Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 
15.10.2019

Depressionen: Auch Darmbakterien spielen eine Rolle

Ein Antibiotikum kann depressives Verhalten vermindern – das zeigt eine aktuelle Studie. Wirksam ist dabei offenbar eine Veränderung der Darmflora und eine daraus resultierende Hemmung von Entzündungsprozessen im Gehirn.
Depressionen, Darmflora, Darmbakterien

Depressionen haben vermutlich verschiedene Ursachen; auch die Darmflora kann eine Rolle spielen

Die Darmflora gerät immer stärker in den Fokus medizinischer Forschungen. Verschiedene Studien konnten zeigen, dass sie auf vielfältige Weise die Gesundheit unseres ganzen Organismus beeinflusst. Seit einiger Zeit wird auch der Zusammenhang zwischen dem Mikrobiom des Darms und Depressionen erforscht. Wissenschaftler haben hier nun einen weiteren wichtiger Hinweis gefunden.

Ausgangspunkt der Studie, die in der Online-Zeitschrift „Translational Psychiatry“ veröffentlicht wurde, war die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Emotionalität, Depression und Mikrobiom bei Laborratten. Teilgenommen hatten an den Forschungen ein Team um Prof. Dr. Inga Neumann vom Lehrstuhl für Tierphysiologie und Neurobiologie der Universität Regensburg, Forscher um Prof. Dr. Rainer Rupprecht vom Lehrstuhl für Psychiatrie und Psychotherapie des Bezirksklinikums Regensburg, Prof. Dr. Andre Gessner vom Institut für Klinische Mikrobiologie und Hygiene des Universitätsklinikums Regensburg sowie Prof. Dr. Isabella Heuser von der Charité in Berlin.

Antibiotikum veränderte Verhalten von Ratten

Wie die Forscher zeigen konnten, unterschied sich bei den Ratten, die besonders ängstlich waren und ein behandlungsresistentes Depressions-Verhalten zeigten, die Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms stark von normalen, nicht-ängstlichen Tieren. Wurden die ängstlichen Tiere jedoch mit dem Antibiotikum Minozyklin behandelt, wurde nicht nur die Darmflora erwartungsgemäß verändert. Die Tiere verhielten sich auch aktiver und zeigten weniger depressives Verhalten.

Doch wie ist es möglich, dass ein Antibiotikum das Verhalten von Tieren beeinflusst? Auch hierzu gelang den Forscherteams ein Nachweis. Sie konnten zeigen, dass sich durch die Behandlung mit Minozyklin die Zusammensetzung des Mikrobioms des Darms auf ganz bestimmte Weise veränderte: Während einige Bakterienfamilien seltener wurden, konnten sich andere ausbreiten – insbesondere solche, die kurzkettige Fettsäuren produzieren. Diese wiederum gelangen in die Blutbahn und können auf diesem Weg auch Einfluss auf das Gehirn nehmen.

 

Aktivierung von Mikroglia wird gebremst

Den Forschungen zufolge kann eine dieser Substanzen – Butyrat – im Gehirn die Aktivierung von Mikroglia, einer Gruppe von Gliazellen, verhindern. Überaktive Mikroglia wiederum gehen mit einem chronischen Entzündungsprozess einher. Der antidepressive Effekt von Minozyklin wird daher auf eine entzündungshemmende Wirkung zurückgeführt. Auch wenn noch viele Zusammenhänge unklar sind, bestätigt die Studie damit frühere Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen der Zusammensetzung des Mikrobioms und der Entstehung von Depressionen.

Antidepressiva nicht immer wirksam

Die Depression gehört zu den häufigsten psychischen Krankheiten. Fast jeder Fünfte wird einmal im Leben davon betroffen. Weltweit leiden mindestens 350 Millionen Menschen an Depressionen.

Die Behandlung einer klinisch manifesten Depression erfolgt heutzutage mittels sogenannter Antidepressiva, die bei vielen Patienten zu einer zuverlässigen Verbesserung der Symptome führt. Der Heilungsprozess wird jedoch häufig durch Nebenwirkungen erschwert, und über 30 Prozent der Patienten sprechen entweder sehr spät oder gar nicht auf die Behandlung an. Auch deshalb ist die Erforschung neuer Therapieoptionen unbedingt nötig.

Foto: © zinkevych - Fotolia.com

Autor: anvo
Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Darm , Depression
 

Weitere Nachrichten zum Thema Darmflora

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten

Long-Covid stellt Ärzte vor ein Rätsel. Wegen der enormen Krankheitslast –- etwa jeder zehnte Covid-Patient ist betroffen – wird immerhin intensiv daran geforscht. Was Ärzte inzwischen über das komplexe Krankheitsbild wissen, hat Gesundheitsstadt Berlin Experten gefragt. Eine Zusammenfassung der aktuellen Erkenntnisse.

Patienten mit Immunerkrankungen: Bildet ihr Immunsystem nach einer Corona-Impfung überhaupt genügend Antikörper? Und falls nein: Was kann man tun? Diese Fragen haben Wissenschaftler des „Deutschen Zentrums Immuntherapie“ untersucht. Ein überraschendes Ergebnis: Viele Immunkranke vertragen die Impfung offenbar besser als mancher Gesunde.
 
Kliniken
Interviews
Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.


Wegen Corona suchen Patienten mit psychischen Erkrankungen oft erst spät Hilfe. Auch der Wiedereinstieg in den Alltag ist häufig erschwert. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Chefarzt der Psychiatrisch-Psychosomatischen Tagesklinik Waldfriede Dr. med. Herald Hopf darüber gesprochen, wie sich die COVID-19-Pandemie auf die Psyche auswirkt und welche Veränderungen im klinischen Alltag zu bemerken sind.
Logo Gesundheitsstadt Berlin