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03.08.2016

Der Migräne auf den Nerv gehen

Migräne lässt sich mit der Stimulation des Vagus-Nervs lindern. Mit einem Smartphone-großen Gerät können Patienten, die an chronischer Migräne leiden, sich selbst behandeln.
Migräneattacke

Ein Gerät zur Stimulation des Vagus-Nervs lindert Migräne.

Dabei wird der Vagusnerv in der Ohrmuschel über Kopfhörer-ähnliche Ohrstecker mit leichten elektrischen Impulsen stimuliert. Er leitet diese Reize ans Gehirn weiter. Dort werden die Regionen angeregt, die bei Migräne- oder Schmerzpatienten typischerweise eine geringere Aktivität aufweisen. Die Neurostimulation zur Migräne-Prophylaxe und Schmerzreduktion wird schon länger erprobt, auch an anderen Regionen des Kopfes.

Wissenschaftler  der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität testeten das Ohr-Gerät („Vitos“) nun bei 46 Patienten mit chronischer Migräne. Sie litten im Schnitt an 15 Kopfschmerztagen im Monat. Nach vier Wochen Therapie sank die Zahl der monatlichen Migränetage um 4 Tage. Nach zwölf Wochen Anwendung reduzierte sich die Anzahl der durchschnittlichen Migränetage pro Monat sogar um 7 Tage. Die Stimulation im Niedrigfrequenzbereich (1 Hertz) erwies sich dabei als wirksamer war als die im Hochfrequenzbereich (25 Hertz). Die entsprechende Studie wurde im Journal of Headache and Pain veröffentlicht.

Migräne mit Stimulation des Vagus-Nervs lindern

Dr. Jan Brand, leitender geschäftsführender Arzt der Migräne- und Kopfschmerz-Klinik Königstein, setzt das Gerät seit einem knappen Jahr bei einigen Patienten ein. Es muss dreimal am Tag eine Stunde lang angewendet werden. „Sie können es am Schreibtisch, in der Küche oder beim Fernsehen tragen“, so Brand. Joggen geht dabei nicht, weil die Ohrstecker sonst herausfallen würde.

Ein Teil der Patienten brach die Therapie ab, weil sie das regelmäßige Tragen zu umständlich oder unangenehm fanden. Nebenwirkung kann ein leichtes Kribbeln am Ohr sein. Andere nutzen es mit Erfolg. Der Schmerztherapeut empfiehlt es allen Betroffenen, die „zu lange und zu oft an Migräne- oder Kopfschmerzanfällen leiden“ und nicht so viele Medikamente einnehmen möchten.

 

Neurostimulation senkt Zahl der Migräne-Attacken

Vollends beseitigen lassen sich die Attacken mit dem Gerät nicht, weiterhin müssen zum Schmerzstillen Medikamente eingenommen werden. Doch die Häufigkeit lässt sich verringern. „Die Vagusnerv-Stimulation ist ein Zusatztherapie“, so definiert es Brand.

Die Stärke der Elektrostimulation ist dabei fest eingestellt, sie liegt bei 1 Hertz. Eine Überbehandlung oder schädliche Nebenwirkungen kann es Dr. Brand zufolge nicht geben. Allerdings gibt es noch keine Daten zur Langzeitanwendung.

Wechselspiel zwischen Anspannung und Entspannung gestört

„Bei Migräne-Patienten ist das Gehirn dauernd online“, beschreibt es der Mediziner. Das Wechselspiel zwischen Anspannung und Entspannung ist gestört. Wird der für die Entspannung zuständige Vagusnerv angeregt, gehen die Schmerzen zurück. Zugleich steigt der Serotoninspiegel, der bei Migräne-Attacken erniedrigt ist.

Nachteil: Das Gerät ist teuer (999 Euro) und wird von den gesetzlichen Krankenkassen bislang noch nicht erstattet. Einige Privatversicherer übernehmen es. Es kann zwei Monate getestet und bei Nichtgefallen zurückgeschickt werden. Eine Altersbeschränkung gibt es nicht.

Mediziner rät: Gleich zu Triptanen greifen

Brand behandelt in seiner Kopfschmerz-Ambulanz auch ganz junge Patienten, der jüngste ist derzeit 3 Jahre alt. Sein Rat: Regelmäßigkeit ist das Beste, um Kopfschmerz- und Migräneanfälle zu reduzieren. Genug schlafen, regelmäßig essen, Ausdauersport treiben und die Medikamente mit Umsicht einnehmen.

Viele Migräne-Patienten behandeln sich zunächst mit Präparaten wie Ibuprofen, Paracetamol oder ASS und greifen erst zu Triptanen, wenn die herkömmlichen Schmerzmittel nicht wirken. Brand rät, bei einem nahenden Migräneanfall gleich Triptane einzunehmen. „Die herkömmlichen Schmerzmittel können bei langzeitiger Einnahme zu Schäden im Magen-Darm-Trakt führen. Die Triptane nicht. Außerdem sind sie auch nicht mehr so teuer wie früher.“

Foto: 9nong/fotolia.com

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