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Covid-19: „Von Herdenimmunität noch weit entfernt“

An der Magdeburger Universitätsmedizin läuft eine Langzeitstudie, mit dem Ziel, Wissenslücken zu dem noch jungen Coronavirus zu schließen und griffige Daten zu gewinnen: zur tatsächlichen Verbreitung, zur Dunkelziffer – und zur Frage, wie schnell der Spuk wohl vorbeigehen mag. Jetzt präsentierten die Wissenschaftler erste Ergebnisse.
Kleine Schafherde auf einer Wiese mit grünen Coronamasken vor der Schnauze.

Hätten diese Schafe tatsächlich schon „Herdenimmunität“, könnten sie die Masken fallenlassen und frei leben wie vor Corona. Eine Pandemie gilt als überwunden, wenn in einer Schar von Lebewesen so viele durch Impfung oder eine durchgemachte Infektionskrankheit immunisiert sind, dass sich ein Erreger nicht weiterverbreiten kann.

Wie stark ist das Coronavirus tatsächlich verbreitet – jenseits der laborbestätigten Fälle? Von welcher Dunkelziffer müssen wir ausgehen? Wie weit – oder wie wenig weit – sind wir auf dem Weg zur sogenannten Herdenimmunität, bei der laut Gesundheitsminister Jens Spahn die Corona-Beschränkungen „endgültig fallen können“, weil rund zwei Drittel der Bevölkerung durchgeimpft sind?

„Konsequentes Testen und Hygieneregeln weiterhin nötig“

Die Universitätsmedizin Magdeburg arbeitet derzeit in 15 Forschungsprojekten zu Covid-19 daran, Stück für Stück mehr Erkenntnisse über das Sars-CoV-2-Virus zu gewinnen und Wissenslücken über diesen noch so jungen Erreger zu schließen – als Beitrag zur Bewältigung der laufenden Pandemie. Die erste Phase der großangelegten Studie ist jetzt abgeschlossen. Ein zentrales Zwischenergebnis: „Unsere Studie zeigt, dass wir noch weit entfernt von einer breiten Immunität in der Bevölkerung sind“, sagt Achim Kaasch, Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene (IMMB). „Das bedeutet, dass das Virus nach wie vor viele Möglichkeiten hat, sich weiter auszubreiten.“ Der Mikrobiologie-Professor hält aus diesem Grund konsequentes Testen und die Einhaltung der AHA-Regeln auch mit Blick auf den Herbst weiterhin für notwendig.

 

Ende April: Erst 13 Prozent der Getesteten haben Antikörper

Um Erkenntnisse über die tatsächliche Verbreitung des Coronavirus zu gewinnen, untersuchten die Magdeburger Wissenschaftler von Ende Januar bis Ende April Blutproben von 2.138 Blutspendern. Bei 13 Prozent von ihnen konnten Antikörper gegen das Virus nachgewiesen werden. Um eine Infektionskrankheit definitiv unter Kontrolle zu haben, muss nach dem Verständnis der Epidemiologie aber eine hoher Prozentsatz einer Population durch Infektion oder Impfung immun geworden sein. Dann spricht man von „Herdenimmunität“.

Herdenimmunität: Geimpfte und Genesene schützen den Rest

Herdenimmunität bedeutet: Obwohl eine Minderheit weiterhin nicht immun ist, breitet sich ein Erreger trotzdem nicht weiter aus. Die Geimpften und/oder Genesenen schützen dann indirekt auch nicht-immune Individuen. In früheren Jahrhunderten, in denen es keine Impfungen gab, rettete die Herdenimmunität am Ende das Überleben der Bevölkerung. Damals musste sich diese Immunität durch massenhaft durchgestandene Infektionen über einen längeren Zeitraum aber erst passiv aufbauen. So konnten Krankheitserreger ohne moderne Medizin, aber unter großen Menschenverlusten eliminiert und Seuchen zurückgedrängt werden.

Wie hoch ist die Dunkelziffer?

Durch ihre Analyse von Blutspendern aus dem Raum des eigenen Einzugsgebiets konnte die Universitätsmedizin Magdeburg auch die Dimension der mutmaßlichen Dunkelziffer darstellen. Die Statistik des Robert-Koch-Instituts (RKI) taxierte die Zahl der laborbestätigten Corona-Fälle Ende April 2021 mit 6.141. „Wir können anhand unserer Studien-Daten sagen, dass zu diesem Zeitpunkt sehr wahrscheinlich fast genauso viele Fälle nicht erfasst wurden“, kommentiert Co-Studienleiter Kaasch die offiziellen Zahlen. Dies entsprach auch in etwa der Größenordnung, die die Forscher erwartet hatten. Die Dunkelzifferprognose ergaben sich unter anderem durch Antikörpertests bei Blutspendern. Rund 1.900 der Studienteilnehmer hatten angegeben, noch keine Impfung erhalten zu haben. Trotzdem konnten bei rund sechs Prozent der Ungeimpften Corona-Antikörper nachgewiesen werden.

Geimpfte, Genesene: Wie lange hält die Corona-Immunität?

Eine weitere Frage, die sehr viele interessiert, wollen die Magdeburger Forscher in den nächsten Studienphasen klären helfen: Wie lange hält die Immunität durch eine Impfung oder nach einer durchgemachten Sars-CoV-2-Infektion tatsächlich an? „Im Unterschied zu anderen Studien untersuchen wir unsere Blutspenderinnen und Blutspender in vier Studienphasen über einen sehr langen Zeitraum von insgesamt 21 Monaten. In jeder Studienphase wird ein Antikörpertest durchgeführt, so dass wir den Verlauf der Antikörperspiegel sowohl bei den Genesenen als auch den Geimpften bestimmen können“, sagt Hans-Gert Heuft, Leiter des Instituts für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie mit der Blutbank (ITIB) in Magdeburg. Die nächsten Studienphasen beginnen im Juli dieses Jahres und laufen bis Herbst 2022.

Foto: AdobeStock/bennymarty

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Hauptkategorie: Corona
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