. Nachlese zum amerikanischen Krebskongress

Das waren die Best of ASCO 2016

Nach dem ASCO in Chicago folgt traditionell der „Best of ASCO“ in Berlin. Die Nachlese des größten Krebskongresses der Welt hat am Freitag keine große Überraschung zu Tage gebracht. Dafür umso erfreulichere Ausblicke.
Mehr als 35.000 Besucher und ein Trendbarometer: Der ASCO ist der größte Krebskongress der Welt. Die Highlights wurden am 10. und 11. Juni 2016 auf dem Best of ASCO in Berlin vorgestellt

Mehr als 35.000 Besucher und ein Trendbarometer: Der ASCO ist der größte Krebskongress der Welt. Die Highlights wurden am 10. und 11. Juni 2016 auf dem Best of ASCO in Berlin vorgestellt

Drei Tage nach Ende des ASCO 2016 in Chicago haben deutsche Krebsmediziner die Highlights des amerikanischen Krebskongresses auf dem „Best of ASCO“ in Berlin vorgestellt. Danach dominierten die Präzisionsmedizin und die Immuntherapie den größten Krebskongress der Welt. Überraschend kommt das nicht, denn das war schon in den Vorjahren so. Der diesjährige ASCO hat aber gezeigt, dass es sich bei beiden Wegen nicht um bloße Modeerscheinungen handelt. Mit etlichen neuen Studien und besseren Langzeitdaten wurde das nun bestätigt.

„Die Krebsmedizin wird immer präziser“, sagte Konferenzleiter Prof. Ulrich Keilholz auf dem Best of ASCO im Rahmen eines Pressegesprächs am Freitag. Neue zielgerichtete Medikamente ermöglichten gute Tumorkontrollraten, vorausgesetzt, sie würden bei Patienten mit dem passenden genetischen Mutationsprofil eingesetzt. „Diese Therapieform reift immer weiter heran, und wir können in absehbarer Zeit mit neuen Medikamentenzulassungen rechnen“, so der Krebsmediziner von der Charité.

Vier Jahre leben mit metastasiertem Lungenkrebs

Präzisionsmedizin hat beispielsweise beim metastasierten nicht-kleinzelligen Lungenkrebs (NSCLC) das Überleben bestimmter Subgruppen deutlich verbessert. Patienten, die eine EGFR-Mutation haben und mit entsprechenden zielgerichteten Medikamenten behandelt werden, leben heute im Schnitt vier Jahre. Unter Standardtherapie beträgt das durchschnittliche Überleben gerade mal ein Jahr. „Das sind schon beachtliche Erfolge der Präzisionsmedizin“, betonte Prof. Rudolf Huber, Leiter des Lungentumorzentrums München.

Mindestens so eindrucksvoll sind die jüngsten Ergebnisse beim metastasierten Melanom. Bis vor wenigen Jahren überlebten nur 25 Prozent der Patienten die ersten zwei Jahre diese aggressive Krebserkrankung. Mit BRAF-und MEK-Inhibitoren, das sind ebenfalls zielgerichtete Medikamente, leben heute sogar über 40 Prozent noch drei Jahre später. Patienten, bei denen nur wenige Organsysteme von Metastasen befallen sind und die in einen guten Allgemeinzustand sind, haben indes noch bessere Chancen: Von ihnen sind rund 60 Prozent nach drei Jahren noch am Leben. Diese Ergebnisse stammen aus großen Studien, wobei es in der Praxis mitunter sogar noch etwas besser aussieht. „Wir sehen Patienten, die zum Teil seit fünf, sechs Jahren in Behandlung sind“, berichtete Prof. Dirk Schadendorf, Direktor der Westdeutschen Tumorzentrums in Essen.

Melanompatienten profitieren von gezielten Therapien und Immuntherapie

Eine ähnliche Entwicklung gebe es bei den Immuntherapien, insbesondere mit den PD1-Blockern, meinte der Melanomspezialist. Da diese zweite Generation von Checkpoint-Inhibitoren 2013 erstmals in Studien getestet wurde, gibt es hierzu naturgemäß noch keine Langzeitdaten. Erste Auswertungen zeigen jedoch ein 2-Jahres-Überleben von 55 Prozent und ein 3-Jahres-Überleben von 40 Prozent. „Das sind deutliche Fortschritte gegenüber der Chemotherapie, wo das Ansprechen oftmals nur Wochen oder Monate dauerte“, erklärte Schadendorf.

Ärzte entscheiden nach Bauchgefühl

Derzeit scheint beim metastasierten Melanom nicht entschieden zu sein, welche Therapieform auf der Überholspur ist. Denn den Daten nach halten sich Präzisionsmedizin und Immuntherapie beim Outcome die Waage. „Da ist im Moment noch kein Unterschied sichtbar“, sagte der Tumormediziner aus Essen. Einziger Unterschied: Von den zielgerichteten Therapien profitieren nur Patienten mit einer bestimmten genetischen Mutation wie der B-RAF-Muation, die bei rund 50 Prozent aller Melanompatienten vorkommt. Von der Immuntherapie profitieren theoretisch alle.

Welchen Weg die Ärzte ihren Patienten empfehlen sollten, ist noch nicht ausgemacht. Da beide Ansätze Nebenwirkungen und hohe Kosten verursachen, bleibt die Therapiewahl vorerst eine Bauchentscheidung. Laut Schadendorf versucht man aber, Biomarker zu finden, die auch bei der Immuntherapie eine Vorhersage erlauben. So weit sei man aber noch nicht, sagte er.

Dabei wären Vorhersagemarker vor allem mit Blick auf die wachsende Zahl der Patienten wichtig. Die Immuntherapie mit PD1-Inhibitoren gehört beim metastasierten Melanom inzwischen zur Regelversorgung. Seit Zulassungen auch für Lungenkrebs und Nierenzellkrebs vorliegen, explodieren in Deutschland förmlich die Patientenzahlen. „Bislang hatten wir es mit einer überschaubaren Patientenzahl zu tun“, sagte Charité-Onkologe Dr. Sebastian Ochsenreither mit Blick auf die rund 4.000 Melanompatienten. „Inzwischen behandeln wir auch die große Gruppe der Lungenkrebspatienten mit PD1-Blockern.“

Checkpoint-Inhibitoren bei mehr als 30 Tumorentitäten auf dem Prüfstand

Bald schon könnten noch sehr viel mehr Patientengruppen von den neuen Checkpoint-Inhibitoren profitieren. Zahlreiche Untersuchungen zeigen nämlich, dass die PD1-Blockade offensichtlich bei einer Vielzahl verschiedener Krebsarten wirkt. Bei einem Teil der Patienten komme es sogar zu einer lang anhaltendenden Besserung, wurde berichtet.

Augenblicklich werden die Medikamente bei mindestens 30 Tumorentitäten getestet, darunter das schwer behandelbare Triple-negative Mammakarzinom, Kopf-Hals-Tumore oder Magenkrebs. Oft werden die Wirkstoffe kombiniert, um die Wirkung zu verbessern und die Nebenwirkungen zu reduzieren. Neueste Studienergebnisse vom ASCO-Jahrestreffen deuten an, dass eine Kombination von PD1-Inhibitoren und anderen kostimulatorischen Ansätzen, zum Beispiel mit Ox40, deutlich weniger Nebenwirkungen verursacht als die Kombination von PD1-Blockern und CTLA4-Inhibitoren der ersten Generation. Anzeichen, dass diese Kombinationen genauso gut wirken, gibt es bereits. Weitere Zulassungen dürften also nur eine Frage der Zeit sein.

„Während bei der Präzisionsmedizin immer weniger Patienten von einem Medikament profitieren, ist es bei der Immuntherapie genau umgekehrt“, fasste Ulrich Keilholz die Situation zusammen.

Kostendiskussion wurde beim ASCO 216 ausgespart

Der gute Ausblick auf bessere und präzisere Behandlungsmöglichkeiten hat jedoch einen Wermutstropfen. Wenn immer mehr Patienten mit den neuen Therapien behandelt werden, schießen auch die Kosten in ungeahnte Höhen. Zielgerichtet Therapien kosten pro Jahr und Patient nämlich bis zu 200.000 Euro, Immuntherapien rund 150.000 Euro. Ungeklärt ist außerdem die Frage, wie lange man den Patienten die Krebsmittel überhaupt geben soll. Monate, Jahre oder womöglich Jahrzehnte? Doch anders als im vergangenen Jahr wurde die Diskussion um Kosten auf dem diesjährigen ASCO offenbar ausgespart. Es gab in der Tat erfreulichere Themen.

Foto: ASCO.org

Hauptkategorien: Berlin , Medizin
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