Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 

Depressionen gehen oft mit Entzündungen einher

Entzündungen scheinen eine große Rolle bei Depressionen zu spielen. Besonders auffällig ist das bei therapieresistenten Depressionen. Darum sind nun entzündungshemmende Wirkstoffe aus dem Bereich der Autoimmunerkrankungen in den Fokus der Forschung gerückt.
Entzündung, Depression

Chronische Entzündungsvorgänge im Körper sind häufig an starken Depressionen beteiligt. Diese Erkenntnis eröffnet nun völlig neue Therapieansätze

Einer Depression liegen immer mehrere Ursachen zu Grunde. Dass es eine erbliche Veranlagung für die Schwermut gibt, gilt dabei als ausgemacht. Jedoch müssen noch weitere Faktoren hinzukommen, um eine Depression auszulösen, etwa schlimme Erfahrungen oder chronischer Stress.

Die Schulmedizin geht davon aus, dass bei einer Depression ein Ungleichgewicht bzw. Mangel bestimmter Nervenbotenstoffe vorliegt und versucht mit Antidepressiva in den biochemischen Haushalt des Gehirns einzugreifen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Botenstoffe Dopamin, Noradrenalin und Serotonin.

Oft wirken die Psychopharmaka aber nicht oder nicht ausreichend. Offenbar scheint es noch andere Mechanismen im Körper zu geben, die eine Depression auslösen und aufrechterhalten. Möglicherweise könnten das Entzündungen sein. Denn insbesondere bei Patienten mit therapieresistenten Depressionen wurden in verschiedenen Studien auffällig hoheEntzündungswerte gefunden.

Erhöhte Entzündungswerte, kein Ansprechen auf Antidepressiva

In einer 2017 veröffentlichten Studie (Acta Psychiatrica Scandinavica) zeigten Forscher, dass erhöhte CRP-Werte mit stärkeren depressiven Symptomen einhergingen. Von diesem Zusammenhang waren vor allem Frauen betroffen. Das sogenannte c-reaktive Protein (CRP) ist ein einfach zu bestimmender Marker, der eine Antwort des Körpers auf Verletzungen oder Infekte ist.

Eine weitere Studie (Cattaneo et al., 2016 in der Fachzeitschrift The International Journal of Neuropsychopharmacology erschienen) bestimmte die Menge zweier weiterer Biomarker bei depressiven Patienten, dem MIF (kurz vom englischenmacrophage migration inhibitory factor) und dem Interleukin IL-1β. Die Patienten wurden mit einer Reihe von Medikamenten behandelt – die Betroffenen aber, bei denen die zwei Entzündungswerte deutlich über den Normalwert erhöht waren, konnte mit klassischen Antidepressiva nicht geholfen werden.

 

CRP oder TNF-α sind wichtige Biomarker

„Dieser Test erlaubt es damit, vorherzusagen, ob klassische Antidepressiva sinnvoll eingesetzt werden können, oder ob alternativ die Entzündungsprozesse vorrangiges Ziel der Behandlung sein sollten; schreiben Dr. Jha und Dr. Trivedi vom Zentrum für Depressionsforschung des UT Southwestern Medical Center im US-amerikanischen Dallas. In einer aktuellen Übersichtsstudie haben die beiden Depressionsforscher den Wissensstand zu ganz anderen Behandlungswegen zusammengefasst.

Laut den Autoren ist bei depressiven Patienten besonders häufig der Entzündungsmarker IL-6 erhöht – genau wie das CRP kann auch IL-6 depressive Symptome ‚vorhersagen‘. Köhler und Kollegen (2017 im Fachjournal Acta Psychiatrica Scandinavica erschienen) führten in einer Übersichtsstudie eine Vielzahl von Entzündungsanzeichen auf, die bei der Depression erhöht sind. Auch der Tumornekrosefaktor, kurz TNF-α, scheint, ähnlich wie das CRP, besonders bei behandlungsresistenten Depressionen auffällig erhöht zu sein. Die speziellen Entzündungsmarker sind dabei typischerweise sogenannte Zytokine: Substanzen, die die Bewegung von Zellen durch den Körper anregen oder erleichtern.

Abwehrzellen wandern ins Gehirn ein

Können diese Stoffe zu Depressionen führen? Jha und Trivedi meinen ja. Die fraglichen Zytokine könnten nämlich die Einwanderung von Abwehrzellen in das zentrale Nervensystem und das Gehirn erleichtern. „Dort werden diese Abwehrkämpfer vermutlich zum Schaden der psychischen Gesundheit aktiv“, so das Autorenteam.

Weiter berichten die beiden, dass manche der klassischen Antidepressiva auch gegen einige der entzündungsfördernden Stoffe wirken. Beispielsweise scheinen Mittel der SSRI-Klasse die Menge von Interleukinen IL-4, IL-6 und IL-1β zu senken. „Aus der Forschung der letzten Jahre wird nun also deutlich, dass auch klassische Antidepressiva mehr erreichen als nur die Wirkung von Nervenbotenstoffen zu verlängern.“

Entzündungshemmende Wirkstoffe könnten wirksam sein

Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass entzündungshemmende Wirkstoffe aus dem Bereich der Autoimmunerkrankungen auch für die Behandlung von Depressionen an Bedeutung gewinnen. Substanzen wie Sirukumab gegen IL-6, Guselkumab gegen IL-23 oder Adalimumab gegen TNF-α werden derzeit gezielt auf ihre antidepressive Wirkung untersucht.

Die neueste Strategie zur Diagnose von Depressionen gehe sogar den umgekehrten Weg, betonen Jha und Trivedi. Sie empfehlen, Patienten mit depressiven Symptomen zuerst auf entzündliche Prozesse hin zu untersuchen und zu behandeln. Klassische Antidpressiva sollten erst nachrangig zum Einsatz kommen oder gezielt dann eingesetzt werden, wenn bekannt ist, dass sie auch gegen die jeweils erhöhten Entzündungsmarker wirken.“

Referenzen: Jha MK, Trivedi MH. Personalized antidepressant selection and pathway to novel treatments: Clinical utility of targeting inflammation. Int J Mol Sci. 2018;19(1):233. doi:10.3390/ijms19010233. 

Foto: © Siarhei - Fotolia.com

Autor: ham
Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Depression , Antidepressiva , Autoimmunerkrankungen
 

Weitere Nachrichten zum Thema Depression

Aktuelle Nachrichten

Mehr zum Thema
Dr. Iris Hauth, Chefärztin des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Berlin-Weißensee, berichtet in Ihrem Buch "Keine Angst!" über Ursachen und Behandlung von Depressionen - und wie man sich davor schützen kann.
 
Weitere Nachrichten
Klimaanlagen, Zigarettenqualm, langes Sitzen vorm PC-Bildschirm: So können situativ trockene Augen entstehen, die reiben und schmerzen. Trockene Augen können aber auch eine chronische Krankheit sein. Hier ein paar Tipps dazu von Experten.


Im Gegensatz zur Bundespolitik ist offenbar eine klare Mehrheit von Apotheken-Mitarbeitern in Deutschland für eine Legalisierung von sogenanntem Genuss-Cannabis – unter der Bedingung einer streng kontrollierten Abgabe. Das ergibt sich aus einer Studie des Berliner Marktforschungsinstituts Aposcope.
 
Kliniken
Interviews
Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.


Wegen Corona suchen Patienten mit psychischen Erkrankungen oft erst spät Hilfe. Auch der Wiedereinstieg in den Alltag ist häufig erschwert. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Chefarzt der Psychiatrisch-Psychosomatischen Tagesklinik Waldfriede Dr. med. Herald Hopf darüber gesprochen, wie sich die COVID-19-Pandemie auf die Psyche auswirkt und welche Veränderungen im klinischen Alltag zu bemerken sind.
Logo Gesundheitsstadt Berlin