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25.10.2020

Das halten Virologen der Great Barrington Declaration entgegen

Schluss mit den einschränkenden Corona-Maßnahmen für alle - stattdessen nur die vulnerablen Gruppen schützen. Das fordern renommierte Experten in der Great Barrington Declaration. Die Gesellschaft für Virologie antwortet mit Gegenargumenten.
Die Great Barrington Declaration fordert die sofortige Aufhebung aller Beschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens. Virologen halten die Strategie für gefährlich

Die Great Barrington Declaration fordert die sofortige Aufhebung aller Beschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens. Virologen halten die Strategie für gefährlich

Die wirtschaftlichen, sozialen und psychologischen Schäden der Corona-Pandemie lassen sich im Moment nur erahnen. Doch sie werden in jedem Fall gewaltig sein, so viel ist sicher. Die Idee, es auf eine Durchseuchung der Bevölkerung ankommen zu lassen, wurde auch in Deutschland diskutiert, doch nie ernsthaft in Betracht gezogen. Drei Wissenschaftler der renommierten Universitäten Harvard, Oxford und Stanford schlagen jedoch genau das vor. Inzwischen wurde die sogenannte Great Barrington Declaration von weiteren Experten unterzeichnet.

Great Barrington Declaration will nur noch Ältere und Vorerkrankte schützen

Die Unterzeichner plädieren in dem Papier für die sofortige Aufhebung aller Beschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens, einschließlich aller Abstandsregeln und der Maskenpflicht. Um Morbidität und Mortalität in den vulnerablen Gruppen, also Ältere und vorerkrankte Menschen, abzumildern, schlägt die Great Barrington Declaration besondere Schutzmaßnahmen für diese Personen vor bis hin zur Quasi-Isolierung „Menschen im Ruhestand, die zu Hause wohnen, sollten sich Lebensmittel und andere wichtige Dinge nach Hause liefern lassen“.

Die deutsche Gesellschaft für Virologie hat darauf nun mit Gegenargumenten geantwortet. Man lehne diese Strategie entschieden ab, „obwohl wir selbstverständlich die enorme Belastung der Bevölkerung durch die einschneidenden Eindämmungsmaßnahmen anerkennen“, heißt es in der Stellungnahme der GfV. Auch die Gesundheitsversorgung in anderen, nicht mit COVID-19 assoziierten Bereichen, leide unter den Einschränkungen, die zur Abmilderung der Pandemie verhängt worden seien. „Dennoch sind wir überzeugt, dass die Schäden, die uns im Falle einer unkontrollierten Durchseuchung unmittelbar, aber auch mittelbar drohen, diese Belastungen um ein Vielfaches überträfen und in eine humanitäre und wirtschaftliche Katastrophe münden können“, erklärt die Fachgesellschaft, der auch Christian Drosten angehört.

Hier weitere Auszüge aus der Stellungnahme der GfV:

... "Aufgrund der explosiven Infektionsdynamik, die wir in allen Hotspots quer durch Europa feststellen, steht zu befürchten, dass ab einer bestimmten Schwelle auch in bisher unkritischen Regionen die Kontrolle über das Infektionsgeschehen verloren geht. Bei Überschreiten dieses Schwellenwerts sind die Nachverfolgung einzelner Ausbrüche und strikte Isolationsmaßnahmen nicht mehr realisierbar und eine unkontrollierte Ausbreitung in alle Bevölkerungsteile, einschließlich besonders vulnerabler Risikogruppen, nicht mehr adäquat zu verhindern. Es steht zu erwarten, dass dies zu einer raschen Überlastung der Gesundheitssysteme führen würde, was zum Beispiel in Deutschland allein schon wegen des Mangels an Intensivpflegekräften bereits bei weit unter 20.000 Neuinfektionen pro Tag der Fall sein könnte. Hierunter wird nicht nur die Behandlung von COVID-19 Patienten, sondern die gesamte medizinische Versorgung leiden."

 

Risikogruppen quer über die Bevölkerung verteilt

... "Eine unkontrollierte Durchseuchung würde zu einer eskalierenden Zunahme an Todesopfern führen, da selbst bei strenger Isolierung der Ruheständler es noch weitere Risikogruppen gibt, die viel zu zahlreich, zu heterogen und zum Teil auch unerkannt sind, um aktiv abgeschirmt werden zu können. Ein erhöhtes Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf ergibt sich beispielsweise bei Übergewicht, Diabetes, Krebserkrankungen, einer Niereninsuffizienz, chronischen Lungenerkrankungen, Lebererkrankungen, Schlaganfall, nach Transplantationen und während einer Schwangerschaft. Eine mögliche Komplikation einer überstandenen COVID-19-Erkrankung stellt auch das sogenannte „long COVID“-Syndrom dar, das verschiedene Spätschäden an Atemwegen, Gefäßen, dem Nervensystem oder anderen Organen zusammenfasst, welche die Lebensqualität, Arbeitsfähigkeit und vermutlich auch Lebenserwartung enorm einschränken.

Ferner wissen wir noch nicht zuverlässig, wie lange eine durch eine Infektion erworbene Immunität anhält. Es wird zunehmend klar, dass gerade die wenig symptomatischen Infektionen, wie sie bei jüngeren Menschen vorherrschen, keine stabile Immunität verleihen. Der Vorstand der Gesellschaft für Virologie unterstützt daher ausdrücklich die Position der UnterzeichnerInnen des John Snow Memorandums und hält das Anstreben der Herdenimmunität ohne Impfung für unethisch sowie medizinisch, gesellschaftlich und damit auch ökonomisch hochriskant."

Foto: © Adobe Stock/zigres

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Autor: ham
Hauptkategorien: Corona , Medizin , Prävention und Reha
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