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Diabetes-Medikament als Abnehm-Hilfe?

Donnerstag, 10. November 2022 – Autor:
Semaglutid ist ein Medikament zur Behandlung von Diabetes Typ 2. Es kann aber auch Menschen ohne Diabetes beim Abnehmen helfen. Ärzte warnen davor, es im Eigengebrauch anzuwenden.
Ein Diabetes-Medikament hilft Abnehmen, ohne ärztlichen Rat sollten Gesunde es aber nicht nehmen

– Foto: Adobe Stock/andriano_cz

Semaglutid wird zur Behandlung des Diabetes Typ 2 eingesetzt und ist dafür zugelassen. Die Substanz kann darüber hinaus aber auch Gesunden beim Abnehmen helfen.

Denn sie führt auch bei Menschen ohne Diabetes zu einer Gewichtsreduktion von etwa 15 Prozent. Endokrinologen warnen davor, das Medikament als Abnehm-Hilfe in Eigenregie einzusetzen.

Wirkt wie das Hormon GLP-1, das den Appetit hemmt

Die verschreibungspflichtigen Spritzen wirken ähnlich wie das körpereigene Hormon GLP-1, das unter anderem den Appetit hemmt. Mittlerweile wird der Wirkstoff aber zunehmend "off label", also ohne Zulassung für diese Indikation, bei Übergewichtigen zum Abnehmen eingesetzt.

Der Ansturm gefährde die Versorgung der eigentlichen Zielgruppe, der Diabetiker, sagt die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE). Sie weist auf die Risiken und Nebenwirkungen einer unkontrollierten Anwendung hin.

 

Verstärken Völlegefühl, reduzieren Hunger und Heißhunger

"Gefährlich ist Dickleibigkeit besonders für Menschen mit Risiken und Vorerkrankungen, etwa Bluthochdruck, erhöhte Blutfette oder Diabetes Typ 2", sagt Prof. Harald J. Schneider, Sprecher der Sektion Angewandte Endokrinologie der DGE aus München und Landshut, in einer Pressemitteilung. Bauchspeck, also viel Fettgewebe in der Unterhaut sowie rund um die inneren Bauchorgane, sei mit Insulinresistenz und chronischen Entzündungen assoziiert.

Doch Abnehmen ist leichter gesagt als getan. Für Menschen mit Diabetes Typ 2 wurde deshalb eine neue Medikamentengruppe entwickelt, sogenannte GLP-1-Rezeptor-Agonisten. "Sie helfen erfolgreich bei der Kontrolle des Diabetes und beim Abnehmen, indem sie Völlegefühl verstärken und Hunger und Heißhunger reduzieren", so der Diabetologe und Endokrinologe.

Semaglutid hilft 15 Prozent Gewicht zu verlieren

Die höchste Effektivität unter den derzeit zugelassenen GLP-1-Rezeptor-Agonisten (Exenatid, Liraglutid, Lixisenatid, Albiglutid, Dulaglutid, Semaglutid) in Bezug auf eine Gewichtsreduktion zeigt der Wirkstoff Semaglutid. In großen klinischen Studien, etwa der STEP-1-Studie, lag die Gewichtsreduktion unter Therapie mit Semaglutid nach 68 Wochen bei 14,9 Prozent.

Dabei wurde es in der Dosis von 2,4 mg einmal wöchentlich als Spritze verabreicht und von Lebensstil-Änderungen begleitet. Die Placebo-Gruppe nahm im gleichen Zeitraum nur 2,4 Prozent ab.

Mittlerweile auch für Adipositas-Patienten zugelassen

Mittlerweile wurde die Indikation von Semaglutid auf die Therapie der Adipositas erweitert. Es ist seit Juni 2021 in den USA unter dem Handelsnamen Wegovy zugelassen. Im Januar 2022 hat Wegovy auch die Zulassung in der EU dafür erhalten.

Voraussetzung für die Verschreibung ist entweder ein BMI von 27 oder höher mit mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung oder ein BMI von 30 oder höher in Verbindung mit einer kalorienreduzierten Diät und erhöhter körperlicher Aktivität.

Diabetes-Medikament als Abnehm-Hilfe?

"Aufgrund von Lieferengpässen ist es in Europa jedoch derzeit nicht erhältlich" sagt Schneider. Denn auch die ansonsten gesunde, aber übergewichtige Normalbevölkerung interessiert sich für das Präparat. Der Bekanntheitsgrad ist hoch. Nicht zuletzt Elon Musk machte Werbung dafür.

Der Mediziner warnt davor, das Diabetes-Medikament als Abnehm-Hilfe in Eigenregie zu nutzen. "Die unkontrollierte Anwendung ist mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden, etwa Übelkeit und Erbrechen. Auch Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse und Gallenblase können die Folge sein. In Tierversuchen fand man ein potenziell erhöhtes Risiko für bestimmte Schilddrüsenkrebsarten", sagt Schneider.

Zudem wisse man nichts über die Langzeitwirkungen. "Diese Medikamente sollten nur spezialisierte Ärztinnen und Ärzte verschreiben - und auch nur, wenn die medizinische Notwendigkeit besteht und die Anwendung in der Folge sorgfältig überwacht wird", so das Fazit des Endokrinologen.

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