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Cranberry-Präparate offenbar hilfreich gegen wiederkehrende Blasenentzündung

Sonntag, 13. März 2022 – Autor:
Vor allem sexuell aktive Frauen trifft es häufig: immer wieder Blasenentzündung. Dann auch immer wieder Antibiotika einzunehmen, schadet der Darmflora und erhöht die Gefahr von Resistenzen. Eine Studie im Auftrag des IQWiG-Instituts zeigt: Saft oder Präparate aus den säuerlichen Cranberrys können hier helfen – nicht als Akutbehandlung, aber als Prävention.
Cranberrys - Beeren und ein Glas Saft.

Dank ihrer Säuerlichkeit und der in ihnen enthaltenen sekundären Pflanzenstoffe können Cranberrys verhindern, dass sich Bakterien in der Blase ansiedeln und Blasenentzündungen verursachen. – Foto: AdobeStock/g215

Blasenentzündung: Schon wenn man sie nur einmal hat, kann einem das die Laune gründlich verderben. Typische Symptome: Brennen beim Wasserlassen, Unterleibsschmerzen, quälender Harndrang. So unangenehm eine Blasenentzündung ist, so harmlos ist sie im Normalfall. Nur: Wenn sie immer wiederkehrt, nagt das nicht nur an der Lebensqualität, sondern an der Gesundheit. Davon betroffen sind vor allem Frauen. 10 bis 20 Prozent der Patientinnen erleiden innerhalb eines Jahres einen Rückfall („Rezidiv“). Ab drei Infektionen pro Jahr spricht die Medizin von einer „chronischen" Blasenentzündung.

Antibiotika: Standardtherapie – mit Risiken und Nebenwirkungen

Standardtherapie bei einer unkomplizierten Blasenentzündung ist die Gabe von Antibiotika. Diese sorgen binnen ein bis drei Tagen für Linderung, indem sie die entzündungsauslösenden Bakterien abtöten. Muss man Antibiotika aber immer wieder nehmen, weil die Blasenentzündung sich wiederholt, ist das mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Im Körper können sich Resistenzen bilden (Antibiotika verlieren an Wirkkraft). Auch greifen Antibiotika die Darmflora und damit das Immunsystem an.  Das „Darm-Mikrobiom“ kann Monate brauchen, um sich zu erholen. Schließlich liegt eine Schwäche dieser Medikamente auch im hohen Rückfallrisiko. Werden sie nicht vorschriftsmäßig oder zu kurz eingenommen, ist die Blasenentzündung früher oder später wieder da.

 

Blasenentzündung: „Wichtig, dass keine Rezidive entstehen“

„Bei Blasenentzündung ist es ganz wichtig, darauf zu achten, dass keine Rezidive entstehen und keine Resistenzen. Diesen Kreislauf muss man durchbrechen“, sagt Sabine Müller, Apothekerin aus Berlin. Als populäres pflanzliches Mittel gegen Blasenentzündung werden immer wieder Cranberrys genannt – die im Handel oft als „Kulturpreiselbeeren“ vermarktet werden, obwohl sie gar keine sind, sondern nur aussehen wie große Preiselbeeren. Deutsche Bezeichnungen für die Frucht sind: „Großfrüchtige Moosbeere" oder „Kranbeere".

IQWiG-Studie: Cranberry-Präparate verhindern Rückfälle

Das „Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“ (IQWiG) der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) hat jetzt ein Wissenschaftsteam unter der Federführung der „Gesundheit Österreich GmbH“ die Frage untersuchen lassen, ob pflanzliche Mittel bei wiederkehrender Blasenentzündung helfen. Ergebnis der Meta-Studie, für die eine ganze Reihe von vorliegenden Primärstudien ausgewertet wurden: „Der präventive Einsatz von Cranberry-Präparaten kann bei Frauen mit unkomplizierter wiederkehrender Blasenentzündung sinnvoll sein. Durch den präventiven Einsatz von Cranberry-Präparaten können Rezidive verhindert beziehungsweise hinausgezögert werden.“ Das bedeute, „dass der Infekt dann nicht oder erst später wiederkehrt“. Ob Erzeugnisse aus Cranberrys auch zur Akutbehandlung von Blasenentzündungen geeignet sind, bleibt laut IQWiG aber weiter offen. Grund dafür sei ein weiter bestehender Mangel an wissenschaftlichen Untersuchungsdaten.

Cranberrys bei Blasenentzündung: Die Wissenschaft streitet

Die Wirkung der Inhaltsstoffe von Cranberrys zur Vorbeugung gegen oder Behandlung von Harnwegsinfekte wurde vielfach untersucht – mit teils widersprüchlichen Ergebnissen. Einige klinische Studien zeigen, dass die säuerlichen Beeren und ihr Saft wirksam zur Vorbeugung gegen Harnwegsinfektionen sind. Eine Studie aus Kanada ergab, dass die Anzahl der Harnwegsinfekte bei 150 sexuell aktiven Frauen mit Saft und Trockenextrakt signifikant gesenkt werden konnte. Eine Metastudie des Wissenschaftsnetzwerks „Cochrane Collaboration" dagegen kam zu dem Schluss, dass eine gewisse Wirkung nur für junge Frauen belegt ist, nicht jedoch für ältere Menschen, Männer und Patienten mit Kathetern.

Frauen sind wesentlich häufiger betroffen als Männer

Bei einer unkomplizierten Blasenentzündung entzündet sich die Schleimhaut der Harnblase. Die Entzündung wird normalerweise von Bakterien verursacht, die über die Harnröhre in die Blase aufsteigen und sich dort vermehren. Harnwegsentzündungen kommen bei Frauen wesentlich häufiger vor als bei Männern. Grund dafür ist die weibliche Anatomie, vor allem die kürzere Harnröhre, durch die Bakterien aus dem Afterbereich eine Einwanderung in die Blase leichter gelingt.

Bei zwei oder mehr symptomatischen Episoden pro Halbjahr beziehungsweise drei oder mehr Episoden innerhalb eines Jahres spricht man von wiederkehrender oder „rezidivierender“ Blasenentzündung.

Antibiotika aus der Natur: Senföle aus Kapuzinerkresse und Meerrettich

Neben den in der aktuellen Studie untersuchten Cranberrys werden auch Senföle aus Kapuzinerkresse und Meerrettich als vielversprechende pflanzliche Wirkstoffe gegen lästige Blasenentzündungen gehandelt. Die in den scharfen Gemüsen enthaltenen Pflanzenstoffe wirken trickreich: Anders als Antibiotika greifen sie Keime so vielschichtig an, dass Resistenzen wenig Chancen haben. Untersuchungen zeigen: Senföle können die Rückfallquote für Harnwegsinfektionen signifikant senken. Sie machen es Kolibakterien schwer, sich in der Blaseninnenwand einzunisten. Dies gilt als Hauptursache für eine Wiederkehr von Blasenentzündungen. Manche Studien kommen zu dem Schluss, dass Senföle bei unkomplizierten Infektionen der Harnwege eine Wirkung entfalten, die der von Antibiotika ebenbürtig ist.

Hauptkategorie: Medizin
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26.03.2019, aktualisiert: 11.05.2021

Senföle gelten als antibakteriell und entzündungshemmend und sind in der Lage, Krankheitserreger gleich auf mehreren Ebenen anzugreifen. Weil sie in ihrer Wirkung, nicht aber bei den Risiken Antibiotika gleichkommen, eignen sie sich bei häufig wiederkehrenden Blasenentzündungen als Behandlungsalternative, bestätigt eine aktuelle urologische Studie.

 

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