. COVID-19 Pandemie

Corona wird zum Stresstest für die Psyche: Das raten Psychologen

Die Corona-Pandemie hat unser Leben radikal verändert. Familien leben jetzt den ganzen Tag auf engem Raum zusammen, Alleinstehenden brechen die sozialen Kontakte weg. Psychologen geben Tipps gegen den Corona Stress.
Dem Stress in Coronazeiten entkommen: Tipps von Psychologen können den Alltag erleichtern

Dem Stress in Coronazeiten entkommen: Tipps von Psychologen können den Alltag erleichtern

Ein kleines Virus hat das öffentliche Leben nahezu zum Stillstand gebracht. Schulen, Geschäfte, Theater und Restaurants sind geschlossen, Eltern werden ins Home Office geschickt, ganze Familien bleiben in Quaränte. Selbst Gottesdienste sind verboten. So etwas hat es in Deutschland noch nicht gegeben.

Für Familien ist die Coronavirus-Pandemie ein besonderer Stresstest. Viele Erwachsene und Kinder leben jetzt den ganzen Tag auf engem Raum zusammen, ohne zu wissen, wann dieser Ausnahmezustand ein Ende hat. Da bleiben Konflikte nicht aus. Experten befürchten eine Zunahme von häuslicher Gewalt.

Ebenso belastend ist die Situation für Alleinstehende, insbesondere für ältere Menschen. Sie sollen nun möglichst keinen persönlichen Kontakt mehr zu anderen haben, in Altenheimen und Krankenhäusern gibt es sogar ein Besuchsverbot.

All das ist extrem belastend für die Psyche. Psychologen wissen Rat, wie wir besser mit Stress, Konflikten und Ängsten in ungewöhnlichen Zeiten umgehen können. Die folgenden Tipps stammen von der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV).

Geregelte Tagesstruktur

Sorgen Sie für eine Tagesstruktur. Vielleicht nutzen Sie die Zeit, die sie sonst mit dem Weg zur Arbeit verbringen, für ein Frühstück in Ruhe – aber setzen sich zur gewohnten Zeit an den Schreibtisch. Legen Sie einen „Arbeitsplatz“ in Ihren Räumen fest, den Sie zu den gewohnten Pausenzeiten verlassen. Wenn Ihre Tätigkeit sonst mit viel Kontakt zu Kolleg*innen verbunden ist, versuchen Sie diese, soweit möglich, über Telefon und digitale Medien aufrechtzuerhalten.

 

Bewegung und frische Luft

Sorgen Sie für Bewegung. Machen sie etwa regelmäßig Atem- und Dehnübungen, gerne auch bei geöffnetem Fenster. Angst ist vor allem eine körperliche Reaktion. Durch Atmen und Bewegungsübungen signalisieren Sie sich selbst: „Jetzt in diesem Moment ist hier alles in Ordnung.“ Behalten Sie Ihre wöchentlichen Sportzeiten bei, falls Sie so etwas haben und weichen Sie ggf. auf Indoor-Aktivitäten aus. Apps und Videokanäle können dabei unterstützen.

Gut essen, viel trinken

Essen Sie gut und trinken Sie ausreichend. Für unsere psychische Stabilität ist die Ernährung eine wichtige Grundlage. Bei hohem seelischem Stress braucht unser Körper mehr Flüssigkeit. Regelmäßige Mahlzeiten helfen außerdem bei der Aufrechterhaltung einer Tagesstruktur.

Kontakte aufrechterhalten

Neue und angstauslösende Situationen aktivieren unser Bindungssystem: Wir suchen die Nähe vertrauter Personen, bei denen wir Geborgenheit erleben können. Wenn gleichzeitig soziale Kontakte zur Durchbrechung von Ansteckungsketten auf ein Minimum reduziert werden sollen, liegt hier wohl die größte Herausforderung. Ein kleiner Plausch mit ausreichend räumlicher Distanz auf dem Weg in den Supermarkt wird trotzdem möglich sein. Nutzen Sie diese Gelegenheiten bewusst. Lächeln Sie den Menschen, denen Sie begegnen, aus der Distanz zu. Lächeln aktiviert Hirnareale, die für Ihr Wohlbefinden sorgen und vermittelt ein Gefühl von Solidarität. Sprechen Sie mit Ihren Lieben zu Hause über die aktuelle Lage und nehmen Sie die Sorgen anderer ernst. Aber begrenzen Sie diese Gespräche auch bewusst zugunsten anderer Aktivitäten wie gemeinsames Spielen, Musikhören oder Filme anschauen. Sich abzulenken ist erlaubt und wichtig! Denken Sie auch an Alleinstehende in Ihrem Umfeld – jetzt ist die Zeit für regelmäßige Telefonate (und Skype & Co ). Sich um andere zu kümmern, kann eine gute Bewältigungsstrategie sein. 

Hobbies pflegen

Viele Freizeitaktivitäten sind gerade nicht möglich. Sich zu beschäftigen, ist für einige Menschen ohne Anregung von außen (durch Sportverein, Kino, Kneipe, Theater oder Konzert) eine Herausforderung. Manches lässt sich über Mediennutzung ansatzweise kompensieren. Achten Sie dabei darauf, sich maximal zweimal täglich mit Nachrichten zur Pandemie zu versorgen. Sie halten sonst Körper und Seele in einem permanenten Alarmzustand, vermutlich auch mit negativen Folgen für die Schlafqualität. Halten Sie Ausschau nach Beschäftigungsmöglichkeiten in Ihrer Wohnung. Jetzt ist Zeit für den Frühjahrsputz! Nehmen Sie sich für jeden Tag eine kleine Aufgabe vor, die sie erledigen wollen. Auch das hilft bei der Tagesstrukturierung und beugt depressiven Verstimmungen vor. Unser Gehirn liebt es, etwas geschafft zu haben! Aufräumen ist sehr geeignet für den Erhalt der seelischen Stabilität. Wenn draußen alles ungewiss ist – bei Ihnen ist etwas geordnet. Vielleicht ist jetzt die Zeit, lang vergessene Hobbys zu reaktivieren (evtl. sogar aus Kindertagen: Womit haben Sie sich früher an Regentagen beschäftigt?). Besonders geeignet ist alles, was Ihr Gehirn fordert, so dass Sie gar nicht dazu kommen, sich zu sorgen zum Beispiel Sudoku, Puzzle, komplizierte Handarbeiten, Programmieren, Sprachen lernen. Probieren Sie aus, was zu Ihnen passt!

Dr. Gerhard Friedrich, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Helios Klinikum Emil von Behring in Berlin-Zehlendorf ergänzt Tipps speziell für Familien:

Wochenplan für die Familie

Eltern sollten gemeinsam mit den Kindern einen Wochenplan aufstellen. Auf ihm können Zeiten für das Lernen vermerkt sein oder Pflichten im Haushalt hinterlegt werden. Aus freien Stücken werden es die Kinder nicht tun. „Die vermeintliche Freizeit ist sehr verführerisch“, so Dr. Friedrich. Geregelt und besprochen werden sollte auch der tägliche Medien- und Handykonsum. „Das Fernsehen oder der Streaming-Dienst sind kein Ersatz für die Zeit in der Schule oder im Kindergarten”, sagt er und empfiehlt stattdessen gemeinsame Spiele oder Gespräche. Reden kann dabei helfen, den Kindern die Ausnahmesituation zu erklären und Ängste nehmen.

Erlebnisberichte schreiben

„Wir leben gegenwärtig in einer sehr ungewöhnlichen Zeit”, resümiert der Mediziner. Diese biete aber auch neue Chancen. „Vielleicht ist das jetzt der perfekte Zeitpunkt, ein Tagebuch zu führen, seine Erlebnisse zu Papier zu bringen. Diese Methode hilft auch, um sich möglichen Ärger von der Seele zu schreiben."

Foto: © Adobe Stock/ Ingo Bartussek

Autor: ham
Hauptkategorien: Medizin , Prävention und Reha , Corona
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Coronavirus , Stress , Psychologie
 

Weitere Nachrichten zum Thema Coronkrise

| Schon ein eintägiger Aufenthalt im Wald kann Anzahl und Aktivität der „Killerzellen“ des menschlichen Immunsystems messbar steigern – ein bis zu dreitägiger entsprechend mehr. Das ist das Ergebnis eines Experiments der Waldgesundheitsexpertin Melanie Adamek. „Waldbaden“ sei eine natürliche Option, um sich gegen Infektionskrankheiten wie Covid-19 zu wappnen.
| Aus Gründen des Infektionsschutzes arbeiten Massen von Erwerbstätigen jetzt plötzlich im „Homeoffice“ – aber damit oft an keinem ergonomisch eingerichteten Tele-Arbeitsplatz. Wer ein paar Regeln beachtet und Stuhl und Tisch richtig einstellt, kann Fehlhaltungen und Rückenschmerzen vorbeugen – sogar wenn kein Arbeitszimmer zur Verfügung steht und der Küchentisch als Lösung herhalten muss.
| Die Corona-Pandemie hat unser Leben radikal verändert. Familien leben auf engem Raum zusammen. Alleinstehenden brechen die sozialen Kontakte weg. Experten befürchten eine Zunahme häuslicher Gewalt. Über Hilfestellungen hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem renommierten Psychiater und Stressforscher Prof. Dr. Mazda Adli gesprochen.
| Welche Effekte hat die Corona-Pandemie auf Menschen mit geringer Resilienz? Was hilft bei Sorgen und Ängsten in einer Pandemie, die viele Menschen als nicht beeinflussbar empfinden? Und wie gestaltet sich die Versorgung von Patienten in der Psychiatrie? Zu diesen Fragen hat Gesundheitsstadt Berlin mit Dr. Iris Hauth, Ärztliche Direktorin im Alexianer St. Joseph-Krankenhaus Berlin-Weißensee, einen Podcast durchgeführt.
| Es verändert soziale Beziehungen und Familien, die Arbeit und die Freizeit. Aber wir sehen es nicht. Und keiner weiß, ob es nicht schon in ihm ist, ob es noch kommt – oder ob alles längst unbemerkt überstanden ist. Ein Psychiater der Oberberg-Fachkliniken erklärt, welche kollektiven Ängste die COVID-19-Pandemie in uns auslöst. Und wie manche zu viel davon haben – und manche zu wenig.
| Fitnessstudios, Hallenbäder, Vereinssport: Im Zuge der COVID-19-Pandemie fielen oder fallen vertraute Sportangebote weg. Die Folge: Jeder Vierte treibt in der Corona-Zeit weniger Sport als zuvor. Das zeigt eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK). Viele Freizeitsportler suchten sich aber auch Alternativen und waren dabei nicht unkreativ.
 
 

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Mehr zum Thema
 
. Weitere Nachrichten
Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) wird seit wenigen Tagen ein Impfstoff gegen die Coronavirus-Erkrankung am Menschen getestet – an 30 freiwilligen Frauen und Männern zwischen 18 und 55 Jahren. Studienleiterin Marylyn Addo, die viele seit der ersten Coronawelle aus Talkshows im Fernsehen kennen, sagt: „Bisher verlief alles erwartungsgemäß und nach Plan“.
 
 
. Kliniken
. Interviews
Hitzewellen sind eine reale Gefahr für die Gesundheit und lassen die Mortalitätsrate ansteigen. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem wissenschaftlichen Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Freiburg, Prof. Dr. Andreas Matzarakis, über Hitzewarnsysteme und die Auswirkungen von Hitzewellen auf unsere Gesundheit gesprochen.
Das Essen in deutschen Krankenhäusern hat keinen besonders guten Ruf. Dabei lässt sich mit wenig Mehraufwand viel erreichen. Der Internist und Ernährungsmediziner Prof. Dr. Christian Löser erklärt die medizinischen und ökomischen Effekte einer gesunden Ernährung im Krankenhaus.
Pflegekräfte sind in der Coronakrise wichtiger denn je und gleichzeitig besonders gefährdet. Das persönliche Engagement ist und bleibt dennoch hoch. Über Wertschätzung, Sicherheitsrisiken und die Gefahr der Selbstausbeutung in Pflegeberufen hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Pflegeexperten Thomas Meißner gesprochen.