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Deutsche Forscher entwickeln Corona-Schnelltest

Erst mal grob fünf auf einmal testen und nur bei Verdacht dann ins Detail gehen: Dieses Prinzip aus der AIDS-Diagnostik haben Frankfurter Wissenschaftler jetzt auf das Coronavirus übertragen. Bis zu 400.000 Corona-Tests am Tag könnten damit künftig in Deutschland durchgeführt werden, heißt es beim hessischen Wissenschaftsministerium – zehnmal so viele wie bisher.
Laborantin bein Coronavirus Test mit Wattestäbchen und Glasröhrchen

Viele Menschen testen heißt: Herausfinden, wie viele Corona-Infektionen es wirklich gibt, Infizierte früh isolieren und Gesunde schützen.

Schon jetzt arbeiteten die Medizinlabore in Deutschland am Limit, warnte erst vor wenigen Tagen der Berufsverband Deutscher Laborärzte (BDL). Sollten die Coronavirus-Verdachtsfälle und -infektionen weiter so rasant ansteigen, würde es schon in Kürze zu Engpässen kommen. Dabei gelten möglichst frühe und breit angelegte Tests in der Bevölkerung als zentraler Teil der Strategie, die Infektionswelle flach zu halten und einen Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung zu verhindern.

Als ein Haupthindernisgrund hierfür gelten die knappen Test-Kits. Wissenschaftlern aus Frankfurt am Main ist jetzt offenbar gelungen, ein schnelleres Testverfahren für das Coronavirus zu entwickeln. Seine Vorteile: Fünf- bis zehnmal so viele Tests pro Tag in Deutschland trotz ohnehin schon knapper Ressourcen bei Test-Kits und Laborkapazitäten.

Gruppenergebnis „negativ“ = Jeder Einzelne ist gesund

Mit der neuen Testmethode könnten die medizinischen Labore inner- und außerhalb der Krankenhäuser 200.000 bis 400.000 Untersuchungen pro Tag durchführen, teilte das hessische Wissenschaftsministerium mit. Derzeit sind es rund 40.000 am Tag. In dem neuen Verfahren werden in einem ersten Schritt Schleimhautabstriche von fünf Personen gemeinsam untersucht. Fällt das Gesamtergebnis des getesteten Pools „negativ“ aus („kein Befund“), kann bei allen Testpersonen ein Corona-Befall zuverlässig ausgeschlossen werden. Nur bei einem „positiven“ Befund („Infektion“) finden dann überhaupt die aufwändigeren Einzeltests der genommenen Blutproben statt. Einzelergebnisse liegen laut Uni Frankfurt dann innerhalb von vier Stunden vor. Gemeinsam entwickelt wurde das Verfahren von Experten des Instituts für medizinische Virologie am Uniklinikum Frankfurt und des Blutspendediensts des Deutschen Roten Kreuzes (DRK).

 

„Fünfer-Tests zuverlässig wie Einzeltests“

In dem neuen Coronavirus-Testverfahren soll ein einziges der knappen Test-Kits für fünf Schleimhautabstrichproben reichen – ein Fünftel des materiellen Aufwands. „Damit wird es möglich, die von allen Wissenschaftlern und auch Politikern geforderte Ausweitung der Testung in weitere Bevölkerungsgruppen auch bei den begrenzten Testkit-Ressourcen früher umzusetzen, als bisher angenommen wurde“, sagte Erhard Seifried, in Personalunion Professor für Transfusionsmedizin an der Universität Frankfurt und Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer des DRK-Blutspendediensts Baden-Württemberg-Hessen. Die Empfindlichkeit der Pool-Tests sei genauso hoch wie die von Einzeltests, betonte Seifried. Nur: Zum Preis eines Einzeltests bekomme man fünf Ergebnisse.

Schnelltest vor allem für „systemrelevante“ Berufe

Pool-Tests sind den Frankfurter Wissenschaftlern zufolge vor allem für zwei Bevölkerungsgruppen gedacht: für die mit niedriger Infektionswahrscheinlichkeit (weil dann voraussichtlich auch wenig Nachtests stattfinden müssen); und für Gruppen, die man regelmäßig testen will oder sollte (vor allem sogenannte systemrelevante Berufe wie Ärzte, Pflegepersonal, Mitarbeiter von Rettungsdiensten, Polizei, Verwaltung oder Nahrungsmittelindustrie). Sinnvoll seien sie aber auch für Heimbewohner. Auch das Gesamtfeld der Kontaktpersonen von Infizierten könne so großflächiger und einfacher überprüft werden, sagte Seifried. Ist die Wahrscheinlichkeit für eine Infektion hoch oder sind bereits Symptomen erkennbar, gälten dagegen kleinteiligere Testverfahren wie der Zweier-Pool oder der Einzeltest als Mittel der Wahl.

Vorbild: HIV-Test bei Blutkonserven in den 1990ern

Vorbild für das aktuelle Verfahren ist ein HIV-Test-Verfahren aus den 1990er-Jahren. Der Transfusionsmediziner Seifried hatte es damals gemeinsam mit Kollegen angewandt, um sicherzustellen, dass Blutspenden keine AIDS-Erreger enthalten. Noch in dieser Woche wollen die Frankfurter Wissenschaftler weitere Versuche durchführen und herausfinden, ob ein Mini-Pool auch aus zehn Einzelproben bestehen kann. Dies würde die Coronatests nochmals beschleunigen.

Uni-Präsidentin Wolff: „Wissenschaftlicher Meilenstein“

Die Corona-Fallzahlen schnellen unterdessen in die Höhe. Die Präsidentin der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt, Birgitta Wolff, nannte das neue Analyseverfahren deshalb einen wissenschaftlichen und medizinischen „Meilenstein“. Je mehr Menschen zuverlässig auf SARS-CoV-2 getestet werden könnten, umso schneller ließe sich die Pandemie eindämmen.

Coronatest zum Patent angemeldet

Die Erfindung aus Deutschland wurde bereits in Europa und in den USA zum Patent angemeldet. Die hessische Wissenschaftsministerin Angela Dorn sprach von einer „großartigen Entdeckung, die optimistisch stimmt, in Zukunft viel mehr Menschen testen zu lassen“. Dabei gehe es gerade um diejenigen, die im Gesundheitswesen arbeiteten, bei den Rettungsdiensten oder in der Nahrungsmittelindustrie, sagt die Grünen-Politikerin. Durch höhere SARS-CoV-2-Testkapazitäten sei es künftig besser möglich, infizierte Menschen frühzeitig zu isolieren und damit Gesunde zu schützen.

Foto: AdobeStock/Robert Leßmann

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Hauptkategorien: Medizin , Corona
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