Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 

Corona 2020: So hoch war die Übersterblichkeit in deutschen Pflegeheimen

Der AOK Pflegereport offenbart, was sich 2020 in Pflegeheimen abgespielt hat. Zum Ende der zweiten Welle lag die Übersterblichkeit bei 81 Prozent.
Drastische Übersterblichkeit in Pflegeheimen: Der AOK Pflegereport belegt, wie der Schutz der vulnerabelsten Gruppe während der Pandemie versagt hat

Drastische Übersterblichkeit in Pflegeheimen: Der AOK Pflegereport belegt, wie der Schutz der vulnerabelsten Gruppe während der Pandemie versagt hat

Deutschland ist es in der ersten und zweiten Welle nicht gelungen, alte Menschen in Pflegeheimen vor dem Coronavirus zu schützen. Welch eine Schneise der Verwüstung das Virus bzw. unzureichende Schutzkonzepte in den Einrichtungen hinterlassen haben, zeigt nun der Pflege-Report 2021 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Danach ist die Sterblichkeit von Bewohnern der stationären Pflegeeinrichtungen im Laufe des Jahres 2020 drastisch angestiegen.

Ende 2020 erreichte die Übersterblichkeit einen Höhepunkt

Drei Wochen nach Start des ersten Lockdowns, also in der Woche vom 6. bis 12. April 2020, starben bereits 20 Prozent mehr Pflegebedürftige als im Mittel der Vorjahre 2015 bis 2019. In der zweiten Pandemiewelle zwischen Oktober und Dezember 2020 lag die sogenannte Übersterblichkeit im Schnitt bei 30 Prozent. Ein Höhepunkt wurde dem Bericht nach am Jahresende erreicht: In der 52. Kalenderwoche 2020 betrug die Übersterblichkeit 81 Prozent.

In ganzen Zahlen ausgedrückt bedeutet das: 13 von je 1.000 Pflegeheimbewohner starben in dieser letzten Dezemberwoche. Im gesamten vierten Quartal starben im Schnitt durchschnittlich neun von 1.000 Pflegeheimbewohnern – ein Drittel mehr als gewöhnlich.

„Die Infektionsschutzmaßnahmen während der Pandemie reichten nicht aus, um die im Heim lebenden pflegebedürftigen Menschen ausreichend zu schützen", sagt Dr. Antje Schwinger, Leiterin des Forschungsbereichs Pflege im WIdO und Mitherausgeberin des Pflege-Reports.

 

Sterben plus soziale Isolation

Besonders ärgerlich: Trotz offensichtlichem Systemversagen, mussten die alten Menschen in den Heimen zahlreiche Entbehrungen in Kauf nehmen. Sie wurden sozial isoliert, durften keinen Besuch mehr empfangen, mussten auf Therapieangebote und Gemeinschaftsaktivitäten verzichten. Eine Befragung von Angehörigen zur Situation in der ersten Welle, die ebenfalls in den Pflegereport einfloss, zeigt die dramatischen Auswirkungen.

Angehörigen berichten von Verschlechterungen der geistigen und körperliche Fitness

Demnach berichten 43 Prozent der befragten Bezugspersonen, dass zwischen März und Mai 2020 die Möglichkeit zum persönlichem Kontakt, auch unter Einhaltung von Schutzmaßnahmen, gar nicht gegeben war. Für ein weiteres knappes Drittel (30 Prozent) war diese Möglichkeit nur selten gegeben. Nach Angaben der Bezugspersonen war es 16 Prozent der pflegebedürftigen Personen nicht möglich, das eigene Zimmer zu verlassen, weiteren 25 Prozent war es nur selten möglich. Damit hatten 36 Prozent der pflegebedürftigen Personen, die vor der Pandemie täglich oder mehrmals in der Woche das Zimmer verlassen haben, diese Möglichkeit während des ersten Lockdowns gar nicht oder nur selten. Die soziale Isolation blieb nicht ohne Folgen.

Laut Befragung haben die Angehörigen deutlich negative Veränderungen des körperlichen, geistigen und psychischen Zustands der pflegebedürftigen Person beobachtet. Mehr als 70 Prozent berichten über häufigere Gefühle von Einsamkeit und Alleinsein seitens der pflegebedürftigen Person, häufigere Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit (68 Prozent), Verschlechterungen der geistigen Fitness der pflegebedürftigen Person (61 Prozent) sowie verringerte Beweglichkeit beim Gehen, Aufstehen oder Treppensteigen (56 Prozent).

"So eine Situation darf sich nicht wiederholen"

„Die ergriffenen scharfen Isolationsmaßnahmen in den Pflegeheimen in der ersten Pandemiewelle haben dramatische Auswirkungen für die Pflegebedürftigen, und zwar physisch und psychisch", so Antje Schwinger.

Deshalb müsse nun untersucht werden, wie Isolation, Kontaktsperren zu Angehörigen und die Einschränkung der Bewegungsfreiheit das Leben der Pflegeheimbewohner beeinflussten, so Antje Schwinger „und welche technischen, baulichen, rechtlichen und personellen Veränderungen und Ressourcen benötigt werden, um zu vermeiden, dass sich eine solche Situation wiederholt.“

Foto: © Adobe Stock/ OceanProd

Autor: ham
Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Corona , Medizin , Pflege
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Coronavirus , Alter
 

Weitere Nachrichten zum Thema Corona

11.06.2021

Ältere Menschen scheint die Covid-Impfung nicht vollständig vor einer Infektion mit dem Coronavirus zu schützen. Das zeigen wiederholte Ausbrüche in Pflegeheimen. Wissenschaftler der Charité haben nun einen Ausbruch näher untersucht – und kommen zu interessanten Ergebnissen.

 

Aktuelle Nachrichten

Mehr zum Thema
 
Weitere Nachrichten
Saubere Hände sind nicht nur in der Corona-Pandemie wichtig. Zahlreiche Erkrankungen lassen sich mit gründlicher Händehygiene vermeiden: Erkältungen, Magen-Darm-Probleme – und sogar Wurm-Erkrankungen. Mit kreativen Ideen kann man Kinder dazu motivieren, dass Hände waschen für sie in bestimmten Situationen des Alltags zum festen Ritual wird.

Seit August ist bekannt, dass die Impfquote in Deutschland höher ist als dem Robert Koch Institut gemeldet. Nun rechtfertigt das RKI die Untererfassung, die nach neusten Schätzungen fünf Prozentpunkte beträgt. Das Digitale Impfquotenmonitoring sei als Mindestimpfquote zu verstehen.

 
Kliniken
Interviews
Aducanumab ist das erste in den USA zugelassene Medikament, das die Alzheimer typischen Amyloid-Plaques zum Verschwinden bringt. Aber kann der neue monoklonale Antikörper mit dem Handelsnamen Aduhelm auch den Gedächtnisverlust stoppen? Und warum ist die Notfallzulassung in den USA durch die US-Food and Drug Administration (FDA) so umstritten? Darüber hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Neurologen und Alzheimer-Experten Prof. Johannes Levin vom LMU Klinikum München gesprochen.

Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.

Logo Gesundheitsstadt Berlin