. Redaktionelle Beilage im Tagesspiegel

Deutschland - Land des langen Lebens: Erster Demografiekongress in Berlin

Die Lebenserwartung der Bürger steigt – Neue Märkte und Dienstleistungen entstehen – Mehr Chancen als Belastungen

Hurra, wir werden älter

Das Experiment war höchst aufschlussreich: Die Harvard-Forscherin Ellen Langer schickte 1979 je eine Gruppe von Männern im Alter zwischen Ende 70 und Anfang 80 auf eine Zeitreise. Für eine Woche lebten sie in einer Umgebung, wie sie zwanzig Jahre zuvor existierte. Die eine Gruppe tat so, als wäre es tatsächlich 1959. Sie sollte alles vergessen, was später passiert ist. Die andere Gruppe sollte sich nur daran erinnern, wie ihr Leben vor zwanzig Jahren war.

Die Unterschiede waren dramatisch. Bei den Männern der ersten Gruppe konnte der Alterungsprozess deutlich zurückgedreht werden: Sie fühlten sich jünger. Und allein dadurch schnitten sie bei Intelligenztests messbar besser ab, konnten ihre Gelenke besser bewegen, waren gesünder.

Sie waren tatsächlich – wie es das Sprichwort sagt – so jung, wie sie sich fühlten. US-Forscherin Langer zieht daraus den Schluss, dass es weniger die körperlichen Veränderungen sind, die uns im Alter begrenzen, sondern unsere Einstellungen und Erwartungen. Die Psychologin und Vize-Präsidentin der Jacobs University in Bremen Ursula Staudinger drückt das noch einfacher aus: Alter entsteht im Kopf. Und wir brauchen ein neues Bild vom Altern. Wir brauchen ein Bild vom längeren Leben.

Denn die dramatischen Veränderungen, vor denen Deutschland in den nächsten Jahren und Jahrzehnten steht, sind eine gewaltige Chance für das Land. Werden die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen richtig gesetzt, wird Deutschland von der Entwicklung zum langen Leben immens profitieren – weil seine Bürger länger besser leben und weil neue Märkte und zukunftsfähige Dienstleistungen entstehen, die weltweit exportiert werden können.

Denn nicht nur in Europa, auch in den Schwellenländern werden die Menschen länger leben. Schon im Jahr 2026 wird sich in China der Anteil der über 65-Jährigen von 7 auf 14 Prozent verdoppelt haben. In Brasilien ist es im Jahr 2032 soweit, in Singapur schon 2019.

Zukunftsfähige Produkte und Dienstleistungen für eine älter werdende Gesellschaft sind wichtige Wachstumstreiber im 21. Jahrhundert. Die Veränderungen werden alle Lebensbereiche betreffen.

Sie alle bringt das „Zukunftsforum Langes Leben“ zum ersten Mal in Berlin zusammen. Es wird um neue Produkte und Dienstleistungen aus den Bereichen Mobilität und Kommunikation, Wohnen und Dienstleistungen, Gesundheit und Medizin, Reisen und Wohlbefinden gehen.

Diese neuen Märkte werden auch dadurch angetrieben, dass die Gruppe der 50- bis 60-Jährigen über das höchste Vermögen aller Altersgruppen in Deutschland verfügt. Wie die Gesellschaft für Konsumforschung GfK in Nürnberg ermittelt hat, steht den über 60-Jährigen zudem ein Einkommen in Höhe von 400 Milliarden Euro zur Verfügung – Geld, das in den kommenden Jahren in Bereiche fließen wird, die ein längeres und besseres Leben ermöglichen.

Ein wichtiger Bereich der Veränderung ist das persönliche Wohnumfeld. Nur jede zehnte Wohnung in Deutschland ist derzeit für länger Lebende geeignet, sagt das Institut für Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen. Die Zahl der barrierefreien Wohnungen liegt noch einmal deutlich darunter. Lutz Freitag, der Präsident des Bundesverbandes deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, erwartet hier enorme Veränderungen im Markt. Es werde neue Wohnmodelle geben, aber auch Hilfe beim Umbau existierender Wohnungen. Der überwiegende Teil der Menschen will in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben – und tut das auch. 93 Prozent der über 65-Jährigen wohnen nach Zahlen des Dritten Altenberichtes der Bundesregierung zuhause.

Dafür existieren inzwischen auch immer mehr technische Hilfen von Notrufknöpfen bis hin zu ausgefeilten Sicherheits- und Überwachungskonzepten. Wichtig ist, Technik mit Dienstleistungen zu verbinden und in Netzwerkstrukturen einzubetten. Das ist eine Aufgabe nicht nur für Eigentümer größerer Wohnanlagen, egal ob in privater oder öffentlicher Trägerschaft. Sondern auch für individuelle Dienstleister, denen sich hier Märkte öffnen.

Interessanterweise können nachbarschaftliche Wohnformen die Pflegekosten um bis zu 30 Prozent senken, wie eine Studie von Sarah Borgloh und Peter Westerheide vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim ergab. Dabei wurden 700 Bewohner in Wohnanlagen in vier Städten befragt, die besonderen Wert auf nachbarschaftliches Engagement und Zusammenhalt legten sowie architektonische Eigenheiten wie Grünflächen oder gemeinsame Aufenthaltsräume hatten. Die Autoren erklären die niedrigeren Kosten „teilweise mit der gegenseitigen Unterstützung durch die Bewohner, die alle in der Nachbarschaftshilfe aktiv sind, aber auch mit der architektonischen Infrastruktur.“

Dass gute Freunde das Leben verlängern, zeigt auch eine Analyse von 148 Studien, bei denen rund 300 000 Menschen vor allem in westlichen Ländern befragt wurden. Wie Juliane Holt-Lundstad von der Brigham Young University im US-Staat Utah mit Kollegen herausgefunden hat, ist Einsamkeit so schädlich wie Rauchen oder Fettsucht. Menschen mit gutem Freundes- und Bekanntenkreis hätten demnach eine um 50 Prozent höhere Überlebenswahrscheinlichkeit als Menschen mit geringem sozialem Umfeld.

Auch in der Gesundheitsvorsorge und bei den Behandlungsmöglichkeiten wurden in den vergangenen Jahren mehr Fortschritte gemacht, als den meisten bewusst sind. Professor Roland Hetzer, der Leiter der Herzchirurgie am Herzzentrum Berlins, erzählt von einer 99-Jährigen, die er vor kurzem am Herzen operiert habe und nach wenigen Tagen wieder aus dem Krankenhaus entlassen konnte: „Als ich das Entlassungsgespräch mit ihr führen wollte, sagte sie, sie bedanke sich sehr, hätte jetzt aber keine Zeit mehr, da sie shoppen gehen müsse.“ Die heutigen Operationstechniken seien so ausgefeilt, dass sehr schonend operiert werden könne. „Es geht bei diesen Eingriffen nicht so sehr um die Verlängerung des Lebens, sondern um die Verbesserung der Lebensqualität und der Mobilität“, sagt Hetzer.

Welch enorme Fortschritte hier gemacht werden, zeigt beispielsweise auch die Prothetik. Hans Georg Näder, geschäftsführender Gesellschafter der Firmengruppe Otto Bock, weist auf gedankengesteuerte Prothetik hin, die bereits von Patienten genutzt wird. Auch Neuroimplantate, etwa für Schlaganfallpatienten mit Fußheberschwäche, seien bereits in der Entwicklung.

Dies wird dazu beitragen, dass auch viele mit dem Alter assozierten Krankheiten einen Teil ihres Schreckens verlieren werden. Ohnehin ist die Gleichung „alt gleich krank“ falsch. Aus den Zahlen der Krankenkassen ist bekannt, dass die höchsten Kosten unmittelbar vor dem Ende des Lebens entstehen – egal, ob jemand mit 30, 70 oder 99 Jahren stirbt. In einer alternden Gesellschaft nehmen die Kosten deshalb nicht automatisch zu. Stattdessen verlagern sie sich nach hinten, je länger die Menschen leben.

Doch die 22,3 Millionen Mitbürger, die im Jahr 2030 älter als 65 Jahre alt sein werden, haben bessere Chancen denn je, zwei bis drei weitere Jahrzehnte in guter Gesundheit zu erleben. Auch ihre Arbeitswelt wird sich bis dahin stark verändert haben. Der heute noch grassierende Jugendwahn wird verschwunden sein. Stattdessen werden sich die Erkenntnisse der Hirnforscher durchgesetzt haben, dass die Produktivität Älterer keineswegs abnimmt, wie heutzutage immer noch zu hören ist. „Das menschliche Gehirn bleibt bis ins hohe Alter veränderbar“, sagt Ursula Staudinger, die auch Vizepräsidentin der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina ist. Sie ist überzeugt davon, dass länger Lebende „im sozialen Miteinander die verlässlicheren und stabileren Menschen sind.“ Sie sind imstande, ebenso viel wie die Jungen zu lernen.

Doch die These, dass die Produktivität und Innovationsfähigkeit einer alternden Gesellschaft quasi per Gesetz rückläufig sei, hält sie für ausgemachten Unsinn. Thomas Zwick vom Institut für Wirtschaftspädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München teilt diese Meinung: „Altersgemischte Teams steigern die Produktivität sowohl für ältere als auch für jüngere Arbeitnehmer, wenn sie geschickt zusammengesetzt sind.“

Das ist eine Erfahrung, die auch die gut 200 Unternehmen machen, die im Demographie-Netzwerk ddn der deutschen Industrie vereinigt sind. „Die größte Herausforderung ist, eine Unternehmenskultur zu schaffen, in der generationsübergreifende Wertschätzung und Kooperation ihren festen Platz haben“, sagt der ddn-Vorstandsvorsitzende Jürgen Pfister.

Ob Arbeiten, Wohnen, Leben, Reisen, die Gesundheitsvorsorge und die Technik, mit der wir leben: Neue Konzepte, Dienstleistungen und Produkte können schon heute dazu beitragen, dass wir länger besser leben. Sie sind eine Chance für Deutschland, keine Belastung. Oder um es mit dem früheren Bremer Bürgermeister Henning Scherf zu sagen: „Wir sind die jungen Alten – und so wollen wir auch leben! Wir ziehen mit sechzig noch in eine WG. Wir laufen mit siebzig noch Marathon. Wir beraten mit achtzig noch Firmen im Ausland. Wir probieren aus, was noch geht. Und es geht noch einiges."

Hauptkategorien: Demografischer Wandel , Pflege

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