Tumore trägt diese Mutation. Wenn also diese Konstellation gegeben ist, zeigen die Studien sehr vielversprechende Ergebnisse. Bei dem überwiegenden Teil der Patienten mit den speziellen genetischen Veränderungen sind die Tumore zurückgegangen oder haben sich stabilisiert. In derartigen Ansätzen steckt sehr viel Potenzial.

Macht die personalisierte Medizin bei Ärzten und Patienten ein Umdenken nötig?

Dietel: Die Menschen müssen akzeptieren, dass viele Tests ein negatives Ergebnis zeigen werden, dass sich also herausstellen kann, dass Patienten für ein bestimmtes Medikament nicht in Frage kommen. Das kann erst einmal frustrierend sein, weil den Patienten dann scheinbar nicht oder nur eingeschränkt geholfen werden kann. Andererseits ersparen diese Untersuchungen den Patienten überflüssige und nebenwirkungsreiche Therapien. Das Ziel ist ja gerade, dass nur noch die Patienten mit einer bestimmten Therapie behandelt werden, bei denen man sicher sein kann, dass die Behandlung auch wirkt. Es müssen also Patient und Arzt diese neue Situation verstehen und damit umgehen können.

Mit welchen Auswirkungen auf die Kosten der medizinischen Versorgung ist zu rechnen?

Dietel: Durch die diagnostischen Tests der Pathologen werden viele unnötige Behandlungen vermieden; das führt zunächst zu einer Kostenersparnis. Dennoch wird die Krebstherapie durch die zielgerichtete Therapie insgesamt nicht günstiger werden, weil die neuen Medikamente relativ teuer sind. Das ist aber nicht nur eine Frage der Mediziner, der Pharmaindustrie und der Krankenkassen, sondern eine Frage der Gesellschaft. Wir müssen uns fragen, ob wir uns diese Medizin leisten wollen - und ich glaube, wir wollen das -, und dann müssen wir sie auch bezahlen.

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Manfred Dietel ist Direktor des Instituts für Pathologie an der Charité in Berlin-Mitte.

Interview: Anne Volkmann

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Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin

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