. Impfstoff-Entwicklung

COVID-19: Was ist ein Peptid-Impfstoff?

Im Kampf gegen COVID-19 sorgen drei verschiedene Impfstofftypen für Schlagzeilen, weil ihre Zulassung in einzelnen Ländern oder Regionen der Welt schon erfolgt ist oder kurz bevorsteht. Gemeinsam haben sie, dass sie im Körper die Produktion von Antikörpern anregen sollen. Im Schatten dieses Hypes wird in einer kleinen deutschen Universitätsstadt ein vierter Impfstoff erprobt, der völlig anders tickt.
Arztschreibtisch mit Stethoskop und bunte Pillen. Auf dem Laptop-Display steht "T-Zellen".

Im Gegensatz zu den meisten anderen COVID-19-Impfstoffen zielt der von der Universität Tübingen konzipierte auf die Stimulierung einer T-Zell-vermittelten Immunantwort ab. Seine Name: „CoVAC1“.

Impfstoff aus abgetöteten Viren: So kennt man es bisher. Nach diesem konventionellen Verfahren werden zurzeit etwa in China Impfstoffe produziert. In der westlichen Welt stehen jetzt darüber hinaus zwei Impfstoffklassen bereit, die es bisher gar nicht gab. Erstens: die „MRNA-Impfstoffe“. Sie liefern dem Organismus (in Form eines ausgewählten Gens des Virus) die Bauanleitung für harmlose Coronavirus-Proteine. Der Körper baut sie selbst nach und provoziert im Anschluss im Immunsystem die Bildung von Antikörpern. Zweitens: die „Vektor-Impfstoffe“. Hier wird eine nicht-infektiöse Virushülle (nicht vom Coronavirus) als Transportmittel genutzt, mit einem ebenfalls harmlosen Oberflächenprotein des Coronavirus „verkleidet“ und dem Körper damit eine Corona-Infektion vorgegaukelt, auf die das Immunsystem reagiert. Alle drei Impfstofftypen wollen dem Körper helfen, indem sie ihn mit dem Coronavirus oder Teilen davon konfrontieren – ohne ihn zu infizieren. Sie setzen auf die Bildung von Antikörpern.

Gegen die Pandemie braucht es ein ganzes Konzert von Impfstoffen

Aber den idealen Impfstoff gibt es nicht. Manche schützen nach derzeitiger Datenlage zu 75 Prozent,  andere zu 95 Prozent. Manche müssen beim Transport bei minus 70 Grad ultratief gekühlt werden, damit sie nicht verderben. Und dann ist noch nicht wirklich geklärt, welcher Impfstoff der beste ist für alte Menschen, für Schwangere, für Leute mit gravierenden Vorerkrankungen oder solche, die bereits eine Corona-Infektion durchlaufen haben. Und wie lange er Impfschutz von welchem Impfstoff währt. Deshalb konstatiert auch das Berliner Paul-Ehrlich-Institut (PEI): „Für die Bekämpfung der SARS-Coronavirus-2-Pandemie werden mehrere Impfstoffprodukte notwendig sein, um eine ausreichende Versorgung sicherzustellen.“

 

Ein Impfstoff, der die Abwehr durch T-Zellen stimuliert

Fast unbemerkt angesichts des Rummels um die anderen Impfstoffe hat das in Deutschland dafür zuständige PEI inzwischen für einen weiteren Impfstofftyp die Genehmigung für die klinische Erprobung erteilt: den sogenannten Peptid-Impfstoff. Er will die menschliche Immunabwehr aktivieren – das hat er mit den derzeit im Mittelpunkt stehenden Impfstoffen gemeinsam. Aber nicht auf der Antikörper-Schiene. Laut Paul-Ehrlich-Institut stimuliert der Impfstoff hochspezifisch die T-Zell-Antwort. Diese Zellen des Immunsystems erkennen und zerstören SARS-CoV-2-infizierte Zellen. Der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, wertet diesen Mechanismus als „ein wichtiges Komplementärsystem zur humoralen Immunantwort durch neutralisierende Antikörper“. Der Peptid-Impfstoff ergänze das Portfolio der COVID-19-Impfstoffplattformen um einen weiteren vielversprechenden Ansatz.

Der Peptid-Impfstoff markiert, das Immunsystem zielt

Und so funktioniert der Peptid-Impfstoff der Universität Tübingen. Peptide sind kurze Protein-Bruchstücke. Verwendet werden zur Impfung Peptide aus verschieden Proteinen des SARS-Coronavirus-2, die im Fall einer Infektion auf der Oberfläche infizierter Zellen präsentiert werden. Aufgrund einer vorherigen Impfung kann das Immunsystem sie sofort erkennen und somit die infizierten Zellen für die Elimination durch das Immunsystem markieren. Dieses Wirkprinzip wird bereits in der Krebsbekämpfung angewandt – dort allerdings nicht zur Prävention, sondern zur Behandlung in Form der sogenannten Immuntherapie.

Peptide wichtig für Langzeitimmunität

„Genau die Peptide, von denen wir wissen, dass sie eine bedeutende Rolle bei der Langzeitimmunität nach natürlicher SARS-CoV-2-Infektion spielen, werden nun im CoVAC-1 Impfstoff eingesetzt“, erklärt Juliane Walz, Immunologin am Uniklinikum Tübingen und Leiterin der Studie. Die Immunreaktion auf die Peptide im Impfstoff wird durch ein eigens an der Uni Tübingen entwickeltes Adjuvans verstärkt (Adjuvantien sind Hilfsstoffe, die eingesetzt werden, um die Wirkung von Arzneistoffen zu verstärken). Auch die Produktion des Wirkstoffes findet in Tübingen statt.

Klinische Prüfung: Grünes Licht vom Paul-Ehrlich-Institut

In der ersten Stufe der klinischen Prüfung, für die das Paul-Ehrlich-Institut im Dezember 2020 grünes Licht gab, wird – wie üblich – zunächst eine sehr kleine Gruppe von Menschen geimpft. Laut PEI handelt es sich hierbei um 12 gesunde Freiwillige zwischen 18 und 55 Jahren. Im nächsten Schritt sollen auch ältere Probanden mit Vorerkrankungen den Peptid-Impfstoff erhalten. Die Studie beinhaltet einen Screening-Termin, einen Impftermin und sechs Kontrolltermine innerhalb eines Zeitraumes von sechs Monaten.

Foto: AdobeStock/MQ-Illustrations

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