. Mondpreise

Deutscher Ärztetag kämpft für niedrigere Arzneimittelpreise

Der Deutsche Ärztetag hat den Gesetzgeber aufgefordert, vehementer gegen ausufernde Arzneimittelpreise vorzugehen. Andernfalls drohe eine finanzielle Überforderung des Gesundheitssystems. Widerstand kommt von den forschenden Pharmaunternehmen.
Wolf-Dieter Ludwig auf dem 119. Deutsche Ärztetag in Hamburg: Erstattungsbetrag für neue Arzneimittel sollte sich besser am patientenrelevanten (Zusatz-) Nutzen orientieren

Wolf-Dieter Ludwig auf dem 119. Deutsche Ärztetag in Hamburg: Erstattungsbetrag für neue Arzneimittel sollte sich besser am patientenrelevanten (Zusatz-) Nutzen orientieren

Angesichts überteuerter Arzneimittelpreise hat der 119. Deutsche Ärztetag in Hamburg vor einem finanziellen Kollaps des Gesundheitssystems gewarnt. Ärzte forderten den Gesetzgeber auf, das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) grundlegend zu überarbeiten. In dem vor fünf Jahren eingeführten AMNOG sind die Nutzenbewertung und die Preisfestlegung von neuen Arzneimitteln geregelt. Doch die Regelungen hätten nicht erhofften Einsparungen geführt, monierten die Ärzte. Stattdessen seien die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Arzneimittel jährlich um vier bis fünf Prozent gestiegen.

Deutscher Ärztetag verabschiedet Entschließung

In einer Entschließung des Ärzteparlaments heißt es, die derzeit freie, ausschließlich am Markt orientierte Preisfestlegung für Arzneimittel im ersten Jahr nach der Markteinführung durch den pharmazeutischen Unternehmer müsse abgeschafft werden.

Zudem sollten Ärzten die Ergebnisse der Nutzenbewertung schnell und in geeigneter Form zur Verfügung gestellt werden. „Nur dadurch kann sichergestellt werden, dass der berechtigte Anspruch der Patienten auf eine dem Stand der aktuellen medizinischen Erkenntnisse entsprechende medikamentöse Versorgung adäquat berücksichtigt wird“, heißt es weiter in der verabschiedeten Entschließung. Hintergrund ist, dass Bewertungen des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) zu neuen Arzneimitteln nur einmal im Quartal in die Praxissoftware der Ärzte einfließen. Detailwissen über die Nutzenbewertung erreicht die Ärzte darum nur bruchstückhaft oder zu spät. Durch die schleppende Informationspolitik entstehen den Krankenkassen oftmals Mehrkosten, ohne dass die Patienten von einem möglichen Zusatznutzen profitieren könnten.

 

Arzneimittelpreise in der Onkologie explodieren

Tatsächlich kosten manche Arzneimittel-Therapien pro Patient und Jahr 80.000 Euro und mehr. Insbesondere in der Onkologie sind solche „Mondpreise“ für neue Medikamente zunehmend die Regel. Dabei ist der Zusatznutzen vieler Krebsmittel oft gar nicht wirklich bewiesen. Der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Ärzteschaft, Prof. Wolf-Dieter Ludwig forderte daher, die Erstattungsfähigkeit und Preisfestsetzung insbesondere neuer onkologischer Arzneimitteln stärker am patientenrelevanten Nutzen auszurichten. „Die Betonung liegt auf ‚gute Medikamente‘ – und gute Medikamente müssen in klinischen Studien eindeutig nachgewiesen haben, dass sie besser wirksam sind als bereits verfügbare“, sagte er in Hamburg. Hier gebe es noch einen erheblichen Nachbesserungsbedarf, insbesondere müssten die patientenrelevanten Endpunkte besser untersucht werden. In diesem Zusammenhang hält Ludwig auch die Bewertung des Bestandsmarkts für unverzichtbar, „um die Spreu vom Weizen zu trennen“, wie er sagte.

Pharmaunternehmen kontern mit dem Begriff „Innovation“

Bei den forschenden Pharmaunternehmen scheint indes jede Kritik an überhöhten Arzneimittelpreisen abzuprallen. „Mondpreise sind ein totes Pferd“, sagte die Hauptgeschäftsführerin des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) Birgit Fischer. Das AMNOG habe seine gewünschte preisdämpfende Wirkung gezeigt, erklärte sie mit Blick auf Zahlen, wonach zwischen 2009 und 2015 die Arzneimittelpreise im Schnitt nur um 2,9 Prozent gestiegen seien. Die Kosten für Krankenhausbehandlungen dagegen um 4 Prozent. Offenbar liegen dem vfa andere Zahlen vor als dem Deutschen Ärztetag, der die Steigerung der Arzneimittelpreise in diesem Zeitraum auf 4 bis 5 Prozent beziffert.  

Zu den exorbitant teuren Krebsmitteln sagte Fischer, „Innovationen haben ihren Preis“. Es sei inakzeptabel, wenn aus finanziellen Motiven sachfremde Entscheidungen über den Stand des medizinischen Wissens getroffen würden.

Der Vorsitzende der Arzneimittelkommission hielt dagegen, der Begriff „Innovation“ werde zunehmend missbraucht. Oft würden Arzneimittel nur als innovativ bezeichnet, weil sie neu seien. „Möglicherweise sind sie aber in keiner Weise besser, sondern bloß deutlich teurer.“

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